Adolf Holl ist 85: Nachdenken über Hitler und Indien

Theologe, katholischer Querdenker, Philosoph, Autor und Ex-Priester: Adolf Holl feiert am Mittwoch seinen 85. Geburtstag. In seinem neuen Buch macht er sich Gedanken über Indien, das Böse und den wiedergeborenen Hitler.

„Wenn du in Delhi aus dem Flugzeug steigst, siehst du dort die Vögel. Sie haben auf dich gewartet. Einer von ihnen fällt dir ins Auge. Das ist Hitler.“ So beginnt Holls „Braunau am Ganges“, und es ist von vornherein klar: Das ist kein wissenschaftlich-theologischer Text, hier wird es keine Fußnoten geben. Eine poetische Sammlung von Gedanken und Assoziationen umrahmt historische Fakten aus der religiösen und politischen Geschichte Indiens, aber auch der Beziehung der Europäer - etwa des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse - zum hinduistischen Subkontinent.

Historische Fakten, poetische Assoziationen

Holl wurde am 13. Mai 1930 in Wien geboren. Er studierte Theologie, später auch Geschichte, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien. Holl wurde 1954 zum Priester geweiht und arbeitete bis 1973 als Kaplan und Religionslehrer in der Wiener Pfarre Neulerchenfeld, ab 1963 als Dozent an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. Sein Buch „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) brachte ihn in Konflikt mit der Kirchenleitung, 1973 verlor Holl die Lehrbefugnis, 1976 wurde er von Kardinal Franz König vom Priesteramt suspendiert. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller.

Adolf Holl
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Adolf Holl

Insgesamt hat Holl über dreißig Bücher vorgelegt, zuletzt „Braunau am Ganges“. Immer wieder geistert „Lord Shiva“ durch den Text: Er verkörpert hier das männlich-zerstörerische, kriegerische Prinzip in der Religion - nicht nur im Hinduismus. Mitunter scheint Holl in „Braunau am Ganges“ mit sich selbst zu sprechen: „Du steckst immer noch in der Apokalyptik. An die habe ich früher zu glauben geglaubt. Jetzt nicht mehr. Dann bist du kein guter Christ.“

Hitler als „Dämonenkönig“

Gespräche und Interviews etwa mit einem indischen Geistlichen und einem Psychoanalytiker kreisen um die Mystik hinduistischer Religion und Psychologie. Adolf Hitler wird hier in immer neuen Erscheinungs- und Wahrnehmungsformen rezipiert: einmal als „Messias“, wie er 1938 in Wien auf dem Heldenplatz mit „Heilrufen“ begrüßt worden sei, ein anderes Mal als „Dämonenkönig“.

Buchcover "Braunau am Ganges" von Adolf Holl
Residenz Verlag

Buchhinweis

Adolf Holl: Braunau am Ganges. Residenz Verlag, 144 Seite, 17,90 Euro.

Man müsse das Zerstörerische in sich selbst entdecken, „damit es einem nicht fremd bleibt und man sich solche Figuren einverleiben kann“, zitiert Holl den indischen Psychoanalytiker Sudhir Kakar.

Vom „Verkehrsaufkommen zwischen Braunau am Ganges und Braunau am Inn“ erzählt Holl und vom „Hindu-Faschismus“ in Form des Subhash Chandra Bose (1897 bis 1945). Bose war ein Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung und kämpfte zunächst an der Seite von Mahatma Gandhi. Während des Zweiten Weltkriegs gründete er dann die Indian National Army, die der deutschen Waffen-SS unterstellt war. Bose, der mit einer Österreicherin verheiratet war, wird in Indien teilweise noch heute als Gottheit verehrt.

Von „Wahn-“ und „Schattensystemen“

Viele Fäden werden auf diese Weise in „Braunau am Ganges“ zwischen Religionen, Ländern und Systemen (Holl unterscheidet das „Schattensystem“, das „Wahnsystem“ und das „Realsystem“) hin- und hergezogen. Das kann sehr anregend sein, Leser mitunter aber auch sehr fordern.

Im Gespräch mit ORF-Journalistin Brigitte Krautgartner sagte Holl in der Ö1-Sendung „Erfüllte Zeit“, er habe an dem Buch zehn Jahre lang gearbeitet. Damals sei ihm die Grundidee zu „Braunau am Ganges“ gekommen, dass „unsere westliche Zivilisation mit diesem Unheil Hitler bis zum heutigen Tag nicht fertig wird“. Im Hinduismus gebe es „keine Unschuldigen“. Es gehe stets um den Abbau von Schuld aus einem früheren Leben und darum, „gelöscht“ zu werden. Anders in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg: „Alle, alle, ob katholisch oder nicht katholisch (...), haben so getan, als ob nichts geschehen wäre.“

Frühere Bücher Holls, etwa „Die linke Hand Gottes“, „Falls ich Papst werden sollte“ und „Der Fisch aus der Tiefe“, wurden in viele Sprachen übersetzt. In Österreich wurde er als Leiter der ORF-Diskussionssendung „Club 2“ bekannt. Er arbeitet heute als Schriftsteller und freier Publizist. Holl erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (2003) und den Axel-Corti-Preis (2006).

Adolf Holl als Gastgeber des "Club 2"
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Holl als Gastgeber der ORF-Diskussionssendung „Club 2“

„Aus einem Scheiberl Gott“ machen

Ungefähr im Alter von 14 Jahren sei er dem „lieben Jesus an die Angel gegangen“, sagte Holl in einem Gespräch anlässlich des Geburtstags mit der Ö1-Journalistn Renata Schmidtkunz. Er habe so wie der Priester die lateinischen Worte „hoc est enim corpus meum“ flüstern wollen, und „auf einmal ist aus einem Scheiberl Gott geworden. Das wollte ich auch zusammenbringen“, schilderte er seine Motivation, aufs Priesterseminar zu gehen.

Sendungshinweis

„Kreuz und quer: Adolf Holl - Wünsche können nicht irren“ am Mittwoch um 20.15 Uhr in ORF III

Holl über sein Verhältnis zu Messe, insbesondere der in Latein gehaltenen: „Für mich war das Zweite Vatikanische Konzil eine Zumutung - weil’s das Lateinische abgeschafft haben.“ Eine gewisse „milde Entrückung, eine leichte Trance“ habe er als Priester beim Sprechen der Wandlungsworte auf Lateinisch empfunden: „Dann ist der Jesus Christus vor mir am Altar gelegen.“ Er habe daher seine Blicke nicht auf das Kreuz gerichtet, sondern „auf den leibhaftigen Gott“. Sein Beichtvater, ein Jesuit, habe das nicht verstanden, so Holl.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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