Lexikon der Religionen:

Mahayana

Eine Hauptrichtung im Buddhismus

Das „Mahayana“ ist eine der großen Hauptströmungen im Buddhismus, die sich zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr. etabliert hat. Die Lehren des Mahayana sind eine Weiterentwicklung von älteren buddhistischen Konzepten, die erst im Laufe der Zeit systematisiert wurden. Das Mahayana war anfänglich keine eigene Gruppierung, sondern entwickelte sich zeitgleich innerhalb verschiedener buddhistischer Richtungen.

Das Mahayana unterscheidet sich von den älteren Schulen des Buddhismus (siehe Theravada) vor allem durch eine Neuinterpretierung der buddhistischen Ideale und Grundwerte. Bereits während des zweiten Konzils (ca. 270 v. Chr. ) in der nordostindischen Stadt Vaishali hatten sich erste Spaltungen abgezeichnet. Die Sthaviravadins („die Lehre der Älteren“) und die „Mahasanghikas“ („die große Versammlung“) gerieten in Uneinigkeit bezüglich der Auslegung der „Vinaya“ (Mönchsregeln) und des „Dharma“ (der buddhistischen Lehre) - mehr dazu in Geschichte des Buddhismus. Im „Mahasanghika“ sehen die Schulen des Mahayana eine ihrer Wurzeln.

Zentrale Werte des Mahayana

Im Zentrum des Mahayana stehen die Werte Mitgefühl („Karuna“) und Weisheit („Prajna“). Diese werden wie zwei Beine betrachtet, die notwendig sind, um den buddhistischen Weg zu gehen.

Das „Bodhisattva“-Ideal:

  • Die Zahl der Wesen ist unendlich; ich gelobe, sie alle zu erlösen.
  • Gier, Hass und Unwissenheit entstehen unaufhörlich; ich gelobe, sie zu überwinden.
  • Die Tore des Dharmas sind zahllos; ich gelobe, sie alle zu durchschreiten.
  • Der Weg des Buddha ist unvergleichlich; ich gelobe, ihn zu verwirklichen.

Im frühen Buddhismus war Buddha, bevor er Erleuchtung erlangte, ein „Bodhisattva“ (Erleuchtungswesen), also ein Wesen, das nach Erleuchtung, zum Wohle aller fühlenden Wesen, strebt. In den Legenden, die von den vergangenen Leben des Buddha Siddhartha Gautama berichten („Jatakas“), werden die Erlebnisse und guten Taten des „Bodhisattvas“ geschildert. Diese Geschichten erzählen von selbstlosen Handlungen, wie etwa, dass der werdende Buddha sich aus Mitgefühl einer Tigerin zum Fraß vorwarf, weil sie am Verhungern war und ihren Kindern keine Milch mehr geben konnte. Diese Entbehrungen nahm der „Bodhisattva“ auf sich und wurde schließlich als Prinz Siddhartha Gautama wiedergeboren. Dies geschah, weil er den Erleuchtungsgedanken („Bodhicitta“) in sich geweckt hatte, also den tiefen Wunsch, „vollkommene Erleuchtung“ zu erlangen.

Erleuchtung auch für Laien möglich

Im Mahayana wird der Weg des „Bodhisattva“ zum Vorbild für alle Praktizierenden. Der Wunsch, zum Wohle aller fühlenden Wesen den Erleuchtungsgeist („Bodhicitta“) zu entfalten, steht am Beginn des Weges, der mit der Erlangung der Buddhaschaft gekrönt ist. Der „Bodhisattva“ gelobt aus grenzenlosem Mitgefühl, erst dann ins Nirvana einzugehen, wenn alle anderen Wesen befreit sind. Da aber „die Zahl der Wesen unendlich ist“, verändert sich im Mahayana das Verständnis bzw. Verhältnis von Samsara und Nirvana. Während im frühen Buddhismus der Weg aus dem Samsara ins Nirvana führt, wird im Mahayana die Polarität zwischen Samsara und Nirvana entkräftet. Somit kann der „Bodhisattva“ in der bedingten Welt (Samsara) bleiben und gleichzeitig Nirvana verwirklichen.

Das „Bodhisattva“-Ideal des Mahayana betont, dass nicht nur Mönche und Nonnen, sondern auch Laien vollkommenes Erwachen anstreben und erreichen können. Daraus ergibt sich bisweilen die implizite Abwertung der Bezeichnung „Hinayana“ („kleines Fahrzeug“) für die Schulen des frühen Buddhismus. Diesen Schulen wurde nämlich unterstellt, den Weg des „Arhat“ (Würdigen) zu bevorzugen. Der Arhat strebt dieser Ansicht nach bloß nach seiner eigenen Erleuchtung und nicht danach, ein vollkommen Erwachter („Samyak-Sambuddha“) zu werden, der die Fähigkeit besitzt, die buddhistische Lehre („Dharma“) weiterzugeben.

