Bischof Kräutler über „Wirtschaft, die tötet“

Eine „Wirtschaft, die tötet“, wie sie Papst Franziskus in seinem Schreiben „Evangelium gaudii“ heftig kritisiert, ist in Lateinamerika häufig Realität, so der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler.

Er kritisierte im Kathpress-Interview einmal mehr scharf den Wirtschaftskurs der neuen-alten brasilianischen Regierung und blickt den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 ohne positive Erwartungen entgegen. Wie bei der Fußball-WM 2014 würden die armen Menschen davon nicht profitieren, ganz im Gegenteil werde die Kluft zwischen Arm und Reich im Land immer größer, so der Bischof. Was sich rund um den Kraftwerksbau Belo Monte und die Zwangsumsiedlung von bis zu 50.000 Menschen abspielt, sei unfassbar, so der Bischof weiter.

Hohe Erwartungen hat Kräutler indes an die kommende Öko-Enzyklika von Papst Franziskus, bei der es nicht nur um bloßen Umweltschutz gehen werde. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes, die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich im Land dürfe nicht mehr länger hingenommen werden", so Kräutler.

Beiträge für Papst-Enzyklika

„Was hier am Amazonas geschieht hat Konsequenzen für die ganze Welt“, warnte Kräutler. Zudem gelte es, die Verantwortung nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für kommende Generationen ernst zu nehmen. Die Schöpfungstheologie werde ausgeweitet und nehme auch die realen Lebensumstände der Menschen in den Blick. Bischof Kräutler hat für die Papst-Enzyklika wichtige inhaltliche Beiträge geleistet und zugearbeitet.

Kritik an brasilianischer Politik

Kein gutes Haar ließ der Bischof einmal mehr an der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff und ihrer Politik. Dass deren Arbeiterpartei eine solche inhaltliche Entwicklung nehmen werde, „habe ich mir nicht einmal in meinen schlimmsten Alpträumen vorstellen können“, sagte der Bischof. Fortschritt und Entwicklung ließen sich für die Regierung allein an Wirtschaftsdaten messen. Das habe aber nicht mit mehr Lebensqualität für die breite Masse der Bevölkerung zu tun. Steigende Rohstoffexporte und eine boomende Agroindustrie seien das Maß der Dinge, Ökologie und der Schutz traditioneller Dorfgemeinschaften blieben auf der Strecke.

Bischof Erwin Kräutler
APA/Roland Schlager
Bischof Erwin Kräutler

Der Zugang zu Gesundheit und Bildung sei nach wie vor gerade im Bundesstaat Para, in dem sich die Diözese von Bischof Kräutler befindet, sehr schlecht. Punktuelle Sozialaktivitäten würden bei weitem nicht ausreichen. Auch der öffentliche Transport sei eine Katastrophe. „Das ist unmenschlich, wie die Menschen wie Tiere zusammengepfercht in Bussen zur Arbeit und wieder zurück fahren müssen.“ Die Regierung habe dafür aber kein Ohr. „Präsidentin Rousseff ist nicht dialogfähig“, so das Urteil Kräutlers.

„Anti-indigene Kampagne“

Besonders schlimm sei es um die Rechte der indigenen Bevölkerung bestellt. Die Regierung habe immer wieder gezeigt, dass sie für die Indigenen nichts übrig habe, so Kräutler. Er ortete gar eine „anti-indigene Kampagne“, die derzeit im brasilianischen Nationalkongress gefahren werde. Dabei, so betonte Kräutler, gehe es in der Indigenen-Frage nicht um Almosen. Die Ureinwohner hätten von der Verfassung verbriefte Rechte.

1987/88 war es gelungen, im Grundgesetz zu verankern, dass die Indigenen ein Recht auf ihr angestammtes Land, ihre Kultur, Sprache und Religion hätten. Zuvor seien sie als „Waldbewohner“ bezeichnet worden, hätten sich in die Gesellschaft integrieren und ihre Identität aufgeben sollen. Nach 1988 wurden dann aber zumindest 50 Prozent der den Indigenen zugesicherten Fläche abgegrenzt. Das sei auch für den weltweiten Klimaschutz von enormer Bedeutung, so Bischof Kräutler, der sich auch als Präsident des Indianermissionsrates der brasilianischen Bischofskonferenz (CIMI) für die Ureinwohner einsetzt.

Der Bischof hatte zuletzt immer wieder vor Tendenzen in der brasilianischen Politik und Wirtschaft gewarnt, diese Verfassungsbestimmung wieder zu lockern und über die Landrechte der Indigenen neu zu verhandeln.

Aus Fußball-WM nichts gelernt

Die Regierung habe aus der Fußball-WM 2014 nichts gelernt, so Kräutler. Für die Fußballfans aus aller Welt und die anderen Touristen sei die WM vielleicht ein schönes Erlebnis gewesen, die breite Masse der armen Bevölkerung habe davon aber nicht profitieren können, kritisierte der Bischof. Es sei zu befürchten, dass sich diese Entwicklung nun mit den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro fortsetzen werde. Derzeit seien die Spiele im Land allerdings noch kein großes Thema. Es sei aber jedenfalls sicher, dass die geplanten Projekte für die Spiele wieder nicht vollständig fertig sein werden.

Wie Bischof Kräutler weiter berichtete, seien die Zustände rund um das Kraftwerk Belo Monte am Amazonas-Zufluss Xingu skandalös. Ein Drittel der Stadt Altamira werde überflutet, zwischen 40.0000 und 50.000 Menschen seien davon betroffen und müssten ihre Häuser verlassen. Diese Personen würden entweder in Fertigteilhäuser am Stadtrand von Altamira umgesiedelt oder könnten sich eine Entschädigung auszahlen lassen, so Kräutler. Die Ersatzwohnungen seien jedoch oft in einem schlechten Zustand und die Entschädigungszahlungen zu niedrig.

Schulen unter Wasser gesetzt

Die neuen Siedlungen seien zudem weit weg vom Zentrum der Stadt, kritisierte Kräutler. Die Menschen würden von der Regierung einfach im Regen stehen gelassen. Es fehle dort jede Infrastruktur. „Die Kirche hat dafür auch keine Mittel. Das ist Aufgabe des Staates“, so Kräutler: „Die Kirche hat in Altamira drei Schulen gebaut, für die Kinder aus der armen Bevölkerungsteilen. Die werden jetzt umgesiedelt und die Schulen unter Wasser gesetzt. Und weil die Regierung in den neuen Siedlungen keine Schulen baut, sollen wir jetzt nochmals Schulen errichten? Das können wir nicht“, zeigte sich der Bischof empört.

Der Bischof nahm auch zu der in heimischen Wirtschaftskreisen kritisch aufgefassten Stelle aus dem Papstschreiben „Evangelium gaudii“ Stellung, in der der Papst von einer Wirtschaft spricht, die töte. Man müsse diese Passage im Lateinamerika-Kontext des Papstes verstehen, erläuterte Kräutler: In Brasilien würden immer noch viel zu viele Arbeitnehmer unter sklavenähnlichen Bedingungen ihrer Tätigkeit nachgehen müssen.

Das sei ein anderer Kontext als in Österreich: „Der Papst wollte damit sicher nicht direkt irgendeinem Unternehmen in Österreich die Leviten lesen.“ Zugleich wolle der Papst damit aber darauf hinweisen, dass jedes Unternehmen auch soziale Verantwortung habe und jeder Unternehmer - „in Österreich wie in Brasilien“ - aufgefordert sei, sein Gewissen in dieser Hinsicht zu erforschen.

Toleranzpreis des Buchhandels

Bischof Kräutler hält sich derzeit für einige Tage in Österreich auf. Am Donnerstagabend erhielt er in Wien den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert. Er wolle stets einen Dialog mit allen Menschen führen und niemanden ausgrenzen, so Kräutler gegenüber Kathpress. Respekt für den anderen und ein Dialog auf Augenhöhe seien seine Maxime.

Erwin Kräutler wurde 1939 in Vorarlberg geboren und trat in den Orden der Missionare vom Kostbaren Blut ein. Er studierte Theologie und Philosophie in Salzburg und ist seit seiner Priesterweihe 1965 als Missionar in Brasilien tätig, seit 1981 ist er Bischof von Xingu. Für seinen Einsatz für die Umwelt und die indigenen Völker wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Romero-Preis, mehreren Ehrendoktoraten sowie 2010 mit dem Alternativen Nobelpreis. Zuletzt veröffentlichte Kräutler das Buch „Mein Leben für Amazonien. An der Seite der unterdrückten Völker“ (Tyrolia Verlag) und „Kämpfen, glauben, hoffen: Mein Leben als Bischof am Amazonas“ (Vier Türme).

religion.ORF.at/KAP