Liebe ist nichts für Feiglinge und „Später Frühling“

„Eine Liebesbeziehung zu führen, ist das größte spirituelle Abenteuer der Neuzeit“, postuliert Stefan Jetter zu Beginn dieser Doku von Michael Cencig und Birgit Foerster.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 7. November 2017
um 22.35 Uhr, ORF 2

„kreuz und quer“ – präsentiert von Doris Appel – widmet sich dem Thema Liebe. Wenn zwei Menschen sich dazu entschließen, den Rest ihres Lebens gemeinsam zu verbringen, ist selten vorhersehbar, was alles auf sie zukommen wird an Schwierigkeiten und Hindernissen. Und im Rückblick fragt man sich bisweilen, wie diese Schwierigkeiten und Hindernisse gemeistert wurden.

In dieser Doku hören wir fünf Paaren dabei zu, wie sie sich solche(n) Fragen stellen. Um 23.30 folgt „Später Frühling“. Seit 80 Jahren hat sie nicht mehr Klavier gespielt. Aber nun, mit 92 und erblindet, nimmt sich Marianne noch einmal Klavierstunden. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ein einziges Stück zu lernen: „An den Frühling“ von Edvard Grieg.

Liebe ist nichts für Feiglinge

Stefan Jetter weiß, wovon er spricht – nicht nur als Experte für Paarcoaching, das er gemeinsam mit seiner Frau Sandra Teml-Jetter anbietet, sondern auch als Ehemann: „Gerade vor wenigen Wochen haben wir wieder eine tiefe Krise erlebt, wo wir nicht wussten, ob wir zusammen heil rauskommen.“

Sie sind heil rausgekommen – wie alle fünf Paare, die in diesem Film porträtiert werden, heil herausgekommen sind; und zwar aus sehr unterschiedlichen Krisen.

Manuela und Bojan zum Beispiel. Nach rund zehn Ehejahren beginnt Bojan, Vater zweier Kinder, eine Parallelbeziehung mit einer Mitarbeiterin zu führen – wider besseres Gewissen: „Ich hab gespürt, dass ich eigentlich nicht der Mensch bin, der seine Familie verlässt.

Liebe Feiglinge später Frühling
ORF/Metafilm

Aber wenn ein Mensch, den du begehrst, dieses Begehren erwidert, das fühlt sich so unglaublich gut an. Das ist wie Doping.“ Manuela war sich sicher, dass Bojan in der Beziehung zur anderen Frau nicht glücklich werden würde: „Wenn es sein Glück gewesen wäre, hätte ich gesagt Es ist dein Glück. Es tut weh, aber es ist dein Glück – und hätte das Feld geräumt.“

Nach über zehn Jahren des Hin und Her entschied sich Bojan endgültig für Manuela. Sie besiegelten ihre erneuerte Verbindung mit einem schamanistischen Ritual. „Vielleicht passen wir gar nicht besonders gut zusammen“, sagt Manuela heute, „aber wir sagen Ja zu einander. Ich finde es wichtig, dass man den Tanz gemeinsam zu Ende tanzt.“

Untreue war auch bei Lisa und Hannes im Spiel – wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen. Vor sechs Jahren fliegt Hannes mit einem Koffer voll Waffen nach Kairo um ein Handelsschiff vor Piraten schützen. Die nötigen Papiere hat er sich im Vorfeld besorgt. Er macht das nicht zum ersten Mal. Ein Auftrag mit kalkuliertem Risiko. Was Hannes jedoch nicht einkalkuliert hat, ist das politische Chaos im Ägypten des Jahres 2011. Die Papiere nützen ihm gar nichts. Er verbringt 5 Jahre in einem ägyptischen Gefängnis.

Das bedeutet auch fünf Jahre brutalster Trennung von seiner Frau Lisa: „Physisch war es für mich härter, aber psychisch sicher für die Lisa“, sagt Hannes heute. Lisas Verzweiflung mündete schließlich in dem Versuch, sich emotional von Hannes zu lösen. Sie brach den ohnehin nur rudimentär möglichen Kontakt ab und begann ein Verhältnis mit einem anderen Mann: „In dem ganzen Irrsinn wollte ich einfach nur ein Stück Normalität. Ich glaube, das hat mich vor dem Selbstmord gerettet“, sagt Lisa.

In seiner Zelle in Kairo erfuhr Hannes von Lisas Verhältnis – mit einem Mann, der ihr Gewalt androhte. Und von seiner Zelle in Kairo aus aktivierte er seine Freunde, die Lisa beschützten. Da hat Lisa nach eigenen Worten nach langer Zeit wieder ihren Mann gespürt, „der vom Gefängnis in Kairo aus für meine Sicherheit sorgte. Und da haben wir beschlossen, den Weg gemeinsam zu Ende zu gehen.“

Victoria und Dimitrii hat der Abenteuerfilm ihrer Liebesbeziehung schon in jungen Jahren einiges abverlangt. Dimitrii kam aus Sibirien nach Wien, um hier sein Erasmus-Semester an der Technischen Universität zu absolvieren.

Die Slawistik-Studentin Victoria lernte er im Rahmen eines sogenannten Sprachtandems kennen. Man wollte sich gemeinsam in der Sprache des anderen üben, Dimitrii also sein Deutsch und Victoria ihr Russisch perfektionieren. „Das hat von Anfang an nicht funktioniert“, erinnert sich Dimitrii.

Denn es war Liebe auf den ersten Blick. Mit dem Ende von Dimitriis Erasmus-Semester endete dann allerdings die Leichtigkeit des Seins. Und es begann eine Fernbeziehung, wie Victoria sie von je her für sich ausgeschlossen hatte: „Ich habe einmal eine Beziehung zu einem Linzer beendet, weil mir die Entfernung Wien-Linz zu groß war.

Aber bei Dimitrii machte es mir nichts aus, nach Moskau zu fliegen, am Flughafen zu übernachten und dann sieben Stunden mit einer rumpelnden Boeing nach Irkutsk in Sibirien weiterzufliegen. Das war überhaupt kein Problem.“ Im Gegensatz zum zähen Kampf um Dimitriis Aufenthaltsbewilligung – das war sehr wohl ein Problem.

Es gab eine Zeit, da erschien dem Paar Russland als gemeinsamer Lebensmittelpunkt realistischer als Österreich. „Ich hatte nur eine Bitte an Dimitrii – dass wir dann eventuell in Moskau leben und nicht in Irkutsk.“ Es ist am Ende doch Wien geworden …

… wie auch für Sergej, den zweiten Russen in dieser Doku. In den 1990er Jahren war es noch leichter, sich als Ausländer in Österreich niederzulassen. Insbesondere, wenn man mit einer Österreicherin verheiratet war. Sergej hat seine Frau Rosmarie in Moskau kennengelernt, wo sie als Dolmetscherin arbeitete.

Bei einer Ausstellung seiner Bilder sind sie einander zum ersten Mal begegnet. Sergej war damals bereits erblindet - durch einen Kopfschuss, den er sich in suizidaler Absicht zugefügt hatte: „Ich habe im Gefühl gelebt, von niemandem gebraucht zu werden, weder als Mensch, noch als Vater, noch als Maler.“

Gebraucht werden ist ein bestimmendes Thema in der Beziehung von Rosmarie und Sergej: „Er ist genau der Mensch, den ich in meinem Leben gebraucht habe“, sagt Rosmarie. Wobei das Umgekehrte offensichtlicher ist - dass Sergej Rosmarie braucht. In den ersten Jahren in Wien fühlt sich Rosmarie für Ihren fern seiner Heimat gewissermaßen entwurzelten Mann verantwortlich. Sie organisiert für Sergej Ausstellungen in verschiedenen europäischen Ländern.

Rosmarie tut alles für ihn – und schaut zu wenig auf sich. Bis sie nicht mehr kann: „Es war vielleicht so wie damals für Sergej, als er zur Pistole gegriffen hat. Alles ist mir zu viel geworden. Da bin ich auf ein Seminar gestoßen mit dem Titel Reinigung und Neubeginn. Dort hab ich dann eine Woche lang vor allem geweint – und zwar immer dann, wenn es geheißen hat: Du wirst geliebt. Also nicht Ich liebe, sondern Du wirst geliebt … Ich hab dann gelernt, dass ich nicht allein für alles verantwortlich bin.“ Für diese Erkenntnis also hat Rosmarie Sergej in ihrem Leben gebraucht.

