Lexikon der Religionen:

Die drei Daseinsmerkmale

Wesentliches Konzept der buddhistische Lehre

Die drei Daseinsmerkmale aller bedingten Phänomene („Trilakshana“) werden auch die „drei Kennzeichen der Existenz“ genannt. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der buddhistischen Lehre und werden daher von allen buddhistischen Schulen anerkannt. Auch wenn es sich scheinbar um drei verschiedene Merkmale handelt, stehen diese doch in engem Zusammenhang miteinander.

Vergänglichkeit („Anitya“)

Buddha kam zum Schluss, dass jegliche Erscheinungen unbeständig sind. Dies kommt in seiner Aussage, wonach alle zusammengesetzten Dinge dem Verfall unterworfen sind, klar zum Ausdruck. Was entstanden ist, werde auch vergehen. Nach dieser Auffassung findet in jedem Augenblick Veränderung statt. Es gibt demnach nichts, das unveränderlich oder ewig wäre. Da alle Phänomene unbeständig sind, ist jedes Festhalten zum Scheitern verurteilt. Wenn dennoch daran festgehalten wird, entsteht Leid, Frustration, das Gefühl der Unzulänglichkeit. Folglich ist eine passende Antwort auf das Erkennen von Vergänglichkeit: Loslassen - mehr dazu im Eintrag „Die Vier Edlen Wahrheiten“.

Was auch immer dem Entstehen unterworfen ist, ist dem Vergehen unterworfen.
Predigt von Benares, S.XVI.11, MV.I.1.6

Leiden („Duhkha“)

Der Begriff „Duhkha“ wird in den meisten Fällen mit Leiden übersetzt und wird in der ersten der Vier Edlen Wahrheiten besprochen. „Duhkha“ umfasst viel mehr als das, was wir gewöhnlich unter Leiden verstehen. Zugleich kann die Übersetzung als Leiden zu dem Schluss führen, dass das Leben aus buddhistischer Sicht eine einzige Qual sei. Dabei wird übersehen, dass das Herzstück des Buddhismus die Befreiung von „Duhkha“ ist. „Duhkha“ bleibt am besten unübersetzt, denn es umfasst eine ganze Bandbreite von körperlichen, emotionalen und mentalen Beeinträchtigungen, die mit Begriffen wie Frustration, Unzulänglichkeit, Unwohlsein und Unbeständigkeit („Anitya“) angedeutet, damit allerdings nur unzureichend wiedergegeben werden.

Drei Aspekte von Duhkha

  1. Das offensichtliche Duhkha („duhkha-duhkha“): Krankheit, Tod, Trennung von Geliebtem oder etwas, das man begehrt, nicht zu bekommen
  2. Das „Duhkha“, das durch Veränderung bzw. Unbeständigkeit der Dinge entsteht („viparinama-duhkha“).
  3. Das existenzielle Duhkha („samskara-duhkha“): verbunden mit bedingten Daseinsvorgängen

Enge Verbindung zwischen „Dukha“ und „Anitya“

Fühlende Wesen suchen das Angenehme und meiden das Unangenehme. Ist das Angenehme einmal gefunden, will man es festhalten, bewahren oder besitzen. Doch bald wird man feststellen, dass auch das vergänglich ist. So folgen Unmut, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Frust, kurz: „Duhkha“.

Die enge Beziehung zwischen „Duhkha“ und „Anitya“ erklärt sich daraus, dass „Duhkha“ im Zusammenhang mit den Lehren der fünf vergänglichen Daseinsfaktoren („Skandhas“) steht, die gemeinsam das ausmachen, was wir „Person“ nennen. Etwas persönlich zu nehmen, heißt nach dieser Lehre der Illusion eines unabhängigen Wesenskerns zu erliegen. Da sich die „Skandhas“ ständig verändern, werden sie mit „Duhkha“ gleichgesetzt. Nichts Vergängliches kann dauerhafte Zufriedenheit bringen. Wer dies trotzdem versucht, leidet an der Unwissenheit („Avidya“) bezüglich des Daseinsmerkmals Nicht-Selbst („Anatman“).

Was unbeständig ist, ist Leiden; was Leiden ist, ist Nicht-Selbst; was Nicht-Selbst ist, das ist nicht mein, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.
SN IV 1,13-15

Nicht-Selbst („Anatman“)

Wenn alles vergänglich ist, kann es auch keinen unveränderlichen Wesenskern bzw. ein unveränderliches, ewiges Selbst („Atman“) oder „Ich“ geben - mehr dazu im Eintrag „Anatman“. Nichts existiert aus sich selbst heraus. Nichts kann auf Grund einer einzigen Ursache entstehen. Viele Ursachen müssen zusammen kommen, damit etwas entsteht - mehr dazu im Eintrag „Pratityasammutpada“ (Lehre vom bedingten Entstehen). Nach buddhistischer Anschauung klammern sich die Menschen an die Vorstellung eines unabhängigen, eigenständigen Selbsts („Atman“) und streben und nach der Befriedigung der Bedürfnisse dieses abgetrennten Selbsts. Dadurch entsteht Leiden („Dhukha“).

Übersichtsartikel zum Buddhismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: