Symbolfigur des Glaubens: Kardinal Vlk gestorben

Archivar, Fensterputzer und Seelsorger, das Leben von Miloslav Vlk, dem späteren Prager Erzbischof war bewegt. Sein leidenschaftlicher Einsatz galt den christlichen Grundwerten. Am Samstag, 16. März ist Kardinal Vlk im Alter von 84 Jahren gestorben.

Vom Tellerwäscher zum Millionär - man kennt dieses US-Klischee einer Erfolgsgeschichte. Miloslav Vlk verkörperte einen Alternativentwurf: vom Fensterputzer zum Kardinal. Vlk arbeitete, bereits zum Priester geweiht, nach dem Prager Frühling von 1968 acht Jahre als Reinigungskraft - und wurde am Ende eine der Symbolfiguren des Glaubens im Mitteleuropa nach dem Kommunismus.

Kardinal Miloslav Vlk
Reuters/Petr Josek
Der emeritierte Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk ist am Samstag, 18. März im Alter von 84 Jahren gestorben

Bittere Bilanz

„Ich habe im Kommunismus gekämpft, und ich habe in der Demokratie gekämpft. Leider in beiden Fällen ohne großen Erfolg“, so lautete die bittere Bilanz des Kardinals. Dabei ist die Liste seiner Verdienste lang.

Der emeritierte Prager Erzbischof (1991-2010) stand für eine lebendige Kirche im kommunistischen Osteuropa. Berufsverbote und Schikanen: Am eigenen Leib hat der stämmige Kirchenmann, der herzhaft lachen und gut erzählen konnte, die Kirchenverfolgung in der damaligen Tschechoslowakei erfahren. Trotz seines frühen Entschlusses, Priester zu werden, konnte er zunächst nicht Theologie studieren: Der Staat hatte alle Seminare aufgelöst.

Fabrikarbeiter und Archivar

Vlk verdingte sich als Fabrikarbeiter und absolvierte den Militärdienst. Danach studierte er Archivwissenschaften und wurde schließlich Direktor des Bezirks- und Staatsarchivs in Budweis. Doch Vlks Wille, der Priesterberufung zu folgen, bestand fort. So nahm er 1964 nach Beratungen mit seinem internierten Bischof das Theologiestudium in Leitmeritz auf. Nach vier Jahren wurde er im Juni 1968 zum Priester geweiht. Weil er als Seelsorger zu erfolgreich schien, entzogen ihm die Behörden die Zulassung. Es folgten Jahre als Fensterputzer in Prag - und als Seelsorger im Untergrund.

„Zeuge des Glaubens“

Erst 1989 erhielt Vlk wieder die staatliche Erlaubnis, als Priester arbeiten zu dürfen. Schon 13 Monate später ernannte Papst Johannes Paul II. den Pfarrer zum Bischof. Vlk bezeichnete es später als unentbehrlich, dass Lehrer der Theologie „konkrete Zeugen des Glaubens“ seien. Wenn der heutige Mensch noch auf die Lehrer höre, „dann, weil sie Zeugen sind“. Die Kardinalswürde 1994, diverse Ehrendoktortitel und Auszeichnungen galten diesem persönlichen Lebenszeugnis wie seinem ökumenischen und europäischen Engagement.

Und der Kardinal kümmerte sich auch um das Zusammenwachsen der katholischen Kirche in Europa. Von 1993 bis 2001 stand er an der Spitze des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE). Schon früh pflegte er einen vertrauensvollen Dialog mit Amtsbrüdern im Westen, lud Kirchenvertreter aus ganz Europa nach Prag.

Enttäuschung über wenig Veränderung

Mit Blick auf die Entwicklung in seiner Heimat war bei Vlk in den letzten Lebensjahren aber auch immer wieder Enttäuschung zu spüren. „Die Leute haben den Kommunismus noch in den Köpfen und in den Herzen, ohne es zu wissen“, klagte er. „Manche Politiker marschieren munter weiter in der alten Weise.“

Ein 16-jähriges Tauziehen gab es um den Besitz des Prager Veitsdoms - den das höchste Gericht letztlich dem Staat und nicht der Kirche zusprach. Die Rückgabe von im Kommunismus beschlagnahmten Gebäuden brachte den Kardinal regelmäßig in Rage. Präsident Milos Zeman sei lediglich bereit, „gönnerhaft“ zwei Objekte auf dem Areal der Prager Burg zurückzuerstatten, schimpfte er 2014: das Georgskloster und die Neue Propstei - mithin Gebäude, „die vom Staat in einem solchen Maße vernachlässigt wurden, dass für ihre Instandsetzung Millionen-Investitionen erforderlich wären, die der Staat nach Aussage des Präsidenten nicht hat“. Vlk sprach von einer „Grobheit“ gegenüber der Kirche.

Kämpfer gegen Säkularisierung

Viele Kontroversen gab es um ein Religionsgesetz, das kirchliche Sozialarbeit beschränkt, und um die Staat-Kirche-Beziehungen, die sich in kaum einem anderen europäischen Land so schwierig gestalten. „Ich habe im Kommunismus gekämpft, und ich habe in der Demokratie gekämpft. Leider in beiden Fällen ohne großen Erfolg“, sagte Vlk nicht ohne Bitterkeit.

Mit seinem Lebenslauf - und seinen Enttäuschungen - verkörpert Vlk das Schicksal der Kirche in Tschechien, dem vielleicht am stärksten entkirchlichten Land des früheren Ostblocks. Immer wieder warnte er vor einer weiter fortschreitenden Säkularisierung, die die geistigen und moralischen Grundlagen des Westens gefährden werde. Dieser Prozess ist inzwischen weit fortgeschritten - und Vlks Stimme wird nun fehlen.

religion.ORF.at/KAP/APA