Gnade

Für den Menschen verfügbare Zuwendung Gottes

Gnade ist eine Wohltat, auf die kein Anspruch besteht. Das gilt im Rechtssystem ebenso wie in zwischenmenschlichen Beziehungen als Wohlwollen und Geschenk. Bei der religiösen Bedeutung von Gnade handelt es sich um die ungeschuldete und für den Menschen unverfügbare Zuwendung Gottes. Die ganze Bibel ist von Erfahrungen durchzogen, in denen Menschen die Gnade erfahren haben, die in der Zuwendung, Befähigung, auch in der Zurrechtweisung durch Gott besteht.

Gottes Gnade stärker als der Tod

Das Neue Testament bezeugt die radikale Zuwendung Gottes, der in der Gestalt Jesu Christi seine Menschenfreundlichkeit kundgibt. Das Christentum beruht auf der Überzeugung, dass die Gnade stärker ist als die Verfehlungen des Menschen und stärker als der Tod. Wer an den von Gott gesandten Christus glaubt, wird zu den Kindern Gottes gezählt und darf gewiss sein, mit Christus den Tod zu überwinden.

Das Christentum geht von einem allgemeinen Heilswillen Gottes gegenüber allen Menschen als seinen Geschöpfen aus, ohne dass damit die Gerechtigkeit Gottes eingeschränkt wäre: Jeder wird zuletzt für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Was das für das endgültige Schicksal des Menschen bedeutet, ist nicht vorhersehbar. Daher kann die Kirche nach römischer Auffassung zwar sagen, dass dieser oder jener Mensch als Vorbild des Glaubens gelebt und somit das ewige Heil erreicht hat (Selig- und Heiligsprechung); sie kann aber nicht sagen, wem das misslungen ist.

Wie frei ist der Mensch?

Zwar ist Gnade überwältigend, aber auf die Annahme durch den Menschen bezogen. Dies bildet die Grundlage des Gnadenverständnisses der Kirchen aus der Reformation. In der römisch-katholischen Kirche entstand daraus die Frage, wie sich die Entscheidungsfreiheit des Menschen zur Fähigkeit Gottes verhält, alles zu bestimmen und vorherzusehen. Darüber entbrannte um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert der sogenannte „Gnadenstreit“.

Jesuitische Theologen betonten die Freiheit des Menschen, Theologen aus dem Dominikanerorden sahen alle Verantwortung bei Gott, was einer Prädestination gleichkam. Die Auseinandersetzung artete schließlich zu einem Streit zwischen zwei Orden aus. Weil es aber keine Lösung gab, verfügte 1611 Papst Paul V. (1552 bis 1621), dass darüber nicht mehr publiziert werden darf, es sei denn mit ausdrücklicher Zustimmung der Inquisition.

Gnadengaben zum Wohl der christlichen Gemeinden

Gnadengaben (Charismen) sind Fähigkeiten und Begabungen, die der christlichen Gemeinde zugutekommen. Paulus zählt viele davon im ersten Korintherbrief auf (1 Kor 12), und er versteht sie als Gnadengeschenk des Heiligen Geistes, das dazu dient, die Gemeinde aufzubauen. Er verwendet dazu das Bild vom menschlichen Leib, dessen Organe und Glieder zwar verschiedene Aufgaben haben, aber alle zum Wohl es einen Leibes zusammenwirken müssen.

Übersichtsartikel zum Christentum

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: