Jom Kippur

Versöhnungsfest und höchster Feiertag der Juden

„Jom Kippur“ (Tag der Versöhung) findet am 10. Tischri, nach dem jüdischen Kalender ein Monat im September oder Oktober, statt und ist der höchste jüdische Feiertag. An diesem Tag stehen Reue, Buße und Umkehr im Mittelpunkt der Gebete, „denn an diesem Tag entsühnt man euch, um euch zu reinigen. Vor dem Herrn werdet ihr von allen euren Sünden wieder rein” (3. Buch Mose 16,30). Es ist ein strenger Fasttag, an dem auch jegliche Art von Arbeit verboten ist. Auch viele nicht strenggläubige Juden halten Jom Kippur ein.

Durch Umkehr guter Eintrag im Buch des Lebens

Der Feiertag steht in einer Reihe von Festtagen im Herbst, die mit dem jüdischen Neujahrsfest, „Rosch ha-Schana“, beginnen. Nach jüdischer Vorstellung trägt Gott zu Rosch ha-Schana sein Urteil über die Geschöpfe in das „Sefer ha-Chajim“ (Buch des Lebens) ein, doch erst am Jom Kippur wird das göttliche Urteil besiegelt. Durch tätige Reue, Umkehr („Tschuva“) und gute Taten in den zehn Tagen zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur können die Gläubigen ein schlechtes Urteil noch zum Guten wenden. Zu Rosch ha-Schana und in den zehn Tagen bis Jom Kippur wünscht man sich daher „Chatima tova“ (idiomatisch: gute Eintragung in das Buch des Lebens).

Schofarhörner für Rosch Ha-Schana und Jom Kippur
Reuters/Nir Elias
Schofarhörner sind ein wichtiges rituelles Instrument während der hohen Herbstfeiertage.

Strenges Fasten und Gebete in der Synagoge

Jom Kippur beginnt am 9. Tischri, dem „Erev Jom Kippur“ (Abend des Versöhnungstags), kurz vor Sonnenuntergang und endet am darauffolgenden Tag kurz nach Sonnenuntergang mit dem Blasen des Schofarhorns. In diesen gut 25 Stunden enthalten sich die Gläubigen von Essen, Trinken und sexuellen Beziehungen. Jom Kippur gilt als der „Schabbat Schabbaton“ (Schabbat der Schabbate), weswegen, wie am Schabbat üblich, Arbeit verboten ist. Dazu zählen auch Auto fahren, telefonieren und die Nutzung elektronischer Geräte.

Den Tag selbst verbringen die Gläubigen fast zur Gänze in der Synagoge. Schon am Vorabend wird im Gottesdienst das „Kol Nidrej“ gesprochen, ein Gebet, das Gelübde, die ein Mensch sich selbst aufgebürdet hat, aufhebt. Auch an Jom Kippur selbst gibt es zahlreiche Zusätze zur üblichen Liturgie. So werden beim Morgengebet die „Slichot“ (wörtlich: Entschuldigungen) gesprochen, Litaneien, in denen die Gemeinde kollektiv ihre Sünden bekennt und Gott um Vergebung bittet. Das reuevolle Gebet ist zwar an jedem Tag des Jahres möglich, soll aber zu Jom Kippur besonders wirkungsvoll sein.

Ritual des Versöhnungstags

„Der Bock, für den das Los ‚für Asasel‘ herauskommt, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden."
Lev. 16,10

Ursprung des "Sündenbocks“

In der Zeit des Zweiten Tempels in Jerusalem (515 v. Chr. bis 70 n. Chr.) wurden an Jom Kippur zwei Ziegenböcke geopfert. Per Los wurde entschieden, welcher im Tempel als Sühneopfer geschlachtet wurde. Der zweite Bock wurde, nachdem ihm symbolisch alle Sünden des israelitischen Volkes aufgelastet worden waren, in die judäische Wüste zu Asasel gebracht. Wer dieser Asasel ist, der in der hebräischen Bibel nur drei Mal erwähnt wird (im 3. Buch Mose 16), ist unklar: Je nach Tradition wird er als gefallener Engel, als Dämon oder als Symbol für den Satan gesehen. Noch heute wird das Wort „Asasel“ im Hebräischen häufig in der Wendung „(Lech) le-Asasel“ bedeutet „(geh) zum Teufel“ verwendet. Im Deutschen kennt man den „Si’ar le-Asasel“ (Bock für Asasel) als „Sündenbock“.

Ein chassidischer Jude beim Sühneritual Kapparot
Reuters/Ammar Awad
Ein chassidischer Jude vollzieht das Sühneritual „Kapparot“.

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 n. Chr.) in den Jüdischen Kriegen wurden zwar keine Tieropfer mehr dargebracht, doch bis heute gibt es Entsühnungsrituale zu Jom Kippur wie etwa das Sühneritual „Kapparot“. Dabei schwingt der Gläubige am Vorabend des Festtags ein lebendes Huhn drei Mal über dem Kopf und rezitiert eine Formel, die seine Sünden symbolisch auf das Tier überträgt. Danach wird das Tier rituell geschlachtet und den Armen gespendet. Dieses Ritual wird jedoch immer seltener praktiziert und ist nur noch in manchen ultra-orthodoxen Gemeinden üblich.

Israel steht still

In Israel herrscht zu Jom Kippur Ruhezustand. Der Flugverkehr und öffentliche Transporte kommen zum Erliegen, die Grenzposten sind gesperrt, Rundfunk- und Fernsehprogramme werden unterbrochen, Restaurants und Cafés sind geschlossen. Doch kaum ist Jom Kippur vorbei, beginnen schon die Vorbereitungen für das nächste Fest: Fünf Tage nach Jom Kippur wird sieben Tage lang „Sukkot“, das Laubhüttenfest, gefeiert, bei dem der Geschichte des Volkes Israels gedacht wird.

Leere Straße in Jerusalem zu Jom Kippur
Reuters/Ammar Awad
In Israel steht zu Jom Kippur der Verkehr still. Autofahren ist für 25 Stunden nur für Einsatzfahrzeuge erlaubt.

Übersichtsartikel zum Judentum

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon:

Aus dem ORF-Medienarchiv: