Lexikon der Religionen:

Zen

Die japanische Ausprägung des Buddhismus

Im fünften Jahrhundert n. Chr. entwickelte sich in China die buddhistische Schule des „Chan“, was eine Übersetzung des Sanskrit-Wortes „Dhyana“ ist und „Meditation“ bedeutet. Chan hat sich auf der Grundlage des „Mahayana“-Buddhismus entwickelt. Als diese Schule im zwölften Jahrhundert nach Japan kam, wurde sie Zen genannt.

Bodhidharma, der Zenmeister

Der indische Mönch Bodhidharma ist das Urbild des Zenmeisters, der fern der Städte ein einfaches Leben führt. Er gilt als der erste Zen-Patriarch. Er soll zwischen 516 und 526 n. Chr. nach China gekommen sein. Um ihn ranken sich viele Mythen. Er soll neun Jahre lang bewegungslos mit dem Gesicht zu einer Wand meditiert haben. Auf Anfragen seiner Mitmönche, Belehrungen zu erteilen, reagierte er nicht. Erst als Huike, Bodhidharmas Nachfolger, einer Legende nach, sich selbst einen Arm abschnitt, soll er eingelenkt haben.

Sitzmeditation wichtige Praxis

Im Zen-Buddhidmus wird das plötzliche Erwachen („Satori“) betont. Im Gegensatz zum indischen Buddhismus, wo der Weg zur Erleuchtung ein Stufenweg ist, der von Schriftstudium sowie Vermeidung schlechter Handlungen begleitet wird, herrscht im Zen die Auffassung, dass die jedem Menschen innewohnende Buddhanatur (das Potenzial ein Buddha zu werden) durch das Aufeinandertreffen von Lehrer und Schüler offenbart wird.

Jugendliche bei der japanischen Zen-Meditation

Reuters/Yuriko Nakao

Meditation ist eine wichtige Übung im Zen-Buddhismus.

Zen legt besonders Wert auf die Sitzmeditation (japanisch: „Zazen“). Sie wird stundenlang und regungslos praktiziert. Der Atem wird immer ruhiger. Alles, was im Geist auftaucht, wird weder festgehalten noch unterdrückt. Die gelöste Wachheit, die dabei entsteht, soll in den Alltag integriert werden. So wird das ganze Leben zur Meditation. Die konzeptuelle Trennung zwischen heilig und profan wird aufgehoben - mehr zu Meditationspraktiken im Buddhismus im Eintrag „Meditation und Achtsamkeit“.

Überlieferung jenseits von Wort und Schrift

Zen beruft sich auf die direkte Überlieferung abseits des Schrifttums. Dabei steht die Weitergabe des Erleuchtungsgeistes von Meister an Schüler im Zentrum. Philosophischer Spekulation wird ebensowenig Bedeutung beigemessen wie der Übersetzung buddhistischer Texte. Die Tradition des Zen versteht sich als Kritik am intellektuellen Gelehrtenbuddhismus seiner Zeit.

Der Zen-Buddhismus wurde und wird durch folgende Legende inspiriert: Während einer Rede soll Buddha eine Blume hochgehalten und dabei geschwiegen haben. Die versammelte Mönchsgemeinde fragte sich, was das wohl zu bedeuten hätte. Ein einziger Mönch namens Mahakasyapa lächelte und drückte so sein wortloses Verständnis dieser Geste aus. Buddha verkündete daraufhin, dass er diesem fortgeschrittenen Schüler die Erkenntnis der Wirklichkeit jenseits der Sprache übermittelt hat. Diese Legende ist Ausdruck der Übermittlung des essenziellen „Dharma“ (Buddha-Lehre) jenseits von Wort und Schrift. Dennoch hat auch das Zen eine schriftliche Tradition hervorgebracht, in der die Legenden der Zenmeister und die Sammlungen von „Koans“ (Zenrätsel) tradiert wurden.

Berühmte Koans

  • „Hat ein Hund Buddha-Natur?“
  • „Wie klingt das Geräusch einer klatschenden Hand?“

Koan: Scheinbar sinnlose Fragen

Es gibt zwei berühmte Anthologien von Koans (japanisch: „Hekigan-roku“ und „Mumonkan“). Hierbei handelt es sich um Sammlungen kurzer Geschichten und Dialoge zwischen Meister und Schüler, die dazu dienen, den der klassischen Logik verpflichteten Verstand ins Leere laufen zu lassen. Durch eingehende Konzentration auf eine scheinbar sinnlose Frage oder Begebenheit sollen Adepten befähigt werden, „die Barrieren zur Erleuchtung niederzureißen, die die rationalen Gewohnheiten des Geistes errichtet haben“ (Keown, D.: Lexikon des Buddhismus, Pathmos Verlag, S. 128) und durch angemessene Handlung dem Meister vorzuführen, dass sie in die Quintessenz des „öffentlich-privaten Rätsels“ vorgedrungen sind.

Zwei Schulen des Zen

Unter den Nachfolgern Bodhidharmas („Huike“) entwickelte sich die Eigenart des Zen heraus. Besonders herausragend ist Rinzai (chinesisch: Lin-chi, gest. 866), der seine Schüler anschrie und sie sogar schlug, um „Satori“ zu bezwecken, in ihnen spontanes Erwachen zu erwecken. Die Aufzeichnungen über das eigenwillige Verhalten der Zenmeister wurden zu den verbindlichen Schriften des Zen. Diese Geschichten sind Paradebeispiele des Zen und dessen Methoden. Nicht durch das Studium, sondern durch direkte Erfahrung wird Erleuchtung erreicht. Um die Dinge direkt zu erfahren, „wie es ist“ (Shunryu Suzuki), wird das gewöhnliche Denken transzendiert.

In Japan entwickelten sich ab dem zwölften Jahrhundert zwei Schulen des Zen: Soto und Rinzai. Die Soto-Schule wurde von Dogen Kigen (1200 bis 1253) gegründet. Myoan Eisai (1141 bis 1215) gründete die Rinzai-Schule. Während erstere das bloße Sitzen (japanisch: „Zazen“) betonen, studieren und kontemplieren Rinzai-Schüler „Koans“, um Buddhaschaft zu erlangen.

Buchhinweis

Shunryū Suzuki: Zen-Geist, Anfänger-Geist. Herder, 9,20 Euro.

Zen in der Moderne

Einerseits ergaben sich viele Anknüpfungspunkte durch asiatische Einwanderer in westliche Industriestaaten. Andererseits interessierten sich mehr und mehr westliche Reisende, Wissenschafter, Künstler und Literaten für ostasiatische Kulturen, Sprachen und Religionen. In den 1930-er und 40-er Jahren war Japan während der Zeit des Nationalsozialismus ein Verbündeter von Deutschland. Die Auseinandersetzungen zwischen den Alliierten und Japan trugen dazu bei, dass japanische Kultur auch in unseren Breitengraden bekannter wurde.

Zur Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich in den USA die „Beatpoets“ und andere Künstler, Musiker und Schriftsteller wie Alan Watts, Allen Ginsberg und Gary Snyder mit Zen auseinander. In den USA der 1970-er und 80-er Jahre wurde diese Richtung des Buddhismus ausgesprochen populär und fand Eingang in die Alltagskultur. Gerade im Zen-Buddhismus wird immer wieder betont, wie wichtig es sei, ganz alltägliche Verrichtungen wie Kochen, Essen, Geschirrspülen oder Autofahren und Einparken als Meditationspraxis aufzufassen.

Übersichtsartikel zum Buddhismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: