Glaubensinhalte im Hinduismus

Da es sich im Hinduismus um ein Konglomerat völlig verschiedener Traditionen handelt, gibt es keine für alle gleichermaßen verbindlichen Lehren. Da es sich im Hinduismus um ein Konglomerat völlig verschiedener Traditionen handelt, gibt es keine für alle gleichermaßen verbindlichen Lehren. Die wichtigsten heiligen Texte, die jeweils im Zentrum stehen, sind unterschiedlich, die auf diesen Texten beruhenden Glaubenslehren, der jeweilige Stifter, sowie die Gottesvorstellungen und Rituale.

Gemeinsam sind den meisten Traditionen jedoch die Vorstellung von „Samsara“, dem Kreislauf von Leben Tod, mit der Vorstellung von Wiedergeburt. Als Grund für diese Wiedergeburten sieht man Karma, das Ergebnis der Taten im vergangenen Leben. Alle anderen Glaubensinhalte hängen von der schriftlichen und mündlichen Überlieferung der jeweiligen Tradition ab.

Im Laufe der Geschichte haben hinduistische Glaubensvorstellungen immer wieder wesentliche Veränderungen erfahren, jedoch blieb das Alte oft neben dem Neuen bestehen. So unterlag der Hinduismus während der Moslem-Herrschaft in Indien dem Einfluss islamischen Denkens, und neue religiöse Bewegungen entstanden. Während der Kolonialisierung durch die Engländer kam es zum Einfluss europäischen Denkens, das in viele Strömungen Eingang gefunden hat (Neohinduismus).

Verschiedene Traditionen

Die drei Grundtraditionen des Hinduismus leiten sich von derjenigen Gottheit ab, die jeweils als Höchste gilt und besonders verehrt wird: Vishnuismus - Verehrung des Gottes Vishnu mit seinen Inkarnationen, u.a. Krishna und Rama, Shivaismus, auf Gott Shiva bezogen, während im Shaktismus, die Muttergöttin in verschiedenen Formen, wie Durga, Parvati, Kali etc. im Zentrum steht. Zum großen Teil beruhen diese verschiedenen Traditionen auf den „Puranas“, einer Schriftenreihe, die jeweils eine dieser Gottheiten im Zentrum als das Höchste sieht.

Weitere Unterscheidungen in den verschiedenen Strömungen gibt es hinsichtlich der Auslegung der grundlegenden Texte, den „Veden“ und „Upanishaden“, sowie hinsichtlich der Philosophien und verschiedene Formen der Glaubenspraxis.

Wichtige Reformer und Lehrer waren u.a. die Philosophen Shankara (8. Jahrhundert), der die Einheit der individuellen Seele mit dem Göttlichen lehrte, sowie Ramanuja (11. Jahrhundert) und Madhva (13. Jahrhundert) die diese Einheit in ihren Lehren bestritten. In moderner Zeit entwickelten sich unter dem Einfluss der europäischen Geisteswelt u. a. die Lehren des Mystikers Ramakrishna (19. Jahrhundert) sowie des Philosophen Aurobindo Ghose (20. Jh.).

Gottesbild

Die Anbetung des Göttlichen in unterschiedlichen Gestalten gehört zu den wichtigsten Wesensmerkmalen hinduistischer Religionen. Neben einem äußeren Polytheismus findet man Monismus (wonach Gott und Individuum eins sind) ebenso wie einen strengen Monotheismus.

Für viele Gläubige steht in der Vielheit der Götter eine bevorzugte Gottheit, bzw. eine bestimmte Erscheinungsform Gottes, im Zentrum, der „Ishvara“ oder „Ishtadevata“. Trotzdem ist die Verehrung anderer oft nicht ausgeschlossen. Jede dieser Gottheiten kann in verschiedenen Gestalten unter verschiedenen Namen verehrt werden. Das Höchste jedoch, auf das alle Formen zurückgehen, ist das unpersönliche, unwandelbare Absolute, das „Brahman“. Für Vishnuiten ist Vishnu bzw. einer seiner „Avatare“ (Inkarnationen) „Brahman“; für Shaktas ist es die Shakti (oder Devi), die Göttin, während Shivaiten in Shiva dieses Höchste sehen.

So gehen Hindus davon aus, trotz der äußeren Vielfalt letztlich nur einen Gott zu verehren. Aber auch hier gibt es in den Philosophien wesentliche Unterschiede: Anhänger der einen Philosophie („Advaita“, “Nicht-Zweiheit“) sehen alle Götter gleichermaßen als verschiedene Manifestationen des „Brahman“. Dagegen betrachten Anhänger der anderen Denkschulen („Dwaita“, „Zweiheit“) ihren bevorzugten Gott, z.B. Krishna, als das höchste „Brahman“, und alle anderen Götter als von ihm abhängige, unterlegene Geistgewesen.

Eine wichtige Instanz, mit dessen Hilfe Hindus in dieser Vielfalt den eigenen Weg zu finden hoffen, ist der Guru, der spirituelle Lehrer.

Menschenbild

Für die Anhänger vieler Glaubenswege ist der Mensch potentiell göttlich: Wie bei jedem Lebewesen, einschließlich allen Tieren, ist der Kern eines jeden „Atman“, Seele, und damit ident mit dem Höchsten, „Brahman“. Bevor das Individuum sich jedoch dieser Tatsache bewusst wird, ist es dem Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen. In welches Leben man jeweils hineingeboren wird, in welche Umgebung oder in welche äußeren Umstände hinein, hängt vom „Karma“ ab, den Folgen aus vergangenen Taten. Dieser Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, „Samsara“, endet letztlich in der Erlösung („Moksha“).

Ist für die einen „Karma“ das allein wesentliche Element, findet man bei anderen Strömungen auch das Konzept der Gnade, nach dem ein Mensch nach Gottes Willen, unabhängig vom „Karma“, erlöst werden kann.

Wie alle Lebewesen unterliegen auch Menschen dem „Dharma“, den überlieferten spirituellen und sozialen Gesetzen. Es gibt jedoch keinen allgemeingültigen Gesetzgeber und keine für alle gleichermaßen verbindlichen Gesetze. Wesentliche Hinweise zur Lebensgestaltung überliefern die verschiedenen Schriften.

Hinduistische Gesellschaft

Charakteristikum hinduistischer Religionen ist die hierarchisch geordnete Gesellschaft mit ihrem Kastenwesen. Obwohl jedoch viele Schriften die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Kasten beschreiben, ist diese Einteilung weniger ein Glaubensinhalt als ein Gesellschaftsmodell, das auch bei anderen Religionsgemeinschaften des indischen Subkontinentes im täglichen Leben zu finden ist.

Ein wesentliches Element im hinduistischen Leben ist die Familie. Sie gilt als Ideal, und auch Priester sind verheiratet. Zwar gibt es Mönche, die „Sannyasin“, die ein religiöses Leben in Askese wählen. Grundsätzlich ist ein Leben der Entsagung und ein Rückzug von der Welt jedoch erst im letzten Lebensabschnitt vorgesehen, nachdem alle Familienpflichten erfüllt sind.

Frauen sind nach modernem Verständnis im Hinduismus nicht gleichberechtigt, so beschreiben sie viele Schriften als Gehilfin des Mannes. Trotzdem gilt jede Frau als lebende Verkörperung der Göttin, ein Anspruch, der im Alltag mit hohen moralischen Anforderungen verknüpft ist.

Einheit in der Verschiedenheit

So differenziert die Aussagen der Lehrer und Philosophen sein mögen, so verschieden die Gottesvorstellungen, in der Praxis lebt man weitgehend miteinander. Man besucht häufig dieselben Tempel und nimmt an denselben Gottesdiensten teil. Dieses hinduistische Ideal der „Einheit in der Verschiedenheit“ drücken schon die populären Verse des Jahrtausend alten „Veden“, (älteste Texte des Hinduismus) aus: Die Wahrheit ist eine - die Weisen benennen sie mit vielen Namen!