Nikolo: Heiliger im Großeinsatz

Immer wieder grassiert um den Nikolaustag das Gerücht, der Heilige sei in österreichischen Kindergärten, Horten und Schulen nicht mehr gern gesehen. Ein Faktencheck zeigt: Das Nikolofest wird weiterhin gefeiert - allerdings zeitgemäß.

„Natürlich feiern wir“: So beantwortete Elmar Walter, Geschäftsführer der St. Nikolausstiftung, die Frage von religion.ORF.at, ob es in den von der Stiftung betriebenen Kindergärten und Horten rund um St. Martin, St. Nikolaus und andere kirchliche Feiertage noch Feste gibt. Die St. Nikolausstiftung, die zur Erzdiözese Wien gehört, hat 85 Standorte in ganz Wien. Auch die städtischen Wiener Kindergärten und Horte haben Nikolo und Co. keineswegs abgeschworen, ebenso wenig die niederösterreichischen Einrichtungen.

Mediales Bangen um Heiligenfest

In einer Pressekonferenz mit dem Titel „Der Nikolo darf nicht sterben!“ hatte die FPÖ Niederösterreich Sorge um „traditionelle, christliche und heimische Feste“, die „massiv in Gefahr“ seien, bekundet. Immer öfter werde „die klassische Nikolofeier vom Lehrplan gestrichen und durch Feste aus anderen Kulturen ersetzt“. Auch unterschiedliche Medien bangen regelmäßig um den Besuch des Nikolos, wie der „Standard“ kürzlich berichtete. Ist daran etwas Wahres?

Nikolofeier im Kindergarten
St. Nikolausstiftung/Stefan Knittel
Feiern auf Augenhöhe und ohne Angst: Nikolofeier in einer Einrichtung der St. Nikolausstiftung

„Das stimmt einfach nicht“, sagte Marion Gabler-Söllner von der Abteilung Schulen und Kindergärten der niederösterreichischen Landesregierung gegenüber religion.ORF.at. „Der Nikolo wird in allen unseren Kindergärten thematisiert, es geschieht nur je nach Einrichtung auf unterschiedliche Weise.“

Es wird also weiter gefeiert. Für manche ist der „klassische“ Nikolaus ein verkleideter Mann mit Bischofsstab, Vollbart und goldenem Buch, der in die Kindergärten kommt, um dort, scheinbar allwissend, über die Bravheit der Kinder zu urteilen. Einen solchen Nikolo, womöglich noch in Begleitung eines rutenschwingenden Krampus, gibt es in vielen Kinderbetreuungseinrichtungen nicht mehr. Doch das hat andere Gründe als jenen, hiesige Bräuche abschaffen zu wollen.

Keine „schwarze Pädagogik“

Vielmehr sind es pädagogische Erwägungen, die in den letzten Jahrzehnten zu einer anderen Herangehensweise an Feste führten, erklärten Walter und Susanna Haas, pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung, im Gespräch mit religion.ORF.at: „In dieser Form, in der Form schwarzer Pädagogik, wollen wir das nicht mehr.“ Dass der Nikolo vom Himmel kommt und allwissend urteilt, wird als nicht mehr zeitgemäß empfunden. „Wir wollen den Kindern ehrlich begegnen, aber nicht ohne die Magie des Momentes“, so Haas.

Nikolofeier im Kindergarten
St. Nikolausstiftung/Stefan Knittel
Das Kostüm kann begutachtet und angegriffen werden

Das bedeutet, dass Betreuerinnen und Betreuer oder den Kindern bekannte Personen „sich vor oder mit den Kindern verkleiden, dass die Kinder die Gegenstände angreifen: die Mitra (Bischofsmütze) des Nikolo, den Stab und so weiter“. Dann kann der Heilige von einem Kind dargestellt werden oder auch in Form einer Handpuppe auftreten. Wie genau die Feier ablaufe, hänge auch mit dem Alter der Kinder zusammen.

Gefeiert wird überall

Ähnlich sieht das Daniela Cochlar, Abteilungsleiterin der Magistratsabteilung 10 (städtische Kindergärten und Horte) in Wien, die für 350 städtische Standorte zuständig ist. Es gelte von der Entwicklungspsychologie nachgewiesenen Phasen kindlichen „magischen Denkens“ Rechnung zu tragen. Dabei gehe jeder Standort anders mit der Feier um. Gefeiert werde aber überall, so Cochlar zu religion.ORF.at.

Dabei steht die Vermittlung von Brauchtum und der „kulturellen Aspekte“ im Vordergrund, die Religion - und auch die Entscheidung, ob man einen „richtigen“ Nikolo haben will, der ins Haus kommt - wird seitens der MA10 den Eltern überlassen. In vielen Wiener Schulen kommt er aber persönlich - meist handelt es sich dabei um einen vertrauten Lehrer oder Betreuer.

Und nicht nur der heilige Nikolaus, auch St. Martin etwa ist wichtig im Ablauf des Kindergartenjahres. „Die Kinder verkleiden sich als heiliger Martin und als Bettler, sie spielen die Martinslegende nach. Selbst wenn das Lichter-, Laternenfest oder auch Sternenzauberfest heißt - Martin wird nicht verheimlicht“, sagte Cochlar.

Gruppenerlebnis im Vordergrund

„Feste sind Höhepunkte im Kindergarten“, versicherte auch Haas von der katholischen St. Nikolausstiftung. Die Legende vom Nikolaus werde vermittelt, das Fest mit allen Sinnen vorbereitet, es werde gebastelt, gesungen und gebacken, zum Fest gebe es dann eine Nikolojause, Schokolade, Äpfel und Nüsse. Auch für etwas ältere Kinder, die einen Hort besuchen, sei das Nikolofest ein Highlight. Für Cochlar steht dabei das „Gruppenerlebnis, die Kindergemeinschaft“ im Vordergrund.

Basteln zu Nikolaus im Kindergarten
PID/Votava Martin
Die Kleinen können sich dem Fest mit allen Sinnen nähern

Gabler-Söllner von der niederösterreichischen Landesregierung meinte, es könne je nach Hausbrauch unterschiedlich gefeiert werden: Das werde den Pädagoginnen und Pädagogen nicht vorgeschrieben. „Wenn man die Kinder gut darauf vorbereitet, dann ist es sicher auch kein Problem, wenn ein verkleideter Vater oder auch ein fremder Mensch in die Gruppe kommt.“

Beim Barte des Nikolo

Auch kleineren Kindern sei das zuzumuten, es komme darauf an, „altersadäquat vorzugehen“. Zum Beispiel könne man die Kinder mit Lebenslauf und Legende des Heiligen im Vorfeld vertraut machen und ihnen sagen, dass auch heute noch Menschen „im Geiste des Nikolo“ herumgehen und handeln. Dann würden auch schon Dreijährige den Nikolo am Bart ziehen und fragen, ob der echt sei. Wer ganz sichergehen möchte, dass er als Nikolaus alles richtig macht, kann einen Kurs besuchen, etwa bei der Katholischen Jungschar.

Und die „zunehmende Islamisierung“, die die FPÖ sieht? Gibt es Versuche, das Nikolausfest dadurch zu ersetzen, dass „die fremden Kinder Geschichten aus ihren Herkunftsländern erzählen“? Weder in der katholischen noch in den Wiener Kinderbetreuungseinrichtungen kann man sich an eine Beschwerde muslimischer Eltern erinnern.

„Dankbar, dass Gott eine Rolle spielt“

Im Gegenteil, so Walter: „In unseren Einrichtungen gibt es ca. fünf Prozent muslimische Kinder“, sagte der Geschäftsführer der St. Nikolausstiftung. „Die Eltern sind eher dankbar, dass Gott eine Rolle spielt. Der Nikolaus ist omnipräsent, die Kinder offen und interessiert.“ Bei der Stadt Wien heißt es, dass man versuche, mit Ausnahmen - wenn Eltern aus religiösen Gründen Feiern ablehnten - individuell umzugehen, so Cochlar: „Etwa wenn Eltern Zeugen Jehovas sind und keine Geburtstagsfeier für ihr Kind wünschen. Aber da bemühen wir uns um eine individuelle Lösung.“

Nikolosachen in einem Kindergarten
Martin Votava
Der Nikolaus ist omnipräsent

Beschwerden, wenn sich Feste ändern

Gabler-Söllner sagte, Bedenken gegen religiöse Feste kämen eher von Eltern, die keiner Glaubensrichtung angehören. Ansonsten gebe es manchmal Beschwerden, wenn sich Feste änderten. Sie kann sich an den Fall eines Laternenfests erinnern, das aus Sicherheitsgründen, wegen der zu engen Gänge, von der Kirche in den Garten des Kindergartens verlegt wurde. „Da gab es dann eine Beschwerde einer Großmutter, die da religiöse Gründe sah, die es so gar nicht gibt.“

Dennoch reißen die Berichte über das Verschwinden der Heiligen aus Österreichs Kinderbetreuungseinrichtungen nicht ab, Einzelfälle werden als Trend hingestellt, Themen verquickt. Es ist wohl einfach auch eine schnelle, „gute“ Geschichte, das langsame Sterben des Nikolo. Wahr ist sie nicht: Es gibt den Nikolo noch - strahlende Kinderaugen auch.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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