Falun Gong: Verfolgt und misshandelt

In China ist Falun Gong, eine Gemeinschaft mit buddhistischen Wurzeln, seit 15 Jahren verboten. Mitglieder werden verfolgt und gefoltert, berichtet Falun Gong. Am 19. und 20. Juli wurde weltweit dagegen demonstriert.

Mit Demonstrationen in vielen großen Städten rund um den Globus, auch in der Wiener Innenstadt, machen Mitglieder von Falun Gong erneut die Öffentlichkeit auf ihre Situation der Verfolgung in China aufmerksam. Am 20. Juli jährt sich für die neue religiöse Bewegung mit buddhistischen und daoistischen Wurzeln zum 15. Mal jener Tag, an dem in China das Ausüben von Falun Gong unter schwere Strafe gestellt wurde.

Seither seien hunderttausende Menschen verfolgt, gefangen und gefoltert worden. Viele hätten diese Torturen nicht überlebt, immer wieder seien Anhänger der Bewegung in China auch als Organspender missbraucht worden - schwere Anschuldigungen, die Falun Gong gegen China auf Flugzetteln, Plakaten und Bannern vorbringt. Einige der Übergriffe werden auch in Berichten des UNHCR, oder etwa von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International aufgegriffen.

In der chinesischen Botschaft in Wien dementiert man auf Nachfrage von religion.ORF.at die Menschenrechtsverletzungen und spricht von Falun Gong als Irrlehre, von einer gefährlichen und bösartigen Sekte, die Menschen manipuliere.

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Fast täglich meditieren und demonstrieren Wiener Falun-Gong-Mitglieder im Stadtpark neben dem Johann-Strauß-Denkmal

Genau das, die Bezeichnung „bösartige Sekte“, sei Teil der Unterdrückung von Falun Gong, schreibt der kanadische Menschenrechtsanwalt David Matas in seinem Buch „Blutige Ernte“, das sich mit der Verfolgung von Falun Gong in China beschäftigt. Indem man die Bewegung denunziere, schaffe man einen Vorwand für die Unterdrückung.

Qigong-Boom

Dabei wurde die Falun-Gong-Bewegung, auch Falun Dafa genannt, in ihren Anfängen 1992 von staatlicher Seite in China gefördert. In den 1980er und 1990er Jahren boomten Körperübungen unter dem Namen Qigong in China - eine alte chinesische Tradition, die den Körper gesund halten soll. In diesem Kontext ist auch Falun Gong entstanden.

Als Gründer gilt Li Hongzhi. Seine 1992 vorgestellten fünf Körperübungen sollen auf traditionellen buddhistischen Bewegungsabläufen basieren. Es seien Übungen, die den Menschen auf seinem „Kultivierungsweg“ begleiten, wie Li Hongzhi immer wieder in Vorträgen, Videos und Schriften erklärt. Es gehe darum, ein Leben nach den Prinzipien von Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht zu führen.

Vorträge von Li Hongzhi wurden 1995 in dem Buch Zhuan Falun veröffentlicht. Heute gilt dieses Buch neben vielen anderen Schriften als das Hauptwerk des Gründers. Seinen Anweisung folgend sind die Praktizierenden angehalten, daraus regelmäßig zu lesen und zu zitieren.

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Mittels Videos werden die Körperübungen von Gründer Li Hongzhi ab 1992 rasch weltweit verbreitet

Hundert Millionen Anhänger

Nach Angaben von Yong Wang, Obmann von Falun Gong in Österreich, haben sich in den 1990er Jahren bis zu 100 Millionen Menschen der Bewegung angeschlossen. Zum Konflikt zwischen Falun Gong und staatlichen Stellen in China kommt es dann ein paar Jahre später, weil Falun Gong – so der Vorwurf – schulmedizinische Behandlungen ablehnt. Dass Falun Gong die Schulmedizin ablehne, stimme nicht, sagt Igor Jancev, seit vielen Jahren Mitglied im Österreichischen Falun Dafa Verein. Das sei „Teil der chinesischen Hasspropaganda mit dem Ziel, Falun Gong als gefährlich darzustellen.“

Vonseiten der chinesischen Führung wird Falun Gong außerdem vorgeworfen, immer wieder würden Menschen in den Suizid getrieben werden. So sei es zu Selbstverbrennungen von Falun-Gong-Anhängern gekommen. Falun Gong bestreitet das vehement und behauptet, die Vorfälle seien von staatlicher Seite inszeniert worden. So genannte „Beweis-Videos“ seien nachweislich manipuliert worden.

