Über den Tellerrand: Protestanten im Gespräch

Über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus begeben sich zwei Protestanten im Vorfeld des Reformationsjubiläums. Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm sprechen in einem neuen Buch mit Vertretern aus anderen Religionen, Politik und Medien.

Zum bevorstehenden Reformationsjubiläum 2017 machen sich die „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“, Käßmann, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bedford-Strohm, zusammen mit sehr unterschiedlichen Personen des religiösen, politischen und medialen Lebens Gedanken darüber, wie religiöser Glaube heute funktionieren kann.

Buchcover Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm: Die Welt verändern
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Buchhinweis

Margot Käßmann, Heinrich Bedford-Strohm: Die Welt verändern. Was uns der Glaube heute zu sagen hat. Aufbau, 304 Seiten, 22 Euro

Aktuell und persönlich

Gesprächspartner sind die Journalisten Jakob Augstein und Dunja Hayali, der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide, der Rabbiner Walter Homolka und der Politiker Gregor Gysi. Die Intention der Autoren ist es, nach dem Lohnenden des Glaubens trotz der gegenwärtigen globalen Herausforderungen zu suchen. Und sie zeigen sich überzeugt, dass jeder Einzelne zu Gerechtigkeit und Fairness beitragen kann. „Den Luxus der Hoffnungslosigkeit können wir uns nicht mehr leisten“, heißt es im Vorwort.

Die Themen der Gespräche drehen sich einerseits um sehr persönliche Fragen des Glaubens, des Lebens und der Theologie, andererseits auch um aktuelle politische Diskurse - etwa die Flüchtlingsdebatte. Mehrmals kommen die Gesprächspartner auch auf Martin Luthers antisemitische Schriften zu sprechen.

Reformation nicht zu Ende

Das Buch betont an mehreren Stellen den prozesshaften Charakter der Reformation. Margot Käßmann versteht diese als nicht abgeschlossen. Die Reformation habe nicht erst mit Luther begonnen und auch nicht mit ihm geendet. „Reformation geht weiter“, sagt die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende im Gespräch mit dem deutschen Journalisten Jakob Augstein.

Walter Homolka
kathbild/Franz Josef Rupprecht
Rabbiner Walter Homolka

Dieser stellt unter anderem auch die Frage nach der oft missverstandenen göttlichen Gnade im Protestantismus. Auf die menschlichen Fragen nach dem Sinn des Daseins könne aus evangelischer Sicht geantwortet werden: „So wie du bist machst du schon Sinn“, so Käßmann. Dadurch könne viel vom Erfolgsdruck der heutigen Zeit genommen werden.

Die Gnade als Motor

Im Gespräch mit dem Rabbiner Walter Homolka, der die Bemühungen von jüdischer Seite betont, den Protestantismus zu verstehen, führt Käßmann weiter aus: „Luther sagt ja nicht: ‚Gott ist dir gnädig und jetzt lehn dich zurück im Sessel und hab ein gutes Leben.‘ Er meint vielmehr: ‚Weil ich begreife, dass Gott mir seine Gnade schon zugesagt hat, will ich jetzt alles tun, um so zu leben, wie Gott es für mich vorgesehen hat‘." Heinrich Bedford-Strohm sagt zum Thema Gnade im Gespräch mit der Moderatorin Dunja Hayali, dass es für ihn wichtig sei zu wissen, "... dass mein Wert letztlich nicht davon abhängt, ob ich alles richtig mache“.

Dunja Hayali
APA/dpa/Rolf Vennenbernd
ZDF-Moderatorin und Journalistin Dunja Hayali

Gerichtstexte wie Verkehrsschilder

Auffallend ist bei allen Gesprächen das ehrliche Interesse und die Offenheit, mit denen die Gesprächspartner einander begegnen. So spricht Khorchide Heinrich Bedford-Strohm auf den aus muslimischer Sicht als „Tritheismus“ verstandenen Gottesglauben der Christen an. Zugleich erfährt man, wie der Koran die Trinität beschreibt: Als Maria, Jesus und Gottvater. Bedford-Strohm betont: „Es war immer klar, dass es keinen Tritheismus geben darf, dass wir nicht an drei Götter glauben“. Es sei immer darum gegangen, wie die unterschiedlichen Ausdrucksformen des einen Gottes (Vater, Sohn, Heiliger Geist) zu verstehen seien, nämlich als dreieiniger Gott.

Mit Khorchide spricht Bedford-Strohm auch über die Auslegung gewalttätiger Passagen in Bibel und Koran. „Ich verstehe die Gerichtstexte der Bibel wie Warnschilder an der Straße. Es gibt zum Beispiel ein Verkehrsschild, auf dem ein schleuderndes Auto zu sehen ist. Dieses Schild will ja nicht sagen: ‚Du wirst am Baum landen.‘ Stattdessen soll es vermitteln: ‚Pass auf, wie du fährst. Fahr anders. Fahr vorsichtig‘“, so Bedford-Strohm.

Mouhanad Khorchide
kathbild/Franz Josef Rupprecht
Mouhanad Khorchide, islamischer Theologe

Falsch verstandene Sünde

Die Moderatorin und Journalistin Hayali stellt dem Bischof vor allem Fragen nach sozialen Realitäten. Etwa nach der Verantwortung gegenüber Flüchtlingen und nach dem Schlechten in der Welt. In diesem Zusammenhang wird auch auf den Begriff der Sünde eingegangen, der laut Bedford-Strohm zu sehr auf die Sexualität reduziert gedacht werde. Luther habe die Sünde beschrieben als ein in sich selbst „Verkrümmen“ und sich Entfernen von Gott.

Durchwegs beginnen die Gespräche mit Fragen der nichtevangelischen Personen. Zwischendurch erfährt man auch persönliche Dinge, wie etwa, dass sich Hayali von der institutionalisierten Kirche abgewendet hat, und wie Bedford-Strohm zu seinem Doppelnamen kam.

Gregor Gysi
APA/dpa/Bernd von Jutrczenka
Politiker Gregor Gysi

Politische Kirche

Das Gespräch mit dem Linkspolitiker Gysi ist das einzige, das mit beiden Theologen geführt wird. Darin wird unter anderem auch auf Luther als Kapitalismuskritiker eingegangen. Auf die Frage Gysis nach den Möglichkeiten der Kirche im Kampf gegen die voranschreitende globale Ungerechtigkeit fordert Bedford-Strohm ein politisches Engagement der Kirche und für jede Regierungsentscheidung eine „Eine-Welt-Verträglichkeits-Prüfung“.

Das Buch zum Reformationsjubiläum informiert über Martin Luther als Mensch, seine Lehren, gibt Einblicke in persönliche Standpunkte der jeweiligen Gesprächspartner, spannt einen Bogen von damals zu heute. Den Einstieg in das Buch bildet eine historische Einordnung der Reformation, den Schluss macht eine bebilderte Zeittafel von 1330 bis 2017. Auf den Seiten davor sind Kurzporträts von „Evangelische(n), die die Welt veränderten“ zu finden, wie Martin Luther King und Dorothee Sölle zu finden.

Nina Goldmann, religion.ORF.at

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