Sakramente

Sichtbare Handlungen für die unsichtbare Wirklichkeit Gottes

Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Offenbarung Gottes in einem Menschen steht, hat ein besonderes Verhältnis zur Spannung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren. Kann es sichtbare, menschliche Handlungen geben, von denen man gewiss sein darf, dass sie Unsichtbares bewirken, d.h. ein Handeln Gottes anzeigen?

Unterschiedliche Auffassungen über Sakramente

Immerhin bejaht die Bibel in einigen Fällen (Sündenvergebung, Taufe, Abendmahl) diese Frage sehr klar. Der Streit geht aber jeweils darum, ob die Zeichenhandlungen (z.B. das Übergießen mit Wasser bei der Taufe) von sich aus wirksam sind, oder ob sie als Symbole für ein unverfügbares Handeln Gottes angesehen werden müssen. Beide Auffassungen können sehr leicht missverstanden werden – entweder als magische Praktiken oder als fromme Verzierungen, über deren Wirkung man sowieso nichts weiß. Das eine Missverständnis liegt der römisch-katholischen Seite näher, das andere der reformatorischen, nicht in der hohen Theologie, wohl aber im Glauben der Leute.

Jedenfalls betrifft die Differenz, die die Konfessionen im Verständnis der Abendmahlsfeier trennt, auch die anderen Sakramente. Priesterweihe und Ehe verändern den Menschen nach römisch-katholischer Auffassung grundlegend; deshalb bleibt ein Priester immer Priester, auch wenn er sein Amt niedergelegt hat. Und deshalb ist die römische Kirche die einzige christliche Kirche, die so streng an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält, dass auch ein Scheitern der Ehe in keinem Fall zu einer neuen Eheschließung führen darf.

Alle Sakramente gehen vom Ursakrament aus

Die Zahl der Sakramente war bis ins Mittelalter nicht festgelegt und reichte von zwei bis dreißig. Erst die hochmittelalterliche Theologie nennt sieben Sakramente, eine Zahl, die bis heute in der römischen Kirche, aber auch bei den Orthodoxen, den Altkatholischen und Anglikanern gilt. Die Zahl der Sakramente kann deshalb variieren, weil sie alle Aspekte des einen Heilshandelns Gottes in der Offenbarung durch Jesus Christus sind. Daher wird Christus als das Ursakrament gesehen, aus dem sich alle anderen ableiten.

Mädchen bei der Erstkommunion in Managua, Nicaragua
Reuters/Oswaldo Rivas
Das Sakrament der Eucharistie empfangen Katholiken nach ihrer Erstkommunion, hier festlich gekleidete Mädchen in Managua in Nicaragua.

Die beiden wichtigsten Sakramente, Taufe und Eucharistie/Abendmahl (kath. auch: „Sakrament des Altares“), waren von Anfang an unbestritten – die Taufe als Sakrament des Bekenntnisses zu Christus und des Eintritts in die Kirche, das Abendmahl als Kern des christlichen Gottesdienstes. Die Kirchen der Reformation anerkennen nur diese beiden Sakramente, da sie gemäß der Bibel durch Christus eingesetzt wurden; für die anglikanische Kirche sind sie die Hauptsakramente, die übrigen nur „minor sacraments“.

Katholiken und Orthodoxe haben mehr Sakramente

Die fünf weiteren Sakramente der römischen und orthodoxen Tradition, sind teilweise Riten der Lebenswenden: die Firmung als Nachvollzug der Geistausgießung zu Pfingsten, als bewusste Zustimmung zur in der Kindheit empfangenen Taufe und als Initiation ins Erwachsenalter; Ehe und Priesterweihe, verstanden als Begründung einer Standeszugehörigkeit und Vollmacht, für die Ordnung der Sexualität einerseits, für den offiziellen Dienst in der Kirche anderseits; sodann die Krankensalbung als das Sakrament für diejenigen, die in Lebensgefahr oder schwer erkrankt sind oder schon vor ihrem Tod stehen.

Allen Sakramenten liegt die biblische Zusage der Sündenvergebung zugrunde; sie wird in der Beichte (Buße, Sakrament der Sündenvergebung). Dieses Sakrament wurde in der alten Kirche nur bei schwersten Verfehlungen (Abfall vom Glauben, Ehebruch, Mord) in Anspruch genommen, ist aber in der römisch-katholischen Kirche seit dem Mittelalter zu einem regelmäßigen Instrument der Seelsorge ausgebaut worden.

Tauf- und Ehesakrament kann jeder Christ spenden

Jeder Christ und jede Christin kann im Grunde Sakramente spenden. Das gilt in der römischen Kirche nach wie vor bei der Taufe und beim Ehesakrament, das die Brautleute einander spenden. Es gibt Situationen, in denen die Spendung der Taufe durch äußere Umstände verhindert wird, obwohl der Wunsch danach besteht. Dieser Wunsch ist der Wirkung der Taufe gleichzuhalten und die Theologie spricht von einer „Begierdetaufe“.

Die anderen Sakramente dürfen in der römischen Kirche nur von Priestern oder Bischöfen gespendet werden. Dabei ist es gleichgültig, in welcher Verfassung sich der Spender befindet: Auch ein Spender, der selbst „im Zustand der Sünde“ ist, kann demzufolge die Wirksamkeit des Sakraments nicht beeinträchtigen. Dies gilt auch für die reformatorischen Kirchen, bei denen die Spendung der Sakramente an die jeweilige Ordnung der Ämter gebunden ist.

Weitere Segenshandlungen der Katholiken

Sakramentalien nennt die römische Kirche Segenshandlungen, deren sich die Kirche „in einer gewissen Nachahmung der Sakramente“ bedient. Dazu zählen Gebete, liturgische Zeremonien, Beschwörungen (Exorzismen), Segnungen und Weihen (Hausweihe, Autosegnung, Muttersegnung, Reisesegen und andere). Dafür werden häufig Weihwasser oder Weihrauch verwendet. Es handelt sich im Grunde um Fürbitten. Sakramentalien sind nicht an bestimmte Spender gebunden. Ihre Gefahr besteht darin, dass sie magisch und abergläubisch missverstanden werden. Die Kirchen der Reformation lehnen Sakramentalien ab, kennen aber ebenfalls Segenshandlungen, die allerdings nur an Menschen vollzogen werden.

Übersichtsartikel zum Christentum

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon:

ORF-TVthek-Medienarchiv Christentum: