Papst rückt in Chile und Peru Indigene in den Blick

Die Lage der von Landraub und internationalen Konzernen bedrohten Indigenen steht im Mittelpunkt der Reise von Papst Franziskus nach Chile und Peru in der kommenden Woche.

Vatikansprecher Greg Burke hob bei der Vorstellung des Programms am Donnerstag in Rom die geplanten Begegnungen mit Vertretern der betreffenden Völker in den Anden und im Amazonasgebiet besonders hervor. Die Lage der Ureinwohner ist schlecht, Konflikte an der Tagesordnung. An seinem zweiten Besuchstag in Chile reist Franziskus nach Temuco, das Zentrum des Volks der Mapuche im Süden von Chile. Die Stadt liegt mitten im Mapuche-Land und die dort lebenden Ureinwohner sind seit Jahren immer wieder in den Schlagzeilen.

Sie versuchen mit Hungerstreiks, Straßenblockaden und einzelnen gewalttätigen Aktionen, ihren verzweifelten Waffen, gegen die Entrechtung anzukämpfen. Waffen, gegen die die chilenischen Behörden in früheren Jahren immer noch schärfere bereithielten. Dazu gehören die Anwendung von Gesetzen zur Terrorbekämpfung; Verhaftungen ohne Begründung, Zulassung anonymer Zeugenaussagen und Aburteilungen durch Militärgerichte als Extreme einer seit 150 Jahren anhaltenden Unterdrückung und Diskriminierung.

Indigene Mapuche in Chile bei Protesten gegen Enteignungen
APA/AFP/Pablo Vera Lisperguer
Die indigene Bevölkerung Chiles kämpft immer wieder für ihre Rechte

Minderheit im eigenen Land

Chiles linke Staatspräsidentin Michelle Bachelet hat sich zwar erst vor kurzem für das historische Unrecht entschuldigt, das den Mapuche in der jüngsten Geschichte widerfahren sei. Doch ein gesellschaftlicher Dialog darüber kommt nicht in Gang - und erst recht keine rechtlichen Maßnahmen, die Unrecht wiedergutmachen würden.

Sozial zählen die Mapuche in Chile zum ärmsten und am wenigsten gebildeten Teil der Bevölkerung. Schätzungen zufolge gibt es noch rund 600.000 Mapuche im Süden Chiles. Hunderttausende weitere leben größtenteils kulturell entwurzelt in der Hauptstadt Santiago. Nur noch 10 bis 15 Prozent sprechen aktiv ihre traditionelle Sprache.

Widerstand schon gegen Eroberer

Die Mapuche waren das einzige indigene Volk, das der spanischen Eroberung dauerhaft standhielt und der Krone einen Status quo abrang. In den 1860er Jahren begann die Entrechtung: Einmarsch der chilenischen Armee, Enteignung, Niedergang der eigenen Traditionen und Sprache, des Mapudungun. Erst seit einigen Jahren beginnt eine Neubesinnung auf die eigene Kultur und Identität.

Die Rechtsgrundlagen des Landkonflikts sind über die Jahrzehnte sehr komplex geworden. Einerseits gibt es auswärtige Siedler und Großgrundbesitzer, die unter Salvador Allende Anfang der 1970er Jahre ihrerseits enteignet und entschädigt wurden, Großunternehmen und die öffentliche Hand: Viele nach chilenischen Gesetzen durchaus legale Ansprüche konkurrieren mit denen der Mapuche.

Die Ureinwohner dürfen nicht einmal mehr Wasser aus den Bächen entnehmen, die durch ihr Land fließen, denn fast alle Wasserrechte wurden während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) an Konzerne vergeben. „Demnächst werden sie auch noch die Luft privatisieren“, schimpfen die Mapuche.

Ein Mann plaziert eine indigene Statue nahe eines Plakats mit Papst Franziskus als Vorbereitung auf den Papstbesuch in Temuco, Chile
Reuters/Stringer
Die Mapuche bereiten Temuco auf den Papst-Besuch vor

Lebensgrundlage geraubt

Den Ureinwohnern werde ihre Lebensgrundlage geraubt, warnt Margit Wichelmann vom deutschen Hilfswerk „Adveniat“. Die Mehrheit des Volkes wolle mit ihrer Religion, mit ihrer Kultur und ihrer Weltsicht als Teil des chilenischen Volkes akzeptiert werden. Allzu oft würden sie aber auf den Status eines „Folklore-Volkes“ reduziert.

Bis heute ist es schwer in Chile, als Indigener ein positives Selbstwertgefühl zu gewinnen und auch an die nächste Generation weiterzuvermitteln. Viele aus der Elterngeneration haben nicht mehr die Sprache ihrer Vorfahren gelernt; zu groß war die Angst, dann nicht richtig Spanisch, die offizielle Landessprache, zu sprechen.

Nur wenige der jungen Generation hielten sich an ihre Großeltern - und eroberten sich bis heute allmählich ihre eigene Kultur und Sprache zurück. Doch das neu gekeimte Pflänzchen einer Mapuche-Renaissance ist auf vielfache Weise bedroht. Nicht nur durch die hispanische Leitkultur, sondern auch durch die Mainstream-Verheißungen der Parallelwelten von Handy und sogenannten Sozialen Netzwerken.

Kirche mitten im Konflikt

Die katholische Kirche, einst treue Begleiterin der spanischen Staatsmacht, hat sich im Menschenrechtskonflikt seit langem deutlich auf die Seite der Mapuche gestellt. Kirchenmitarbeiter sind wichtige Vertrauens- und Gewährsleute für die Indigenen - und haben ihrerseits teils dicke Polizeiakten, weil sie in Kontakt mit potenziellen „Terroristen“ stehen. Chiles Primas Kardinal Ricardo Ezzati sagt: „Die Mapuche-Kultur hat zwei Herzen: das der Harmonie mit der Natur - und das der Radikalisierung.“ Es sei ein politischer Irrtum, wenn der Staat immer nur auf die gewaltbereite Seite reagiere.

In den vergangenen Jahren kam es aber auch zu Brandanschlägen auf kirchliche Einrichtungen und Unternehmen. Radikalisierte Mapuche werfen der Kirche und der Wirtschaft vor, für eine Unterdrückung der Ureinwohner mitverantwortlich zu sein.

In einer Umfrage vor dem Papstbesuch befürchtete eine Mehrheit, dass die Visite von Franziskus den Konflikt sogar noch verschärfen könnte. Chile erwartet eine Geste und vielleicht auch einen Ratschlag des Papstes, um aus der verfahrenen Situation herauszukommen.

religion.ORF.at/KAP

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