Christlich-religiöses Leben

Der christliche Tag wird von Gebeten strukturiert, Höhepunkt der Woche ist der Gottesdienst. Rund um Feste hat sich ein reiches Brauchtum entwickelt, und Spiritualität hat heute neue Züge.

Gebet - in Verbindung mit Gott treten

Wie in allen Religionen ist das Gebet das wichtigste Instrument, mit dem die Gläubigen mit Gott in Verbindung treten. Es kann formlos und privat gebetet werden oder gemeinsam mit festgelegten Texten in verschiedenen Andachten und Gottesdiensten. Klassische Gebetsformen sind die Psalmen des Alten Testaments in der Bibel und das Vaterunser aus dem Neuen Testament.

Besondere Gebetsformen in der römisch-katholischen Liturgie sind der Gregorianische Choral in lateinischer Sprache und Litaneien. Eine vielfältige Kultur des gesungenen Gebets haben die evangelischen Kirchen entwickelt, die über einen umfangreichen Schatz von religiösen Liedern verfügen - mehr dazu im Eintrag Gottesdienst. Gesungen werden Gebete auch im orthodoxen Gottesdienst in einer der Gregorianik ähnlichen, aber vielstimmigen Tradition.

Eine besondere Gebetstradition pflegen die Ordensgemeinschaften - mehr dazu im Eintrag Mönchstum. Mönche und Nonnen haben mehrmals tägliche, streng geregelte Gebetszeiten, Priester beten das Brevier. In traditionellen christlichen Familien wird der Tag durch Morgen- und Abendgebet und durch das Tischgebet vor dem Essen strukturiert. Der „Angelus“, ein Mariengebet zur Mittagzeit, ist ein römisch-katholischer Brauch, ebenso der Rosenkranz als eine sehr verbreitete meditative Gebetsform.

Gottesdienst als zentrales Element der Glaubenspraxis

Das zentrale Ereignis aller christlichen Kirchen ist der sonntägliche Gottesdienst. Seine wichtigsten Elemente sind Gebete, Lesungen aus den heiligen Schriften, die Predigt und das Abendmahl, die Kommunion. Die Predigt hat die Aufgabe, die vorgelesenen Texte aus der Bibel aktuell zu interpretieren. Das Abendmahl/ die Kommunion ist Gedächtnis und Vergegenwärtigung des „Letzten Abendmahls“, von dem die Evangelien berichten: Bevor er verraten und hingerichtet wurde, saß Jesus zum letzten Mal mit seinen zwölf wichtigsten Gefährten (Apostel) um den Tisch, erklärte Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut und forderte dazu auf, dies zu seinem Gedächtnis zu wiederholen.

Der römisch-katholischer Gottesdienst (auch Messe, Eucharistiefeier genannt) wurde über Jahrhunderte in lateinischer Sprache gehalten. Erst seit dem 2. Vatikanischen Konzil (Liturgiereform 1963) wird die Landesprache verwendet. Hier spielt der geweihte Priester eine entscheidende Rolle, weil er nach römischer Auffassung allein die Vollmacht hat, Brot und Wein in Leib und Blut Jesu zu wandeln - mehr zur Priesterweihe in den Einträgen Sakramente und Ordination.

Besonders feierliche Messen (Hochamt) werden mit Kerzen- und Weihrauch-Riten erweitert. Dafür wurden feststehender Teile (Credo, Gloria, Sanctus, Agnus Dei) in der Musikgeschichte für Orgel, Chor und Solisten vertont. Wortgottesdienste werden auch ohne Priester und ohne Kommunion gehalten, ebenso Andachten zu verschiedenen Anlässen, die als Kurzform eines Gottesdienstes mit gemeinsamem Gebet eine lange Tradition haben.

