Geschichte des Hinduismus

Eckpunkte der historischen Entwicklung im Hinduismus

Der Hinduismus mit seinen Vorläufern geht bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurück. Viele Elemente der Religion unterlagen einem ständigen Wandel: Lebens- und Weltauffassung änderten sich, immer wieder standen andere Götter im Vordergrund und neue Verehrungsformen kamen hinzu. Dagegen blieb anderes aus frühesten Zeiten bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Da Hinduismus nicht auf einen bestimmten Stifter zurückgeht, sondern auf gewachsene Religionsstrukturen, liegen die Anfänge weitgehend im Dunkeln. Spekulativ bleiben die Anfänge der ersten Epoche (bis etwa 1750 v. Chr.) während hoch entwickelter Stadtkulturen im Indus-Tal im Nordwesten von Indien. Alte Darstellungen lassen Vermutungen aufkommen, dass Menschen schon damals einen Vorläufer des Gottes Shiva verehrten, und möglicherweise bestimmte die Verehrung von Muttergottheiten und personifizierte Naturelemente die Religiosität.

Vedische Religion und asketische Reformer

Bedeutend war der Einfluss verschiedener Stammesgruppen, die sich Arier („ārya“) nannten. Sie sollen von 1750 bis 500 v. Chr. ins nordwestliche Indien eingewandert sein, die Hypothese ist heute jedoch umstritten . Diese Stämme gelten dennoch als Urheber der ältesten und wichtigsten hinduistischen Texte, der Veden.

Die Arier glaubten an ein Pantheon von Göttern; im Mittelpunkt standen die Opfergaben, die durch Feueropfer dargebracht wurden. Die Brahmanen-Priester erlangten um diese Zeit durch den immer strenger geregelten Opferritualismus an Macht und Einfluss. Es gab jedoch noch keine Tempel, und die Götter wurden nicht in Bildnissen oder Statuen verehrt. Allmählich verfestigte sich die vorher lose, berufsständige Gliederung der Gesellschaft zum noch heute wirksamen Kastenwesen. Die Religion dieser Epoche, der so genannten „vedischen Zeit“, sieht man als älteste Form des Hinduismus an. Viele Elemente davon sind in den Riten bis heute erhalten geblieben. Trotzdem unterscheidet sich diese vedische Religion wesentlich vom Hinduismus, wie wir ihn heute kennen.

Ursprung von Buddhismus und Jainismus

In „nachvedischer Zeit“ von etwa 500 bis 200 v. Chr. kam allmählich Kritik am immer restriktiveren Opferritualismus und Widerstand an der Herrschaft der Brahmanen auf. Neue Lehren entstanden. Sie suchten die Erlösung nicht durch festgelegte Opferrituale, sondern durch Askese. Sogar die Autorität der Veden wurde in Frage gestellt. Aus diesen Reform-Bewegungen entwickelten sich Buddhismus und Jainismus zu eigenen Religionen.

Entwicklung des klassischen Hinduismus

Die Zeit zwischen ungefähr 200 vor Chr. bis 1100 nach Chr. gilt als Epoche des klassischen Hinduismus, in der dieser sich allmählich zu jener Form entwickelte, die wir heute kennen: Tempel kamen auf, ebenso bildliche Darstellungen der Götter und Wallfahrten. Intensive Handelsbeziehungen führten zu Einflüssen des damaligen Hinduismus in Tibet und Südostasien, unter anderem in Kambodscha, Südvietnam, Indonesien und Burma. Vedische Einflüsse traten immer mehr in den Hintergrund. Wichtige Gottheiten der Veden, wie Indra, Varuna und andere, verloren ihre Bedeutung für das Glaubensleben. Stattdessen kamen neue Götter auf; besonders die Verehrung von Vishnu und Shiva, noch heute die Götter der Hauptströmungen Vishnuismus und Shivaismus, trat in den Vordergrund.

Zwischen 650 n. Chr. und 800 n. Chr. (laut Überlieferung zwischen 788-820 n.Chr.) predigte einer der noch heute wichtigsten Philosophen des Hinduismus, der Wanderasket Shankara, gegen den Ritualismus der Brahmanen und gegen den damals weit verbreiteten Buddhismus. Dieser wurde um diese Zeit, nicht zuletzt durch Shankaras Tätigkeit, mehr und mehr aus Indien verdrängt.

Neue Sekten entstehen

Zwischen 1100 und 1850 n. Chr. macht sich langsam der Einfluss von Islam und Christentum bemerkbar. Streng islamischen Herrscher errichteten ab dem 13. Jahrhundert Reiche auf dem hinduistisch geprägten Subkontinent und griffen mit Bildersturm und Verfolgungen in das religiöse Leben der Hindus ein. Diesem enormen Druck folgte ein weitgehender Rückzug der Hindus. Man versuchte nun, alte Werte durch gesellschaftliche Isolation zu bewahren. Das bis dahin eher durchlässige Kastensystem wurde als äußerer Schutz strenger und undurchlässiger als je zuvor. Trotzdem entwickelten sich aus dieser Konfrontation mit dem Islam neue Religionen. Die bekannteste ist der Sikhismus, gegründet von Guru Nanak (1469-1539 n. Chr.).

Auch durch die Gefolgsleute von charismatischen Persönlichkeiten, Sängern und Heiligen auch aus niedrigen Kasten, entstanden neue Glaubensrichtungen, die noch heute existieren. Dazu zählen etwa Tulsidas (1532-1623 n.Chr.), der Verfasser des Hindi-Ramayana (Geschichte des Gottes Rama), sowie der Mystiker Chaitanya (1486 - 1533 n.Chr.), ein glühender Verehrer des Gottes Krishna und dessen Gefährtin Radha. Ihre hingebungsvollen Werke gehören noch heute zur hoch geachteten Hindu-Literatur. Beide sind Teil der in dieser Zeit aufkommenden Bhakti-Strömungen, in denen Bhakti, bedingungslose Gottesliebe, im Zentrum steht.

Reformbewegungen in der Moderne

Mitte des 19. Jahrhunderts konnten die Briten ihre politische und militärische Kontrolle über ganz Indien ausdehnen. Obwohl nur wenig Hindus zum Christentum konvertierten, kam es durch den Einfluss der westlicher Denk- und Lebensweise zu Veränderungen, zumindest bei der städtischen Elite und Mittelschicht. Verschiedene, im britischen Bildungssystem erzogene Hindus, setzten sich für grundlegende soziale und religiöse Reformen ein. Diese Bewegungen bezeichnet die Wissenschaft als „Neohinduismus“.

Zu den bedeutenden Reformbewegungen gehört der 1828 gegründete Brahmo Samaj, mit dem Gründer Ram Mohan Roy. Seinen Bemühungen ist die gesetzliche Abschaffung von vielen Auswüchsen der hindustischen Gesellschaft, wie beispielsweise Witwenverbrennung, Kinderehe und überholte Kastenvorschriften zu verdanken. Gegen dieselben Übel kämpfte der 1875 entstehende Arya Samaj, der besonders die Autorität der Veden wieder ins Zentrum rückte. Über Indien hinaus populär war der soziale Reformer Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma Gandhi (1869 - 1948 n. Chr.).

Hinduismus in der globalisierten Welt

Aber nicht nur in der Vergangenheit wandelte sich der Hinduismus ständig, noch heute sind laufend Veränderungen erkennbar. So hinterlässt der zunehmende Einfluss einer globalisierten Welt Spuren auch im religiösen Weltbild und verändert Traditionen in Familie und Gesellschaft.

Seit der britischen Herrschaft wurden durch massenhafte Migration der Gläubigen vom indischen Subkontinent hinduistische Religionen in die ganze Welt getragen. Waren diese ursprünglich nicht missionarisch ausgerichtet, sind sie doch seit spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts auch durch die Aktivität von verschiedenen Gurus in allen Ländern der Erde verbreitet.

Weitere Übersichtsartikel zum Hinduismus

Andere Weltreligionen im ORF-Religionslexikon