Ramayana

Die Geschichte des Hindu-Gottes Rama

„Ramayana“ (Lebenslauf des Rama) ist neben dem „Mahabharata“ das zweite große Epos des Hinduismus. Es erzählt die Geschichte von Rama, einer Herabkunft des Gottes Vishnu.

Das wahrscheinlich aus dem ersten Jahrhundert stammende Kunstgedicht mit vierundzwanzig Doppelversen, geschrieben in sieben Büchern, wird dem legendären Weisen Valmiki zugeschrieben. Es gilt als Vorbild für die spätere höfische Dichtung in Indien. Allerdings erlangte das Werk erst durch die Nachdichtung des Dichter-Heiligen Tulsidas zum Ende des sechszehnten und Beginn des siebzehnten Jahrhunderts weite Verbreitung.

Tulsidas’ Fassung, genannt „Ramcharitmanas“ (See der Taten Ramas), ist in Hindi geschrieben, während Valmikis Version in der Priester- und Gelehrtensprache Sanskrit geschrieben war. Beschreibt Valmiki Rama hauptsächlich als menschlichen Helden, ist er in der Version des Tulsidas eindeutig eine Manifestation des Göttlichen. Neben der Rahmenerzählung besteht das Epos aus zahlreichen eingeschobenen Sagen, Legenden sowie Abhandlungen zu Moral und Anstand.

Die Geschichte von Rama und Sita

Rama, Prinz von Ayodhya, muss aufgrund von Intrigen als Asket in die Wälder gehen, begleitet von seiner geliebten Gattin Sita und seinem treuen Bruder Lakshmana. Sita wird vom Dämonenkönig Ravana entführt, der sie zu einer seiner Frauen machen will. Erst nach langer Zeit gelingt es Rama, Sita mit Hilfe eines Affenheeres unter der Führung des Affengenerals Hanuman zu befreien.

Das Volk aber murrt gegen Sita, die einige Jahre im Haus eines anderen Mannes gelebt hatte. Obwohl sie in einer Feuerprobe ihre Unschuld beweist, schickt Rama sie in die Verbannung, wo sie seine Zwillingssöhne auf die Welt bringt. Nach vielen Jahren kommt Sita zurück an den Hof. Als sie aber erneut eine Feuerprobe auf sich nehmen soll, ruft sie zornig ihre Mutter, die Erde, an, aus der sie einst gekommen war. Diese nimmt sie wieder zu sich in ihren Schoß zurück.

Unterschiedliche Fassungen im Umlauf

Inzwischen sind in allen Teilen des indischen Subkontinentes eigene Versionen des Ramayana bekannt, die sich in Einzelheiten unterscheiden. Auch Dichter in hinduistisch beeinflussten Ländern wie beispielsweise Kambodscha, Vietnam, Malaysia, Indonesien haben eigene Versionen der Geschichte Ramas geschaffen. Nicht nur bildnerische, sondern auch dramatische, tänzerische und pantomimische Bearbeitungen der Rama-Geschichte sind fixer Bestandteil der Volkskulturen sowohl in Indien, als auch in diesen Ländern.

Vorbild für Männer und Frauen

Noch heute sehen viele Hindus in diesem Werk das Ideal eines hinduistischen Lebens, Rama und seine tugendhafte Gattin Sita als Vorbild für Männer und Frauen, den Affengeneral Hanuman als Verkörperung von Liebe und Hingabe an Gott. In allen Fassungen der Rama-Geschichte steht der „Dharma“, die Pflicht und Rechtmäßigkeit, im Zentrum.

Verschiedene gesellschaftliche Gruppen, etwa indische Frauenbewegungen, protestieren besonders gegen die Version des Tulsidas: Nach ihrer Meinung legitimiert die Verherrlichung des opferbereiten Frauenbildes in heutigen Familien Unrecht und Gewalt.

Übersichtsartikel zum Hinduismus

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: