Lexikon der Religionen:

Nirvana

Das Ende des Leidens im Buddhismus

„Nirvana“ (wörtlich: „Erlöschen“) ist das Ziel und die Erfüllung der buddhistischen Heilslehre. Mit dem Nirvana tritt man aus dem „Samsara“ (Geburtenkreislauf) aus und wird nicht mehr wiedergeboren. Nirvana bringt daher auch das Ende des Leidens. Die drei leidverursachenden Geistesgifte - Gier („Lobha“), Hass („Dosa“) und Verblendung bzw. Unwissenheit („Moha“, „Avidya“) - sind dann vom Menschen bis in ihre subtilsten Formen erkannt und beendet. Die Befreiung bedeutet das Ende der Identifikation mit den fünf Aggregaten („Skandhas“), aus denen sich ein Mensch nach buddhistischer Anschauung zusammensetzt.

Schlafender Buddha

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Statue eines schlafenden Buddha

In der frühen westlichen Rezeption des Buddhismus wurde Nirvana mit „Nichts“ übersetzt, was zur fälschlichen Annahme führte, dass es sich beim Buddhismus um eine Form des Nihilismus handelt. Nirvana ist jedoch auch kein Jenseits im Sinne eines Himmels oder ein anderer Ort. Es ist das Ende von falschen Vorstellungen über die Natur der Phänomene und dem daraus resultierenden Leiden.

„Achtfacher Pfad“ zu Nirvana

Der Weg, der zu Nirvana führt, ist „der achtfache Pfad“ (mehr dazu im Eintrag „Die Vier Edlen Wahrheiten“), unterteilt in die drei Breiche sittliches Verhalten („Sila“), Konzentraion („Samadhi“) und Weisheit („Prajna“). Besonders wichtig ist es auf diesem Pfad, Stufen vertiefter Konzentrationen („Dhyana“) sowie Achtsamkeit („Smirti“) zu entwickeln. Dadurch wird die Einsicht in die Natur der Phänomene ermöglicht.

Prinzipell kann jeder Mensch Nirvana zu Lebzeiten verwirklichen. Im frühen Buddhismus (Theravada) wird eher Mönchen und Nonnen die Möglichkeit des Erwachens zugesprochen. In den Schriften des frühen Buddhismus ist von wenigen Laien die Rede, die trotz ihres weltlichen Lebens die Befreiung erlangt haben.

Im „Mahayana“ kann jeder erleuchtet werden

Im frühen Buddhismus wird der Titel Buddha für den historischen Buddha Sitthartha Gotama, sowie alle Buddhas der Vergangenheit und Zukunft verwendet. Alle anderen, die durch das Hören der buddhistischen Lehren Nirvana verwirklicht haben, werden als Arhat („Würdiger“) bezeichnet. Im „Mahayana“ fand eine Umdeutung der Begriffe statt. Hier kann jeder hingebungsvolle Praktizierende ein Buddha werden, auch wenn so ein Projekt viele Leben dauern mag.

Ein Wesen, das sich das Ziel gesteckt hat ein Buddha zu werden, wird „Bodhisattva“ (Erleuchtungswesen) genannt. Ein Erwachter lebt und handelt weiterhin, aber bringt nur noch Gutes in die Welt, denn er hat die leidverursachenden Faktoren erkannt und beendet, somit kann kein „Karma“ mehr entstehen. Das spontane Wirken eines erwachten Menschen ist auf das Wohl aller Wesen ausgerichtet. Der Tod bedeutet in diesem Fall das vollkommene Verlöschen, auch „Parinirvana“ genannt.

Beschreibungen von Nirvana

Nachdem Buddha Erleuchtung erlangt hatte, verkündete er: „Das Todlose ist gefunden“. Nach der Lehre des „bedingten Entstehens“ ist alles, was zusammengesetzt ist, dem Verfall unterworfen. Wenn Nirvana das Todlose ist, dann muss es unbedingt sein: Es hat keine Vorbedingungen und hat keine Entstehungsgeschichte – es ist nicht entstanden und unvergänglich. Ein erwachter Mensch kann nicht mehr gemessen oder beschrieben werden. Der Zustand des Nirvana wird mit der Weite und Tiefe des Himmels verglichen. Immer wieder wird Nirvana auch als das höchste Glück beschrieben.

„Es gibt, Ihr Mönche, ein Ungeborenes, Ungewordenes, Ungeschaffenes, Ungestaltetes. Wenn es, Ihr Mönche, dieses Ungeborene, Ungewordene, Ungeschaffene, Ungestaltete nicht gäbe, so wäre hier ein Ausweg aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Gestalteten nicht zu erkennen. Weil es nun aber, Ihr Mönche, ein Ungeborenes, Ungewordenens, Ungeschaffenes, Ungestaltetes gibt, so ist auch ein Ausweg aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen, Gestalteten zu erkennen.“

Itivuttaka 43 übersetzt von Karl Seidenstücker S.145.

Nirvana im Mahayana

In späteren Ausformungen des Buddhismus, insbesondere in der Strömung des „Mahayana“, erlebt das Wort „Nirvana“ eine Bedeutungsverschiebung: Durch das „Bodhisattva“-Ideal, die Haltung der Praktizierenden, erst ins Nirvana einzutreten, wenn alle Wesen Befreiung erlangt haben, hat Nirvana außerdem eine kollektive Bedeutung bekommen. Auf Grund von philosophischen Weiterentwicklungen ist die Vorstellung entstanden, dass „Nirvana“ und der Geburtenkreislauf „Samsara“ ident seien und dass es darum gehe, Leerheit („Shunyata“) als die wahre Natur aller Phänomene zu erkennen.

Missverstandenes Nirvana

Der todlose Aspekt an Nirvana sollte nicht mit dem ewigen Leben der Christen verwechselt werden und auch nicht mit der wiederholten Wiedergeburt in „Samsara“. Das Verlöschen mit Vernichtung zu verwechseln, ist ebenso unangemessen. Wenn eine Flamme ausgeht, ist sie nach buddhistischer Vorstellung deswegen nicht vernichtet. Sie gilt nur als abwesend.

Übersichtsartikel zum Buddhismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: