Jüdische Geschichte

Die Geschichte des jüdischen Volkes reicht bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurück.

Von einer Geschichte des Judentums kann aus religionshistorischer Perspektive eigentlich erst ab dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert gesprochen werden. Die jüdisch-religiöse Geschichtsschreibung selbst, wie sie in der Thora ihren Niederschlag gefunden hat, geht aber weiter zurück. In den Erzählungen von den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob legt sie den Anfang der jüdischen Geschichte ins zweite vorchristliche Jahrtausend.

Entscheidendes Ereignis der jüdischen religiösen Geschichtsschreibung ist der Auszug aus Ägypten unter Moses und die folgende Landnahme Kanaans. Dort entstanden schließlich zwei Königreiche – das Nordreich Israel und das Südreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem.

Babylonisches Exil und Entstehung des Judentums

Nachdem das Nordreich 722 v. Chr. durch die Assyrer unterging, fiel 597 v. Chr. Juda unter babylonische Herrschaft. Der Tempel in Jerusalem wurde zerstört, die Oberschicht des Landes – wie im babylonischen Herrschaftssystem üblich – nach Babylon deportiert. Erst nach der Eroberung Babylons durch die Perser (539 v. Chr.) konnten die Juden wieder in die alte Heimat zurückkehren.

Im Bestreben der Exilierten, die eigene kulturelle und religiöse Identität zu erhalten, sieht die moderne Geschichtsforschung die Geburtsstunde des Judentums. Erst zu dieser Zeit wurden die Gesetze der Thora und der Monotheismus konstitutiv. In die Zeit des Exils bzw. das Jahrhundert danach fällt auch die Zusammenstellung wichtiger biblischer Bücher, wie der Thora (Pentateuch) oder des deuteronomistischen Geschichtswerks.

Kontakte mit der hellenistischen Welt

Mit den Feldzügen Alexanders des Großen im Nahen und Mittleren Osten ab 336 v. Chr. kam es zu verstärkten kulturellen Kontakten zwischen der jüdischen und der hellenistischen Welt. So übersetzte etwa um 200 v. Chr. die jüdische Diasporagemeinde in Alexandrien die Thora ins Griechische – die LXX (Septuaginta).

Zugleich begann sich jedoch Widerstand gegen die hellenistische Religion und Kultur zu regen. Als Antiochus IV. den jüdischen Tempel in Jerusalem dem Zeus weihen wollte, erhob sich eine Gruppe unter dem Priester Mattatias gegen den seleukidischen Herrscher. Drei Jahre dauerte der Makkabäeraufstand und endete mit der Einnahme Jerusalems. Die während des Aufstands gebildete Koalition aus konservativen jüdischen Kreisen zerfiel allerdings schnell. In der Folge bildeten sich die Religionsparteien der Sadduzäer, Pharisäer und Essener, die das jüdische religiöse Leben in den nächsten 200 Jahren prägen sollten.

Aufstand und Vertreibung aus Jerusalem

63 v. Chr. eroberten die Römer Palästina und errichteten einen Vasallenstaat. Die folgenden Jahrzehnte führten zu einer sozialen Differenzierung der Gesellschaft. Zugleich standen messianische und apokalyptische Ideen hoch im Kurs. Die Gemengelage aus sozialer Ungleichheit und religiöser Endzeiterwartung führte schließlich zum Aufstand, der im römisch-jüdischen Krieg mündete. Im Jahr 70 nahmen die Römer das belagerte Jerusalem ein und zerstörten die Stadt und den jüdischen Tempel.

Die Folgen für das Judentum waren weitreichend: Palästina wurde in eine römische Provinz umgewandelt und den Juden eine Zwangssteuer auferlegt. Zugleich war das Judentum mit der Tempelzerstörung seiner Kultstätte beraubt. Diese Situation verschärfte sich durch den Bar-Kochba-Aufstand von 132 bis 135 noch einmal massiv. Die römischen Truppen machten Jerusalem dem Erdboden gleich, errichteten auf den Trümmern die Stadt „Aelia Capitolina“ und verboten den Juden, sich in der Stadt anzusiedeln.

Entwicklung des rabbinisches Judentums

Die neue religiöse Führungsschicht der Rabbiner, die aus Priestern, Pharisäern und Schreibern hervorgingen, sammelte sich in Galiläa. Das Gebiet um den See Genezareth sollte neben Persien für die nächsten Jahrhunderte zum Zentrum jüdischen Denkens werden. So entstanden die ersten schriftlichen Zusammenstellungen der Mischna (mündliche Überlieferung parallel zur Thora) im dritten Jahrhundert in und um Tiberias. Die Mischna wurde später zum wichtigsten Bestandteil des Talmuds.

Den Rabbinern gelang es, das Judentum erfolgreich zu transformieren: Die Synagogen übernahmen die Funktion des Tempels, gemeinsames Gebet und Thorastudium dienten als Ersatz für den Tempelkult. Dies ermöglichte dem Judentum in der Diaspora („Galut“) zu überleben.

Leben in der Diaspora

Bereits in der Spätantike lebten Juden in allen Ländern des „Imperium Romanum“, das heißt rund um das Mittelmeer, auf dem Balkan, in Italien, auf der iberischen Halbinsel und in Gallien. Bis zum zehnten Jahrhundert bildeten sich einerseits Spanien und Südfrankreich, andererseits das Rheinland und Nordostfrankreich als kulturelle Zentren heraus. Die Juden der iberischen Halbinsel nannten sich Sepharden, die mitteleuropäischen Askhenasen.

Unter den islamischen Herrschern genoss das sephardische Judentum anfangs weitestgehend Schutz – das 10. und 11. Jahrhundert brachte geradezu eine kulturelle und wissenschaftliche Blüte. Die Rückeroberung der iberischen Halbinsel durch die Christen am Ende der 15. Jahrhunderts bedeutete allerdings das Ende der jüdischen Kultur in Spanien und Portugal. Die Juden mussten sich zwischen Taufe und Ausweisung entscheiden. Viele Juden emigrierten nach Nordafrika bis hin in die Levante.

Kreuzzüge als Auftakt für Judenverfolgung in Europa

Für die Juden in Mitteleuropa (Aschkenasen) begann sich die Lage bereits mit dem Ende des elften Jahrhundert zu verschärfen. Zwar waren die jüdischen Gemeinden zuvor schon vereinzelt Anfeindungen ausgesetzt. Sie konnten sich aber dennoch auf den Schutz des Staates bauen. Einen ersten groben Einschnitt stellte der erste Kreuzzug im Jahr 1095 dar. Das Heer zog von Frankreich aus durch Europa. Die Kreuzfahrer stellten die Juden in den Städten und Dörfern vor die Wahl: Tod oder Taufe.

Es war der Auftakt für jahrhundertelange Verfolgungen und Repressionen, die durch die Pestepidemien des Mittelalters noch einmal verstärkt wurden. Weitreichende Migrationsbewegungen – vor allem nach Osteuropa – waren die Folge. Die eigene Tradition und Sprache (das dem Deutschen verwandte Jiddisch) nahmen die mitteleuropäischen Juden dabei mit.

Jüdische Mystik

Teil dieser religiösen Tradition waren mystische Strömungen. Bereits im 12. Jahrhundert entstand in Südfrankreich die Kabbala, die sowohl im sephardischen als auch aschkenasischen Judentum rezipiert wurde. Die Kabbala beeinflusste auch eine weitere Spielart der jüdischen Mystik, den osteuropäischen Chassidismus. Unter dem Eindruck der Judenpogrome des Jahres 1648 entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine stark aus der Volksfrömmigkeit gespeiste Bewegung. Deren charismatische Führer verstanden sich als Mittler zwischen Gott und dem Einzelnen.

Einfluss der Aufklärung

In Mittel- und Westeuropa prägte die Aufklärung Teile des Judentums. Vor allem in Deutschland kam es ab dem 19. Jahrhundert zu Modernisierungsbestrebungen. Der Rabbiner sollte vom Rechtssprecher verstärkt zum Seelsorger werden. Synagogen wurden zu sogenannten „Tempeln“ mit Orgel und teilweise deutscher Liturgie umgestaltet. Ebenso veränderte sich durch die historischen Wissenschaften das Schriftverständnis. Vor allem der Talmud wurde verstärkt als geschichtliches Dokument begriffen.

Eine solche Art der Modernisierung traf nicht überall auf Verständnis. In Deutschland bildeten sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts vier religiöse Strömungen heraus, die das Spektrum von liberal bis konservativ abdeckten. Diese deutsch-jüdische Tradition wirkte auf das Judentum in Amerika ein und ist bis heute in den drei großen Denominationen – Orthodoxe, Reformjudentum und konservatives Judentum – zu erkennen.

Shoa und Gründung des Staates Israel

Die Aufklärung bedingte ebenso die Bewegung des Zionismus. Jüdische Denker wie Theodor Herzl erkannten, dass die Emanzipation des Bürgertums keine Emanzipation des Judentums mit sich brachte. Vielmehr sahen sich die Juden seit dem 19. Jahrhundert einem verstärkten Antisemitismus gegenüber. Diese Erfahrung in Verbindung mit nationalistischen Ideen führte zum Zionismus, der die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates zum Ziel hatte.

Bereits ab dem Ende des 19. Jahrhunderts begannen jüdische Auswanderer, in Palästina Grund zu kaufen. Doch vor der Gründung eines eigenen Staates brach über das Judentum die Katastrophe der Shoa herein. Dem Versuch des nationalsozialistischen Regimes, die jüdische Bevölkerung auszulöschen, fielen sechs Millionen Juden zum Opfer.

Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam es 1948 zur Gründung des Staates Israels – gegen den Widerstand der arabischen Staaten. Bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebten dennoch die meisten Juden in der damaligen Sowjetunion. Der Zusammenbruch des Ostblocks sollte dies ändern. Heute leben in Israel gut fünf Millionen Juden, fast genauso viel wie in den USA. Weltweit zählt das Judentum etwas über 13 Millionen Anhänger.

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