Avatara

Herabkünfte des Göttlichen im Hinduismus

Wesentlicher Bestandteil des Hinduismus ist die Lehre von den menschlichen Herabkünften Gottes, den „Avataras“. Hindus gehen davon aus, dass Gott im Lauf der Geschichte immer wieder auf die Erde herabgekommen und nicht nur menschliche, sondern ebenso tierische Formen angenommen hat. Als Retter der Welt und Erlöser von der Tyrannei des Bösen verkündet er die Wahrheit neu. Als Menschen führen Avataras ein durch und durch menschliches Leben, sind sich jedoch ihrer Göttlichkeit stets bewusst.

Als Begründung, warum Gott auf die Erde herabsteigt, liefert der populären Text aus der „Bhagavadgita“ (4.8): „Jedesmal, wenn die Rechtmäßigkeit im Schwinden ist, und Unrecht sich erhebt, lasse ich mein Selbst hervorströmen (Fleischwerden). Um die Guten zu beschützen, die Bösen zu vernichten und die Rechtmäßigkeit zu festigen, entstehe ich von Weltalter zu Weltalter.“

Zehn Avataras von Vishnu

Avataras sind hauptsächlich von Vishnu bekannt. Es werden unterschiedliche genannt, und die Zahl ist nicht begrenzt. Die klassische Reihe aber geht von zehn Inkarnationen aus: Demnach sind bisher neun erschienen, die zehnte und letzte steht noch aus.

Zuerst verkörpert sich Vishnu als Fisch, der die Vorfahren der Menschen vor der großen Flut errettete, dann als Schildkröte, Eber, Mann-Löwe; als zwergenhafter Brahmane Vamana durchmaß er mit zwei riesigen Schritten Himmel und Erde um mit dem dritten einen mächtigen Dämonen zu vernichten. In fünf weiteren Herabkünften erscheint Vishnu als Mensch: Der machtvolle Kämpfer Parashurama gab seine Kraft weiter an Rama, den Helden des „Ramayana“ (zwei Inkarnationen, die zur selben Zeit auf Erden lebten).

Ihm folgten die populärste unter den heute verehrten Gottheiten, Krishna und schließlich Buddha. Anstelle des historischen Buddha zählt oft auch Krishnas älterer Bruder Balarama zu den zehn Avataras. Am Ende des jetzigen Zeitalters erwartet man Kalkin, den apokalyptischen Reiter auf dem weißen Pferd. Er soll ein neues und besseres Zeitalter heraufführen.

Mythologische und historische Personen als Avataras

Außer dieser klassischen Reihe bezeichnet man als Avatara zahlreiche mythologische und historische Personen, die eine Weiterentwicklung der Menschheit erreicht haben. Auch betrachten viele Hindus ihren jeweiligen Guru als Herabkunft Gottes.

Obwohl im Shivaismus die Avatara-Idee nicht verbreitet ist, soll es auch von Shiva Herabkünfte geben. So berichten verschiedene Schriften über Lakulisha, Gründer des shivaitischen Ordens der Lingayats, er sei ein Avatar von Shiva gewesen. Ebenso wird Shankara, einer der bedeutendsten Philosophen und Heiligen (8. Jhd.), von vielen als Inkarnation Shivas bezeichnet.

Übersichtsartikel zum Hinduismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: