Schönborn: EU-Beitritt Bosniens wäre „guter Schritt“

Für die politische und wirtschaftliche Zukunft von Bosnien und Herzegowina, jedoch auch für das Miteinander der Religionen in Europa wäre ein Beitritt des Landes zur Europäischen Union „sicher ein guter Schritt“, sagte Kardinal Christoph Schönborn am Mittwoch.

Schönborn äußerte sich bei einem Pressegespräch in Sarajevo, Ort der noch bis Donnerstag andauernden Frühjahrsvollversammlung der österreichischen Bischofskonferenz. Die EU sei von den meisten Verantwortungsträgern des Landes, mit denen die Bischöfe bisher gesprochen haben, als Hoffnung und Schritt aus der Isolation heraus bezeichnet worden. In dem Land könne es nicht schlechter werden als es schon ist, so der Tenor der Bevölkerung.

„Vorteile auch für andere EU-Länder“

Auch für die restlichen EU-Länder würde ein solcher Schritt Vorteile bringen, gehörten doch etwa die im Balkankrieg nach Österreich gekommenen Menschen aus Bosnien und Herzegowina zu den „bestintegrierten Flüchtlingen“, hob Schönborn hervor.

Kardinal Schönborn predigt in Sarajewo
Paul Wuthe /Kathpress
Kardinal Christoph Schönborn

Viele aus dieser Gruppe seien Muslime und lebten nun in Österreich in großer Freiheit ihre islamische Identität. Der Islam in Bosnien und Herzegowina habe „ein europäisches Gesicht“ und wäre deshalb auch für den Islam in Europa ein wichtiger Partner, so der Wiener Erzbischof.

„Weg des bosniakischen Islam“ weitergehen

Seitens der muslimischen Glaubensgemeinschaft vor Ort arbeite man darauf hin, „den eigenen Weg des bosniakischen Islam“ beizubehalten. Nicht zuletzt deshalb, da es wohl auch Einflüsse eines radikalen Islam gebe, den man jedoch nicht wünsche, berichtete Schönborn über ein Gespräch mit Reis ul-ulema Husein Kavazovic, dem Oberhaupt der bosnischen Muslime.

Dieser habe weiterhin die Oberhoheit über Lehrerlaubnisse von muslimischen Religionslehrern und Imamen, zudem bestehe in Sarajevo eine Zusammenarbeit zwischen der islamisch-theologischen und der katholisch-theologischen Fakultät.

„Tragische Situation“ von Katholiken

Mit einer tragischen Situation seien jedoch die Katholiken von Bosnien und Herzegowina konfrontiert, erklärte Schönborn: Sie seien aus vielen einstmals mehrheitlich katholischen Gebieten durch ethnische Säuberungsaktionen, Flucht und Auswanderung verschwunden.

Als Beispiel nannte der Kardinal die Region um Banja Luka, wo kaum mehr Chancen auf eine mögliche Rückkehr bestünden. „Dieser Aderlass der Katholiken in Bosnien und Herzegowina ist ein großer Schmerz für die katholische Kirche“, betonte Schönborn. Die nach dem Krieg entstandene Situation zwischen den einzelnen Volksgruppen sei sehr komplex und erfordere äußerst behutsamen Umgang, so der Erzbischof auch in Richtung österreichischer Politiker.

Nationalismus ein „Irrweg“

In Sarajevo schwanke die Lage „zwischen Hoffnung und Resignation“, so der Eindruck des Kardinals von seinem bislang dritten Besuch in der bosnischen Hauptstadt. In der einst als Modell für das Zusammenleben unterschiedlichster Religionen und Kulturen geltenden Stadt habe durch den Zerfall Jugoslawiens, den Krieg und die „grundfalsche Politik“ auf Seiten der Großmächte „ein Prozess des Auseinander-Dividierens begonnen, der äußerst blutig, opferreich und zerstörerisch gewesen ist“.

Der Nationalismus und die ethnischen Säuberungen seien ein „Irrweg“, der in Europa nur Übel angerichtet habe, der aber dennoch immer wieder beschritten werde, sagte der Wiener Erzbischof. „Man glaubt, Konflikte lösen zu können, indem man die Bevölkerung fein säuberlich aufteilt und segregiert, für jede sprachliche, religiöse, kulturelle bzw. nationale Gruppe eine eigenen Entität schafft.“

Das könne jedoch nicht funktionieren - „da Menschen dazu geschaffen sind, miteinander zu leben, und da die Menschheit nie ‚monocolor‘ funktioniert hat“. Es gehöre zum „Wesen des Menschen, dass er sich in einer pluralen Gesellschaft vergesellschaftet“.

„Entfalten einer pluralen Gesellschaft“

Unter dem Status quo hätten die Menschen in Bosnien enorm zu leiden. Dringend benötigt werde ein wirtschaftlicher Aufschwung, der aber ein „Entfalten einer pluralen Gesellschaft in Kreativität“ benötige. Da dies nicht der Fall sei, sähen die jungen Menschen keine Zukunft für sich mehr vor Ort. Schönborn: „Sarajevo ist das Symbol einer einstmals gelungenen Integration und einer tragisch versuchten Segregation.“

Das gegenseitige Vertrauen, das der Krieg verletzt habe, müsse nun wieder aufgebaut werden, sagte Schönborn. Derzeit gebe es in Bosnien zwar den um Religionsdialog bemühten „Rat der Religionen“, das einstige selbstverständliche Zusammenleben sei jedoch verschwunden.

„Wenn Nachbarn einfach selbstverständlich Nachbarn sind, mit und trotz ihrer verschiedenen Religionen, dann ist interreligiöser Dialog nicht notwendig, sondern er ist Realität.“ Dass man den Religionsdialog erst groß thematisieren müsse, sei ein Anzeichen dafür, dass es sich nicht um eine lebendige, gut interkulturell und interreligiös ausgestattete Gesellschaft handle, so der Erzbischof.

Medjugorje nur Randthema

Die Frage nach einer offiziellen päpstlichen Anerkennung des im Südwesten von Bosnien und Herzegowina gelegenen Marienwallfahrtsortes Medjugorje war laut Schönborn nur am Rande Gesprächsthema unter den Bischöfen. „Wann und Wie es dazu von Rom eine offizielle Erklärung geben wird, weiß ich nicht - das liegt ausschließlich beim Papst“, führte Schönborn aus.

Er sei schließlich „kein Prophet“, aber er wisse, dass der Schlussbericht der noch unter Papst Benedikt XVI. eingesetzten Kommission zu Medjugorje „grundsätzlich positiv zu den Ereignissen und vor allem zu den Früchten von Medjugorje“ ausgefallen sei. Auch Papst Franziskus stehe dem Wallfahrtsort „und vor allem den Früchten von Medjugorje“ positiv gegenüber - auch wenn er sich „etwas zurückhaltend und humorvoll“ zur Frage der Erscheinungen geäußert habe.

Zuletzt hatte Papst Franziskus Erzbischof Henryk Hoser als Sondergesandten nach Medjugorje entsandt. In einem Interview hatte Hoser Ende vergangenen Jahres gemutmaßt, es könnten die ersten sieben Erscheinungen aus dem Jahr 1981 offiziell kirchlich anerkannt werden. Eine Entscheidung des Papstes steht indes weiterhin aus.

religion.ORF.at/KAP

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