Wichtige Mahayanasutren

  • Lotus Sutra
  • Lankavatara Sutra
  • Prajnaparamita Sutra
  • Buddhavatamsaka Sutra

Die Neuerungen des Mahayana

Im Mahayana entstanden zahlreiche neue Schriften („Sutras“), deren Studium zum Teil das Zentrum eigener Schulen wurde. Eine eigene Literaturgattung bilden die „Prajna-Paramita-Sutras“ (Sutras der Vollkommenheit der Weisheit, entstanden zwischen dem 1. vor- und 2. nachchristlichen Jahrhundert). Die bekanntesten unter diesen sind das Herz-Sutra und das Diamant-Sutra.

In einigen Mahayana-Schriften wird Buddha als übernatürliches Wesen dargestellt, ein ewiges universales Prinzip, dass sich immer wieder aufgrund des unermesslichen Mitgefühls auf der Erde verkörpert. Im Mahayana ist der Kosmos von Buddhas und „Bodhisattvas“ bevölkert. Neben dem Buddha werden „Bodhisattvas“ verehrt, die verschiedenste Erscheinungen haben und für verschiedene Bereiche zuständig sind.

Berühmte „Bodhisattvas“

  • Manjushri (Bodhisattva der Weisheit)
  • Avalokitesvara (Bodhisattva des Mitgefühls)
  • Maitreya (Bodhisattva der Zukunft)

Durch die veränderte Sicht auf Buddha und dem damit neu gegebenen Verhältnis vieler Buddhas zum „Dharma“ wurde die Lehre von den drei Körpern („Trikaya“) entwickelt. Diese beinhalten sowohl den physischen Körper als auch alle anderen Aspekte eines Buddha. Es handelt sich hierbei um die formlose Verwirklichung der absoluten Wirklichkeit („Dharmakaya“ bzw. Wahrheitskörper), die übermenschliche Erscheinungsform des Buddha als „Dharma“-Lehrer in verschiedenen Paradiesen („Sambhogakaya“ bzw. Glückseligkeitskörper). In der Meditation wird der Glückseligkeitskörper des Buddha geschaut und kann auch im Kult verehrt werden. Der „Nirmanakaya“ bzw. Verwandlungskörper ist die grobstoffliche Manifestation des historischen Buddha Sakyamuni.

Leerheit und Buddhanatur

Die Leerheit („Shunyata“) ist ein zentraler Begriff des Mahayana. Die Philosophie der Leerheit enthält wesentliche Lehren des Buddhismus wie „bedingtes Entstehen“ („Pratityasammutpada“) und „Nicht-Selbst“ („Anatman“). Die Lehre der Leere besagt in einfachen Worten, dass alle Phänomene in wechselseitiger Abhängigkeit entstehen und keinen selbstständigen und unveränderlichen Wesenskern besitzen.

Im Mahayana entsteht die Vorstellung, dass grundsätzlich alle Wesen imstande sind, Erleuchtung zu erlangen. Dieses Erleuchtungspotenzial ist allen fühlenden Wesen von Natur aus gegeben und wird „Buddhanatur“ genannt. Durch das Ablegen von Gier, Hass und Verblendung kann die reine und leuchtende Natur des Geistes zum Vorschein gebracht werden. In einer Auslegung heißt das, dass die Wesen bereits Buddhas sind und diese Tatsache nur (wieder-)erkennen müssen.

Weitere Entwicklungen des Mahayana

Mit der Zeit entwickelten sich immer mehr unterschiedliche Schulen des Mahayana, die sich den veränderten kulturellen Bedingungen anpassten und philosophische Neuerungen einbauten. Ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. entstanden eigenständige Mahayana-Orden. Das Mahayana breitete sich von Indien über den asiatischen Raum aus und gelangte nach Nepal, Tibet, China, Korea und Japan. In Nepal und Tibet nahm der Mahayanabuddhismus tantrische Praktiken und schamanische Elemente auf („Vajrayana“). In China beeinflussten Konfuzianismus und Taoismus die Entstehung des Chan-Buddhismus, welcher sich schließlich in Japan zum Zen weiterentwickelte.

Übersichtsartikel zum Buddhismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: