Tantrischer Buddhismus („Vajrayana“)

Sonderform des Buddhismus mit besonderen rituellen Praktiken

Das Wort „Tantra“ stammt aus dem Sanskrit, bedeutet unter anderem „Ursprung“. Die Wurzel „tan“ kann mit „ausdehnen“ oder „weben“ übersetzt werden. In vorbuddhistischer Zeit wurde das Wort „weben“ symbolisch für das Dichten von heiligen Texten verwendet. Tantra ist auch die Bezeichnung für komplexe Rituale, die wie einzelne Fäden zu langen Zeremonien verbunden wurden.

In Nordindien (Bihar, Bengalen, Kashmir, Orissa) kam es ab dem 7. Jahrhundert zu einer Blüte des Tantrismus. Der tantrische Buddhismus gelangte von Nordindien nach Tibet und von dort bis in die Mongolei. Über China gelangte auch eine Form nach Japan, wo bis heute der „Shingon“-Buddhismus praktiziert wird. Spuren des Tantrismus sind in der gesamten buddhistischen Welt zu finden (Korea, Indonesien, Sri Lanka).

Umfangreiche Sammlung tantrischer Schriften

Ab dem 8. Jahrhundert entwickelte sich im Buddhismus und Hinduismus eine Textgattung, die unter der Bezeichnung „Tantra“ zusammengefasst wird. Sie beinhaltet eine umfangreiche Sammlung unterschiedlicher Traditionen und esoterischer (und somit für Uneingeweihte unverständliche) Praktiken. Als die tantrischen Schriften in den damaligen Zentren der Gelehrsamkeit kommentiert wurden, verbanden sich tantrische Ideen mit den Lehren des „Mahayana“-Buddhismus.

Die Schriften umfassen auch sexuelle Darstellungen und streichen männlich-weibliche Polaritäten heraus. Es gibt verschiedene Deutungen der sexuellen Bildwelten. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die Vereinigung von Frau und Mann als Symbol der Einheitserfahrung gesehen wird. Die Texte und Bilder wurden sowohl symbolisch verstanden als auch praktisch umgesetzt.

Tantrische Praxis

Der Tantrismus sieht sich als Weg, die den Wesen innewohnende Erleuchtung freizulegen und in einem einzigen Leben Erleuchtung erlangen zu können. Dabei wird die Sicht vertreten, dass die Energien unheilsamer Zustände wie beispielsweise Aggression oder Gier für den tantrischen Weg nutzbar gemacht und dadurch in heilsame Energien verwandelt werden können. Wirklich alles kann zum Symbol des Heiligen werden kann. Mit dieser geistigen Einstellung kommt es unter Praktizierenden zu unkonventionellen Lebensstilen und rituellen Praktiken wie der Ausübung sexueller Praktiken im Zeichen der Erleuchtungserfahrung sowie der Einnahme von verbotenen und unreinen Substanzen (Alkohol, Fleisch, Exkrementen).

Um den tantrischen Weg zu begehen, ist die Initiation (Einweihungsritual) durch einen Lehrer („Guru“, „Lama“) wesentlich. Der tantrische Lehrer führt den Schüler in die Aspekte der rituellen Praxis („Sadhana“) ein. Sowohl bei der Initiation als auch bei der Praxis kommt es zur Verwendung von „Mantras“ (heiligen Silben), „Mudras“ (speziellen Gesten) und „Mandalas“ (Diagramme, die visualisiert werden oder einen heiligen Raum abstecken). In Visualisierungen wird mit Meditationsgottheiten (tibetisch „Yidam“) gearbeitet. Lehrer und Schüler identifizieren sich dabei mit einer Figur, die Qualitäten der Erleuchtung verkörpert.

Übersichtsartikel zum Buddhismus