Talmud

Hauptwerk jüdischer Schriftauslegung

Zusätzlich zur schriftlichen Thora soll Gott Moses auch eine mündliche Thora als Schlüssel zum Verständis übergeben haben. Jahrhundertelang wurde die mündliche Thora von einer Gelehrtengeneration auf die nächste weitergegeben. Erst im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde die mündliche Thora unter Federführung von Jehuda Ha-Nasi verschriftlicht, um die Überlieferung auch in der Diaspora erhalten zu können. Diese Schrift heißt „Mischna“. Die Auslegung der Mischna heißt „Gemara“. Mischna und Gemara bilden zusammen den Talmud.

Der Talmud ist eine der wichtigsten Schriften im Judentum. Den Talmud zu studieren, gehört für fromme jüdische Männer zum Leben. Meist beginnt man mit dem Talmud-Studium im Alter von 15 Jahren, wenn man als Kind und Jugendlicher bereits Bibelfestigkeit erworben hat. In weniger frommen Kreisen ist das intensive Talmud-Studium Teil der Rabbiner-Ausbildung, wird aber nicht von der Mehrheit der Gemeindemitglieder betrieben.

„Gepfefferte“ Diskussionen beim Talmud-Studium

Bis heute befassen sich fromme Juden in den Talmud-Schulen („Jeschiwot“, Singular: „Jeschiwa“) mit der „Pilpul“-Methode mit der jüdischen Überlieferung. Das Wort „Pilpul“ kommt von „Pilpel“ (Pfeffer) und meint eine fast haarspalterische Diskussion mit dem Lernpartner. Mit ebendieser Methode entstand auch der „babylonische Talmud“: Gelehrte entwickelten die Auslegung der heiligen Texte und der Überlieferung in engagierten Diskussion weiter. Die wichtigsten Thesen und Antithesen sowie die Beschlüsse sind in der Gemara, der Auslegung der Mischna, schriftlich festgehalten.

Junge Chassiden studieren den Talmud in einer Jeschiwa in Jerusalem.
Reuters/Ronen Zvulun
Junge Chassiden studieren den Talmud in einer Jerusalemer Jeschiwa, einer Talmud-Schulde.

In den Jahrhunderten nach Fertigstellung der Gemara entstanden noch weitere Kommentare, die ebenfalls im Talmud niedergeschrieben sind. Besondere Bedeutung kommt hierbei dem Kommentar von „Raschi“ (Abkürzung für Schlomo ben Jitzchak) zu, einem französischen, jüdischen Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert.

Wenn man von „Talmud“ spricht, meint man üblicherweise den „Talmud bavli“, den „babylonischen Talmud“ (abgekürzt: bT). Dieses sehr umfangreiche Werk ist bis etwa zum 8. Jahrhundert in den jüdischen Zentren Sura und Pumpedita entstanden, die im heutigen Irak liegen. Daneben existiert der „Talmud Jeruschalmi“ (Jerusalemer Talmud), der von Wissenschaftlern auch „palästinensischer Talmud“ (abgekürzt: pT) genannt wird. Der „Talmud Jeruschalmi“ ist wesentlich kürzer und gilt als weniger wichtig.

Der Aufbau einer beispielhaften Talmud-Seite wird hier auf Englisch erklärt: A Page of Talmud

Spezielles Layout für Talmud-Seiten

Die Mischna ist auf Hebräisch abgefasst, die Gemara in der „babylonisch-talmudischen“ Variante des Aramäischen. Die beiden Texte werden in einer für Talmudausgaben charakteristischen Weise gesetzt: In der Mitte steht der Text der Mischna, an den außeren und unteren Seitenrändern steht der Text der Gemara und an den inneren Rändern der Kommentar von Raschi. An den Marginalien, den äußersten Rändern, sind eventuelle weitere Kommentare abgedruckt. Dieses Layout ist seit der Vilnaer Talmudausgabe aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert üblich. Die erste Talmud-Ausgabe wurde 1523 in Venedig gedruckt.

Der Talmud ist nach der Gliederung der Mischna in sechs Ordnungen („Sedarim“) unterteilt:

  1. „Seraim“ (Saaten): Gebete, Segenssprüche und landwirtschaftliche Gesetze
  2. „Moed“ (Festzeiten): die Gesetze für Schabbat und die Feste
  3. „Naschim“ (Frauen): Ehe- und Familienrecht
  4. „Nesikin“ (Schäden): Straf- und Zivilreicht
  5. „Kodaschim“ (heilige Dinge): Opferriten und Speisegesetze
  6. „Toharot“ (Reinheitsgebote): rituelle Reinheit und Unreinheit

Für eine Übersicht über alle „Perakim“ siehe „Was ist der Talmud?“ in talmud.de

Die sechs „Sedarim“ sind gegliedert in insgesamt 63 Traktate, die wiederum in Abschnitte („Perakim“) und schließlich in einzelne „Mischnajot“ (Plural von „Mischna“) unterteilt sind.

Inhaltlich gehören die Texte im Talmud entweder zur „Halacha“ (von der hebräischen Wurzel „gehen“), wie der Gesetzesteil des Talmuds bezeichnet wird, oder zur „Aggada“ (Erzählung, Sage), die allegorische Geschichten erzählt. Die Mischna enthält hauptsächlich Halacha, also religiöse Gesetze, während die Gemara auch einen hohen erzählerischen Anteil hat.

Immer wieder antijüdische Angriffe auf den Talmud

Im Lauf der Geschichte stand der Talmud immer wieder im Zentrum antijüdischer und antisemitischer Angriffe. Schon in der Antike, nach der Eroberung Palästinas durch die Römer, in der Entstehungszeit der Mischna, wurde den Juden die Beschäftigung mit der Halacha verboten. Im gesamten Mittelalter kam es immer wieder zu Talmudverboten und zu Talmudverbrennungen. Martin Luther forderte, den Talmud zu verbieten, und die Inquisition der katholischen Kirche setzte den Talmud auf ihren Index der verbotenen Bücher.

Heute kursieren auch im Internet Anfeindungen gegen den Talmud. Dabei werden, wie bereits in der Vergangenheit, sehr häufig Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. Mit dieser „Talmudkritik“ wird Juden beispielsweise vorgeworfen, sich gegen Nicht-Juden zu stellen und anti-christliche, unmoralische Botschaften zu verbreiten.

Übersichtsartikel zum Judentum

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon:

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