Dharma

Recht, Sitte und Ordnung im Hinduismus

„Dharma“ ist im Hinduismus der Begriff für die natürliche und gesetzte Ordnung, für Sitte und Recht in weitestem Sinn. Häufig übersetzt man den Begriff auch einengend mit dem Wort „Religion“. Dharma umfasst neben den persönlichen Pflichten eines jeden Individuums, wie etwa Gebet, Opfer, Wallfahrten, Schenkungen und familiäre Verpflichtungen, auch das Gewohnheitsrecht, Staatsrecht sowie gesellschaftliche Vorschriften. Dharma gilt nicht nur für Menschen, gleichermaßen sind Tiere und sogar Pflanzen daran gebunden.

Dharma gehört neben „Artha“, dem Streben nach Wohlstand, „Kama“, dem Streben nach weltlicher und sexueller Lust, und „Moksha“, dem Verlangen nach spiritueller Erlösung, zu den „vier legitimen Zielen“ („Purushartha“) eines Menschen.

„Sanantana dharma“ ist das Naturgesetz

„Sanatana dharma“, der „ewige Dharma“, ist das, was das gesamte Universum zusammen hält. Alle Naturgesetze sind „sanatana dharma“, auch die Weisheiten der Veden, der wichtigsten und ältesten Hindu-Texte, zählen dazu. „Sanatana dharma“ nennen Hindus ihre Religion.

Auf menschlicher Ebene bedeutet Dharma die Pflicht und die Ordnung der Gesellschaft sowie der individuellen Existenz: Lebensaufgabe, Gesinnung, Recht, Moral, Kult, Sitte, Bräuche. Als soziales Gesetz muss der Dharma ein reibungsloses Leben in Familie und Gesellschaft ermöglichen. Es gibt jedoch keinen gemeinsamen, für alle gleichermaßen verbindlichen Moralkodex. Der Dharma hängt von der gesellschaftlichen Stellung, vom Lebensalter und vom Geschlecht ab. Der herkömmliche Kastendharma weist jedem innerhalb der Gesellschaft einen bestimmte Auftrag sowie spezifische moralische Anforderungen zu. Für Mann und Frau gelten verschiedene Rechte und Pflichten.

Vier Stadien des idealen Lebens

Hinduistische Überlieferungen teilen ein ideales Menschenleben in vier Lebensstadien ein: Schüler, Haushalter, frühes Alter und die Vorbereitung auf den Tod. Alle Lebensstadien haben einen ganz charakteristischen Dharma und stellen damit ganz bestimmt Anforderungen.

Im ersten Lebensabschnitt soll die Aufmerksamkeit auf das Lernen gerichtet sein. Im zweiten Abschnitt gehört zur Familiengründung auch Artha, das Streben nach Wohlstand und Kama, sexuelle Lust. Aber auch Pflichten, wie die Familie zu versorgen und jenen zu helfen, die in Not geraten sind, sind Teil dieser Phase. Im dritten Lebensabschnitt sollte langsam alles aufgegeben werden, und im vierten sollte man ohne jede weltliche Bindung nach Erlösung streben.

Überlieferung des Dharma und Gesetzgeber

„Sechs Feinde“

Sie verhindern laut Überlieferungen die - Erfüllung des Dharma:

  • „lobha“ (Gier,Geiz),
  • „krodha“ (Wut, Zorn)
  • „kama“ (weltliches Verlangen)
  • „moha“ (geistige Verblendung)
  • „mada“ (Hochmut)
  • „matsarya“ (Eifersucht und Neid)

Eines der wichtigsten Lehrbücher zum Dharma ist das Gesetzbuch des mythischen Weisen Manu, die „Manusmiti“ (zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr.). Obwohl das Buch noch heute eine wichtige Rolle spielt, betrachtet man die Ausführungen nicht als für alle Zeiten wörtlich gültige Anleitung zu rechtem Verhalten. Auch mehrere religiöse Rechtstexte anderer Autoren verschiedenster Traditionen erheben jeweils den Anspruch, die höchste Autorität zu vertreten. Die meisten alten Texte, auch die Epen wie „Ramayana“ und „Mahabharata“ mit der „Bhagavadgita“, enthalten wichtige Überlieferungen hinsichtlich Dharma. Sie sind somit „Dharmashastras“.

Die populäre Schrift „Bhagavadgita“ (16. 1-3) nennt folgende Anlagen „dessen, der mit göttlicher Natur geboren wurde“:

  1. Furchtlosigkeit, Reinheit des Geistes, kluge Verteilung von Wissen und Versenkung, Mildtätigkeit, Selbstbeherrschung und Opfer, Studium der Schriften, Askese und Aufrichtigkeit
  2. Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Nicht-Zürnen, Entsagung, Ruhe, Nicht-Verleumdung, Mitleid mit den Geschöpfen, Begierdelosigkeit, Milde, Bescheidenheit und Beständigkeit.
  3. Kraft, Vergebung, Stärke, Reinheit, Nicht-Böswilligkeit und Nicht-Hochmut

Übersichtsartikel zum Hinduismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: