Christentum und seine Geschichte

Ein kurzer Abriss über die Geschichte des Christentums - von Palästina zu Zeiten Jesu über Kreuzzüge und Inquisition, Reformation und Gegenreformation bis zur Ökumene

Unruheherd Palästina unter römischer Besatzung

Die soziale und politische Situation, in der Jesus von Nazaret zu predigen begann, war von Unterdrückung und Verarmung geprägt. Arbeitslose und in die Schuldsklaverei verkaufte Bauern rotteten sich am Rand der Wüstengebiete zusammen und probten den Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht und gegen die Großgrundbesitzer. Terroristen, die sich „Zeloten“ (Eiferer) nannten, machten das Land unsicher. Umtriebe dieser Art waren den Römern stets verdächtig und häufig beendeten sie die Aufmärsche selbsternannter „Propheten“ mit einem abschreckenden Blutbad.

Von den religiösen Parteien waren es vor allem die Pharisäer, mit denen sich Jesus auseinander setzte; sie propagierten eine religiöse Erneuerung durch genaue Einhaltung des jüdischen Gesetzes. In Jerusalem herrschte die Priesteraristokratie der Sadduzäer, die von der Tempelsteuer und vom Wallfahrtstourismus lebte. Die Essener, mit ihrer zentralen klösterlichen Siedlung Qumran am Toten Meer, versuchten durch radikale Strenge die Gottesherrschaft vorzubereiten - mehr dazu im Eintrag Palästina zur Zeit Jesu.

Tod und Auferstehung Jesu

Um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung wurde Jesus durch Kreuzigung hingerichtet. Er war etwa 34 Jahre alt und hatte in den letzten drei Jahren als charismatischer Heiler für Aufsehen gesorgt. Zuletzt ging er nach Jerusalem und legte sich dort mit Geldwechslern und Verkäufern von Opfertieren im Tempel an. Die Tempelpriester wollten Jesus aus dem Verkehr ziehen und übergaben ihn dem römischen Gouverneur Pontius Pilatus, der ihn hinrichten zu ließ. Damit schien die Geschichte zu Ende. Doch die Gefährten Jesu gelangten zur Überzeugung, dass Jesus auferstanden sei. Sie sahen sich verpflichtet, diese Botschaft zu verbreiten. Der Anführer der Gruppe war zunächst Petrus, später leitete ein Bruder Jesu die erste christliche Gemeinde in Jerusalem - mehr dazu im Eintrag Apostel.

Schnelle Ausbreitung

Innerhalb von wenigen Jahrzehnten bildeten sich christliche Gemeinden zum Beispiel in Antiochien, Ephesus, Korinth und Rom. Apostel Paulus verfolgte die Christen zuerst, bekehrte sich aber auf Grund einer Vision und wurde zu einem engagierten Vertreter des neuen Glaubens unter Nicht-Juden. Eine Zusammenkunft der Apostel um das Jahr 48 bestätigte, dass Heiden nicht erst Juden werden mussten, um Christen zu sein - mehr dazu im Eintrag Apostelkonzil. Paulus schrieb seit etwa 50 n. Chr. Briefe an die Gemeinden, die später mit vier Evangelien über Leben, Tod und Auferstehung Jesu und einer Reihe anderer Texte zum Neuen Testament (NT) der Bibel zusammengefasst wurden.

Das Christentum breitete sich in drei Jahrhunderten von Palästina bis Spanien, von Nordafrika bis Mitteleuropa aus. Weil die Christen die göttliche Verehrung des Kaisers verweigerten, galten sie zeitweise als staatsgefährdend und wurden grausam verfolgt. Erst im Jahr 313 gab der römische Kaiser Konstantin den Christen die Freiheit, weil er sich versprach, durch die Ordnungsstrukturen dieser Religion sein riesiges Reich zusammenzuhalten.

Streit und erste Spaltungen

Meinungsverschiedenheiten über die Lehre führten immer wieder zu Spaltungen unter den Christen. Auf großen Kirchenversammlungen - den Konzilien, das erste 325 in Nicaea - versuchte man, Streitfragen aus dem Weg zu räumen. Doch schon ab 451 gingen die sogenannten Altorientalischen Kirchen Armeniens, Syriens, Ägyptens und Äthiopiens eigene Wege - mehr dazu im Eintrag Konfessionen.

1054 kam es zur Spaltung zwischen der Westkirche unter dem römischen Papst und der Kirche im oströmischen Reich unter dem Patriarchen von Konstantinopel (heute Istanbul). So entstanden die orthodoxen Kirchen. Allen Kirchen, die sich von Rom trennten, ging es auch um die politische Unabhängigkeit vom römischen Papst. Die mittelalterlichen Konzilien der Westkirche wurden vom Kampf um die Vormacht von Papst und begleitet - mehr dazu im Eintrag Investiturstreit.

Kreuzzüge nach außen und innen

Nach 634 wurden der Nahe Osten und Ägypten, später ganz Nordafrika und Spanien von den muslimischen Arabern und ihren Verbündeten erobert. Die Besetzung Kleinasiens durch die Seldschuken behinderte die Wallfahrten ins Heilige Land. Ab 1096 versuchten die christlichen Europäer mit Kreuzzügen das Heilige Land unter ihre Kontrolle zu bringen. In sieben Kreuzzügen bis 1272 gelang es vorübergehend, kleine christliche Staaten an der Ostküste des Mittelmeers zu etablieren.

„Kreuzzüge“ wurden aber auch nach innen geführt. Der sogenannte „Albigenser-Kreuzzug“ (1209 bis 1229) führte zur blutigen Ausrottung der Albigenser. Zur „Ketzerbekämpfung“ wurde 1232 die päpstliche Inquisition errichtet, der bis ins 19. Jahrhundert tausende „Abweichler“ zum Opfer fielen.

Armutsbewegungen versuchten mehrfach, die ins politische Fahrwasser geratene Kirche zu reformieren. Erfolgreich war Franz von Assisi (1181 bis 1226) mit seiner Ordensgründung. Petrus Waldes (gestorben vor 1218) hingegen, der ganz ähnliche Ziele verfolgte, aber die Hierarchie attackierte, wurde verfolgt. Jan Hus (um 1369 bis 1415) wurde selbst Opfer seiner Reformversuche und auf dem Scheiterhaufen verbrannt - mehr dazu unter „Böhmische Brüder“ und „Hussiten“ im Eintrag Konfessionen.

Reformation und Gegenreformation

Das Jahr 1517 gilt als „Geburtsjahr“ der protestantischen Reformation in Deutschland unter Martin Luther. Es folgte die Reformation in der Schweiz (Ulrich Zwingli, Johannes Calvin). Die Kirchen der Reformation teilten sich in der Folge in zahlreiche konfessionelle Gruppen. 1534 erfolgte die Trennung der Kirche Englands von Rom (Anglikanische Kirche , weil der Papst der Annullierung einer Ehe König Heinrichs VIII. nicht zustimmen wollte - mehr dazu im Eintrag Konfessionen.

Das päpstliche Konzil von Trient (1545 bis 1563) setzte eine katholische Gegenreformation in Gang, die in Ländern mit katholischen Fürsten mit Gewalt durchgesetzt wurde. Erst die Aufklärung des 18. Jahrhunderts schuf gegen kirchlichen Widerstand Toleranz gegenüber anderen christlichen Konfessionen und gegenüber den Juden.

Das 19. Jahrhundert brachte einen allmählichen Verlust des gesellschaftlichen Einflusses der Kirche. Diesem Trend setzte auf römisch-katholischer Seite das 1. Vatikanische Konzil (1869 bis 1870) ein neues Dogma entgegen: Es erklärte den Papst in bestimmten Fällen für unfehlbar (Unfehlbarkeit) und provozierte die Abspaltung der altkatholische Kirche (seit 1871). Die Einigung Italiens („Risorgimento“) führte zum Ende des Kirchenstaates. Auf evangelischer Seite wurde das evangelische Pfarrhaus in Deutschland zu einem wichtigen Kulturträger und zur Quelle zahlreicher literarischer und philosophischer Impulse.

Annäherung der Konfessionen in der Ökumene

Der Konflikt zwischen dem universalen Anspruch des Christentums und seiner vielfachen Aufsplitterung wurde im 19. Jahrhundert besonders spürbar, als Christen verschiedener Bekenntnisse versuchten, Afrika und Asien „gegeneinander“ zu missionieren - mehr dazu im Eintrag Mission. Aus der Einsicht, wie sehr sich das Christentum damit fortgesetzt kompromittierte, entwickelte sich unter den protestantischen Kirchen eine „Ökumenische Bewegung“, die in den verschiedenen Traditionen das Bewusstsein für die fundamentale Einheit des Christentums weckte - mehr dazu im Eintrag Ökumene.

Schon um 1800 waren erste interkonfessionelle „Bibelgesellschaften“ entstanden, 1878 und 1888 fanden in London internationale „Missionskonferenzen" statt, denen die Weltmissionskonferenzen“ von New York (1900) und Edinburgh (1910) folgten. Von da an formierte sich eine ganze Reihe von Initiativen, die schließlich 1948 zur Bildung des „Ökumenischen Rates der Kirchen“ (ÖRK) führte.

Buchhinweis:

Teile dieses Textes hat der Autor seinem eigenen Buch entnommen. Peter Pawlowsky: Christentum. HPT Verlagsgesellschaft, 124 Seiten, 1994.

  • Verfügbar in der ÖNB

Eine Einheit der Christen war für römische Kirche Vorstellungen lange Zeit nur als Rückkehr zur Papstkirche denkmöglich. Erst das 2. Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) anerkannte nicht-römische Christengemeinschaften und förderte die Zusammenarbeit zwischen Christen verschiedener Bekenntnisse. Seit 1961 hat die römisch-katholische Kirche Kirche auf Initiative Papst Johannes’ XXIII. beim ÖRK Beobachterstatus und arbeitet in Kommissionen und Ausschüssen mit.

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