Völkermord in Ruanda: Papst bat um Vergebung

Papst Franziskus hat sich für die Rolle der katholischen Kirche beim Völkermord in Ruanda von 1994 entschuldigt. Bei einem Besuch des ruandischen Präsidenten Paul Kagame in Rom am Montag bat der Papst um Gottes Vergebung für die „Sünden und Fehler der Kirche“.

Im Vatikan-Kommunique zur Visite Kagames heißt es, der Papst habe seine „tiefe Traurigkeit und die des Heiligen Stuhls und der Kirche über den Völkermord gegen die Tutsi“ zum Ausdruck gebracht. „Er äußerte seine Solidarität mit den Opfern und mit denen, die weiterhin die Konsequenzen dieser tragischen Ereignisse erleiden, und er rief die Geste von Papst Johannes Paul II. in Erinnerung.“

Dieser hatte 1996 im Blick auf involvierte Priester und Ordensleute jene Kirchenvertreter, die Verbrechen begangen hätten, aufgerufen, „die Konsequenzen ihrer Taten anzunehmen, die sie gegen Gott und den Nächsten begangen haben“. Im Jahr 2000 erflehte er die „Vergebung Gottes für die Sünden und Verfehlungen der Kirche und ihrer Mitglieder, unter denen Priester und Ordensleute waren, die Hass und Gewalt erlegen sind und die ihre eigene vom Evangelium aufgetragene Mission verraten haben.“

Ruandas Präsident Paul Kagame und Papst Franziskus beim Händeschütteln
APA/AP/Reuters/Tony Gentile
Papst Franziskus empfing am Montag Ruandas Präsident Paul Kagame

Eskalationen 1994

In Ruanda hatte die Eskalation der Spannungen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi im Jahr 1994 zum Tod von rund 800.000 Menschen geführt. Nach dem Attentat auf Präsident Juvenal Habyarimana, einen Hutu, im April 1994 hatten radikale Hutu-Milizen drei Monate lang vor allem Tutsi, aber auch gemäßigte Hutus ermordet. Viele wurden mit Macheten getötet, andere bei lebendigem Leibe in Kirchen verbrannt. Ruandische Bischöfe erkannten im vergangenen Jahr an, dass katholische Geistliche aktiv daran teilgenommen hatten - mehr dazu in Ruandas Kirche entschuldigt sich für Genozid.

Mehrere katholische Kirchenmänner wurden inzwischen wegen Mitwirkung an dem Völkermord verurteilt. Der Kirche wird vorgeworfen, eine zu große Nähe zu der damaligen von der Hutu-Volksgruppe dominierten Regierung Ruandas gepflegt zu haben. Mehrere katholische Kirchen in dem kleinen afrikanischen Land waren zum Schauplatz von Massakern geworden: Tutsi hatten dort während des Völkermords Schutz gesucht, sie wurden aber in manchen Fällen von Hutu-Priestern ihren Mördern ausgeliefert.

Gemeindemitglieder, darunter Priester, hätten damals Hass und Gewalt nachgegeben und ihre eigene, kirchliche Mission verraten, hieß es nun vom Vatikan. Franziskus hoffe, dass die Anerkennung dessen zu einer „Reinigung der Erinnerung“ beitrage.

„Reinigung des Gedächtnisses“

Angesichts des jüngsten Heiligen Jahres der Barmherzigkeit (2015/16) und der von den ruandischen Bischöfen veröffentlichten Heiligjahr-Botschaft habe der Papst auch den Wunsch geäußert, „dass diese bescheidene Anerkennung der Versäumnisse jener Zeit, die leider das Gesicht der Kirche entstellt hat, zu einer ‚Reinigung des Gedächtnisses‘ beitragen kann und in Hoffnung und erneuertem Vertrauen eine Zukunft des Friedens fördern“ würde.

So solle „in Hoffnung und erneuertem gegenseitigen Vertrauen“ eine „Zukunft in Frieden “ ermöglicht werden. Ein Zusammenleben und Zusammenarbeiten sei möglich, „sobald die Würde der menschlichen Person und das Gemeinwohls im Zentrum steht“.

Erst im November vergangenen Jahres hatte die ruandische Regierung wiederum vom Vatikan eine offizielle Entschuldigung für die Tragödie gefordert - mehr dazu in Ruanda-Genozid: Entschuldigung von Kirche gefordert. Die Heiligjahr-Initiative der Bischöfe hatte sie als „zutiefst unzureichend“ befunden, weil nur von Einzelpersonen, nicht jedoch von der Kirche als Institution die Rede war.

Auch Geistliche und Ordensleute ermordet

Der Vatikan seinerseits beschuldigt die Regierung in Kigali der Hinrichtung von 13 Geistlichen, darunter drei Bischöfen, im Juni 1994 durch Männer der Ruandischen Patriotischen Front (RPF), die vom aktuellen Präsidenten der Republik kommandiert wurde. Der Prozess gegen die Mörder 2008 war mit einem milden Urteil zu Ende gegangen. Insgesamt waren 103 Priester, 65 Ordensfrauen und 47 Mönche von einer Seite oder der anderen während des Völkermords ermordet worden.

In den drei Monaten von April bis Juli 1994 wurden 800.000 Ruander, meist Tutsi, niedergemetzelt. Im Juli nahm dann die RPF, angeführt von Paul Kagame, die Hauptstadt Kigali ein. Kagame wurde danach Vizepräsident, bevor er 2000 zum Präsidenten gewählt wurde. Im Jahr 2010 wurde er mit 90 Prozent der Stimmen wiedergewählt, und er plant, die Verfassung zu ändern, um 2017 wieder kandidieren zu können. Etwa 40 Prozent der ruandischen Bevölkerung sind katholisch.

Opfer begrüßen Entschuldigung

Opfervereine in Ruanda begrüßten die Bitte um Vergebung von Papst Franziskus für die Beteiligung der Kirche am Völkermord von 1994. Die ruandische Tageszeitung „New Times“ zitiert am Dienstag den Präsidenten des Opfervereins IBUKA („Erinnerung“), Jean Pierre Dusingizemungu, mit den Worten: „Weil Papst Franziskus anders als seine Vorgänger handelt, hatten wir immer die Hoffnung, er würde sich zur Rolle der katholischen Kirche während des Genozids äußern.“

Der Zeitpunkt knapp drei Wochen vor dem offiziellen Gedenktag für die Völkermordopfer am 7. April sei „gut gewählt“ und gebe der Veranstaltung neue Bedeutung. Laut Dusingizemungu werde die Entschuldigung des Papstes aufgrund des großen Einflusses der katholischen Kirche zum Kampf gegen die Leugnung des Völkermords beitrage.

religion.ORF.at/KAP/APA/dpa/AFP

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