Die Heilige Liturgie der orthodoxen Kirche ist im Grunde eine Priester- und Mönchsliturgie; sie wird zu einem großen Teil hinter der Ikonostasis gefeiert, jener Wand mit zahlreichen Ikonen, die den Raum des Klerus vom Raum für die Gläubigen abtrennt, aber als Symbol der Trennung zwischen irdischer und himmlischer Welt gilt. Hier steht das Gedächtnis der Auferstehung im Mittelpunkt, die Liturgie wird mit festlichen Gewändern, mit Weihrauch und vielstimmigem Gesang (jedoch ohne Instrumente) gefeiert, weil sie als eine Zeitspanne irdischer Präsenz des Himmels betrachtet wird.

Der Gottesdienst in den Kirchen der Reformation ist einfacher gestaltet, verzichtet auf Weihrauch und Bilder und legt großen Wert auf Lesungen und Predigt. Ein wesentliches Element sind die gemeinsam gesungenen geistlichen Lieder. Das Abendmahl wird nicht in jedem Gottesdienst gefeiert und ist nicht an die Tätigkeit eines geweihten Priesters gebunden: Das entspricht dem biblisch begründeten „Priestertum aller Gläubigen“. Der Leiter oder die Leiterin des Gottesdienstes ist eine ordinierte Person, es können aber auch Nicht-Ordinierte damit beauftragt werden.

Sakramente als sichtbare Zeichen

Sakramente sind Zeichenhandlungen, die die Christen der Nähe Gottes versichern. Die Zahl der Sakramente wechselte. Katholiken und Orthodoxe gehen von sieben Sakramenten aus (Taufe, Firmung, Beichte, Eucharistie, Ehe, Priesterweihe, Krankensalbung; die Kirchen der Reformation betrachten nur Taufe und Abendmahl als Sakramente. Doch sind die Übergänge fließend, verschiedene Weihe- und Segenshandlungen (Sakramentalien - mehr dazu im Eintrag Sakramente) werden in derrömisch-katholische Kirche ebenfalls als wirksame Zeichen verstanden.

Brauchtum rund um christliche Feste

Taufe, Firmung und Eheschließung (mehr dazu im Eintrag Sakramente) werden von zahlreichen Bräuchen umgeben und als Familienfeiern gestaltet. Dasselbe gilt für das Brauchtum zu den Festen des Jahres, insbesondere zu Weihnachten und zu Ostern (mehr dazu im Eintrag Feste). Eine katholische und orthodoxe Besonderheit, von der sich die Reformation distanziert hat, ist die Heiligenverehrung. Jedes Heiligen, jeder Heiligen wird an einem besonderen Tag im Jahreskalender gedacht. Orte, an denen Heilige gewirkt haben oder wo deren Reliquien aufbewahrt werden, sind das Ziel von Wallfahrten, ebenso „Gnadenbilder“, um die sich Legenden von wunderbarer Wirkung ranken.

Spirituelle Praxis

Zum alltäglichen religiösen Leben der Christen gehören vor allem die regelmäßigen Gebete Darüber hinaus werden Exerzitien und Einkehrtage (mehr dazu im Eintrag Spiritualität) mit dem Ziel veranstaltet, die religiöse Praxis lebendig zu halten und zu vertiefen. Eine Sonderform dazu ist der dreitägige „Cursillo“. Das regelmäßige Studium der Bibel ist für evangelische Christen seit der Reformation eine Selbstverständlichkeit und wurde auf römisch-katholischer Seite lange Zeit verhindert. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich auch hier Bibelrunden etabliert und weit verbreitet.

Der Kontakt mit östlichen Religionen hat eine Adaptierung von Meditationspraktiken mit sich gebracht - mehr dazu im Eintrag Meditation und Achtsamkeit im Buddhismus. Evangelische wie katholische Bildungshäuser bieten neben Theologischen Kursen beispielsweise auch Yoga für Christen an. Eine konfessionsübergreifende spirituelle Praxis hat von der Bruderschaft von Taizé - mehr dazu im Eintrag Spiritualität. ihren Ausgang genommen und vor allem Jugendliche inspiriert.

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