Schließlich kommt es 1999 zum Verbot von Falun Gong durch die Behörden in China. Schon zuvor reist Gründer Li Hongzhi in die USA und macht von dort aus mit Seminaren und Vortragsreisen die Bewegung weltweit bekannt. Seine Anhänger sprechen ihn respektvoll mit dem Titel „Meister“ an. Für viele von ihnen ist er „nicht nur ein Lehrer, sondern er hat auch eine heilsvermittelnde Funktion. Er vermittelt seine Inhalte nicht nur über seine Schriften und Vorträge, sondern jedes Mitglied, wenn es sich auf Falun Gong ganz einlässt, steht im Endeffekt mit ihm in einer spirituellen Verbindung“, erklärt der Wiener Religionswissenschafter Franz Winter im Gespräch mit religion.ORF.at.

Die von Falun Gong tradierte Biographie von Li Hongzhi trägt denn auch durchaus legendenhafte Elemente in sich: Schon als Vierjähriger habe der Meister begonnen, bei großen chinesischen Gelehrten in die Schule zu gehen, und so allerlei Praktiken und verborgenes Wissen erlernt.

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1999: Mit Straßenwalzen werden Schriften und Videomaterial von Falun Gong in China zerstört

Verbot, Verfolgung und Folter

Ab dem Zeitpunkt des Verbots wurden in China Falun-Gong-Materialien beschlagnahmt und öffentlich verbrannt oder mit Straßenwalzen zerstört. Die nach wie vor andauernde heftige Verfolgung und Unterdrückung in China hat das Erscheinungsbild von Falun Gong in den vergangenen Jahren entscheidend geprägt. In der Öffentlichkeit tritt die Gruppe seither stets als verfolgte Gemeinschaft auf. Bei Meditationen, etwa in Parks, gibt es immer auch Informationsmaterial über Gräueltaten an Gesinnungsgenossen.

In Wien meditiert und demonstriert man fast täglich im Stadtpark und jeden Donnerstag vor der chinesischen Botschaft. Zwischen Bäumen hat man Plakate gespannt, auf den Parkbänken liegen Falun-Gong-Zeitschriften. Dazwischen sind rund ein dutzend Menschen in Meditation versunken. Eine Stimme aus einem kleinen Lautsprecher gibt Anweisungen. Alle paar Minuten wechselt die Meditationsgruppe ihre Körperhaltung.

Igor Jancev erzählt, wie gut ihm diese täglichen Übungen tun und dass dadurch der Energiefluss in seinem Körper aktiviert werde. Doch schnell ist man auch in diesem Gespräch wieder bei den vielen schrecklichen Schicksalen der Verfolgten in China. „Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Jobverlust, Bildungsverbot“ - lang sei die Liste der Repressalien gegen die Gruppe, erzählt Jancev.

Märtyrertheologie

Auch bei Pressekonferenzen berichten immer wieder Mitglieder von Folter in den Gefängnissen und Umerziehungslagern in China. Aufgrund dieser Märtyrergeschichten hat sich offensichtlich im Laufe der Jahre ein der Bewegung eigener Darstellungsstil in Abbildungen entwickelt, der etwa Folterszenen in allen Details ausmalt.

Man kann auf den Bildern Menschen erkennen, denen bei lebendigem Leib Organe entnommen werden oder die auf andere Art und Weise sadistisch gequält werden. Zeitschriften und Bücher mit diesen Darstellungen werden auch im Stadtpark verteilt, vor allem an chinesische Touristen. Hin und wieder sollen auch Mitarbeiter der chinesischen Botschaft vorbeikommen und die Aktionen mehr oder weniger auffällig dokumentieren, erzählt man in der Wiener Gruppe.

In den ersten Jahren des Verbots von Falun Gong sind auch immer wieder Mitglieder aus Europa oder den USA nach China gereist, um ihre Glaubensgeschwister zu unterstützen. Dass das von der chinesischen Führung als Provokation verstanden wird, hat man dabei offenkundig sehr bewusst in Kauf genommen. Der Religionswissenschafter Franz Winter ortet im Blick darauf „eine Art Märtyrertheologie, die den einen oder anderen in Gefahr bringen kann, sich als Märtyrer zu präsentieren, beziehungsweise als Märtyrer zu agieren.“ Mittlerweile hat sich Gründer Li Hongzhi mehrfach gegen diese gefährlichen Reisen nach China ausgesprochen.

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Detailliert werden auf Falun-Gong-Gemälden und -Zeichnungen Folter und illegale Organentnahmen in China dargestellt

China gewährt keinen Einblick

Es ist schwierig, zu den vielfach berichteten Organentnahmen und Folterungen überprüfbare Zahlen, Daten und Fakten zu erhalten. Unabhängige Recherchen sind in China nicht möglich. Im Internet kursiert eine Fülle an gut kaschierten staatlichen Propagandaseiten. Zeugen und Anwälte werden schnell mundtot gemacht, wie etwa der bekannte chinesische Anwalt Gao Zhisheng. Mehrfach wurde er über Jahre inhaftiert, unter anderem für seinen Einsatz für Falun Gong.
Im Jahr 2006 erstellte der kanadische Hochschullehrer und Direktor des Internationalen Zentrums für Menschenrechte und Demokratieentwicklung David Matas gemeinsam mit dem kanadischen Politiker David Kilgour den Untersuchungsbericht „Bloody Harvest - Blutige Ernte“. Laut diesem Bericht sollen zwischen 1994 und 1999 in China illegal 18.500 Organe verpflanzt worden sein. Zwischen 2000 und 2005 seien es bereits 60.000 gewesen.

Am 12. Dezember 2013 kommt es zu einer „Entschließung des Europäischen Parlaments zu Organentnahmen in China“. Darin heißt es: „In der Erwägung, dass in der Volksrepublik China jährlich mehr als 10.000 Organtransplantationen vorgenommen werden und 165 chinesische Organtransplantationszentren dafür werben, dass innerhalb von zwei bis vier Wochen passende Organe gefunden werden können, obwohl in China derzeit kein organisiertes oder wirksames öffentliches System für die Spende oder Verteilung von Organen besteht; in der Erwägung, dass das Organtransplantationssystem in China nicht den Anforderungen der Weltgesundheitsorganisation im Hinblick auf Transparenz und Rückverfolgbarkeit der Organe entspricht und dass sich die chinesische Regierung einer unabhängigen Kontrolle des Systems widersetzt; in der Erwägung, dass die freie Einwilligung der Betroffenen nach vorheriger Aufklärung die Voraussetzung für eine ethisch vertretbare Organspende darstellt.“

Unter all diesen Voraussetzungen fordert das Europäische Parlament „die Regierung der Volksrepublik China auf, die Organentnahme an gewaltlosen politischen Gefangenen und Angehörigen religiöser und ethnischer Minderheiten unverzüglich einzustellen, ... und fordert die unverzügliche Freilassung aller gewaltlosen politischen Gefangenen in China, einschließlich der Anhänger der Falun-Gong-Bewegung.“

Falun Gong wehrt sich

Seit dem Verbot in China wehrt sich Falun Gong gegen die Anschuldigungen der chinesischen Behörden mit Berichten in eigenen Zeitungen und auf Websites. Eine eigene Showtruppe präsentiert in der Art eines chinesischen Zirkus „Shen Yun“, eine Schau quer durch 5000 Jahre chinesische Geschichte.

Die Show zeigt den Kommunismus und das aktuelle China als Verfall der alten Kultur. Interessant ist, dass „Shen Yun“ nicht als Veranstaltung von Falun Gong deklariert wird, obwohl die Aufführungen von den örtlichen Falun-Gong-Vereinen organisiert und unterstützt werden. Gerne werden Prominente und Opinionleader zu den Shows eingeladen. Daneben betreibt Falun Gong von den USA aus auch eigene TV-Sender.

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Die Körperübungen sollen auf dem Weg zur Vervollkommnung helfen

Die Körperübungen sollen auf dem Weg zur Vervollkommnung helfen
Im Wiener Stadtpark ist man an diesem Morgen mit den Körperübungen fertig. Einige Neugierige beäugen die Falung-Gong-Mitglieder, die neben dem Johann-Strauß-Denkmal ihre Plakate zusammenpacken. Plötzlich zückt ein Mann eine Kamera und beginnt auf provokante Weise, die Praktizierenden zu fotografieren und hämisch zu lachen. Sein Gesichtsausdruck vermittelt: „Jetzt kenne ich euch und weiß, wer ihr seid.“ Eine Szene, die Außenstehenden durchaus Angst einflößt.
Obmann Yong Wang kennt solche Situationen zur Genüge, doch weder er, noch die anderen Anhängerinnen und Anhänger von Falun Gong möchten sich dadurch von ihrem Weg abbringen lassen. Das Praktizieren von Falun Gong bringe sie in ihrer persönlichen Vervollkommnung voran. Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht stellten alles andere in den Schatten.

Marcus Marschalek, religion.ORF.at

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