Wenn zwei Menschen beschließen, den Rest ihres Lebens gemeinsam zu verbringen, ist selten vorhersehbar, was alles auf sie zukommen wird an Schwierigkeiten und Hindernissen. Und im Rückblick stellt sich bisweilen die Frage, wie diese Schwierigkeiten und Hindernisse gemeistert wurden. Wie haben sie es also geschafft, unsere fünf Paare? So unterschiedlich die Problemstellungen, so unterschiedlich die Lösungen.

In jedem Fall gibt es mehrere Antworten auf die Frage nach dem Gelingen, mehrere Faktoren, die ausschlaggebend sind dafür, dass die Paare nach wie vor – oder wieder – zusammen sind. Was in jedem Fall dazu gehört sind Liebe und Mut, die stets größer waren als selbst das größte Problem. Oder wie es die Paarexpertin und Ehefrau Sandra Teml-Jetter am Ende auf den Punkt bringt: „Die Liebe und das Glück sind nichts für Feiglinge.“

Regie: Michael Cencig und Birgit Foerster
Redaktion: Christoph Guggenberger

Liebe Feiglinge später Frühling
ORF/Metafilm/Leena Koppe

Später Frühling - Eine Liebesgeschichte

65 Jahre war Marianne mit Oswald verheiratet. Die ersten 60 Jahre waren schwierig, erst dann kam ganz plötzlich der Durchbruch in der Beziehung, der den letzten fünf Jahren eine ganz neue Qualität gab. Dann ist Oswald gestorben. Heute, im Alter von 92 Jahren, lernt Marianne Klavierspielen. Es geht ihr nur um ein einziges Stück: „An den Frühling“ von Edvard Grieg.

„Ein schwieriges Stück“, sagt ihr Lehrer Adrian Cox, Professor an der Wiener Musikhochschule. Umso schwieriger für eine 92-Jährige, die kaum mehr sehen kann. Für Marianne ist dieses Stück eine Möglichkeit, in Kontakt mit ihrem verstorbenen Mann zu treten. „Ich weiß hundertprozentig, dass er nicht tot ist. Er ist da, wenn er will. Er will hören, wenn ich Klavier spiele.“

Oswald war strenggläubiges Mitglied der sogenannten katholisch-apostolischen Gemeinde, einer christlichen Sondergemeinschaft. „Dort ist der Mann eine Eins und die Frau eine Null“ sagt Marianne. „Jeder andere hätte sich scheiden lassen, aber ich wusste, dass Oswald wie in einem Kokon steckt aus religiösen Regeln und Vorstellungen und ich wusste, ich liebe ihn und nicht seine religiösen Regeln.“ Es dauert 60 Jahre, bis sich Oswald aus seinem Kokon befreit. Da sind die beiden schon über 80. Sie haben 5 schöne Jahre, in denen sie sich mehr lieben als je zuvor.

Nach seinem Tod fällt Marianne in eine Depression, will nicht mehr leben. Ihre Tochter Ria, die als Therapeutin und Supervisorin arbeitet, weiß nicht mehr, wie sie ihr helfen kann. Der Arzt rät Marianne zu einem Hobby. Aber was kann man als 92-jährige blinde Frau für ein Hobby haben? Sie hatte mal eins, aber das ist lange her: Vor fast 80 Jahren lernte Marianne Klavier und konnte vom Blatt spielen.

Mariannes Tochter Ria begegnet auf einem Seminar Adrian Cox, Professor für Klavier an der Musikhochschule. „Ich dachte sofort, er könnte der richtige für Marianne sein“, erinnert sich Ria. Sie fasst sich ein Herz und fragt ihn, ob er ihrer Mutter Klavierunterricht geben würde, da gebe es nur ein Problem - sie sei über 90 Jahre alt und blind.

Als Adrian ja sagt, weiß er noch nicht, wie stur seine neue Schülerin ist; denn sie will nur „An den Frühling“ von Edvard Grieg lernen, sonst nichts. „Sie ist besessen von dem Stück“, sagt Adrian Cox.

Für das Stück habe sie sich entschieden, weil es so lebensbejahend sei und eine tiefe Weisheit in sich trage. „Töne sind nicht einfach nur Töne, durch sie kann man miteinander in Kontakt treten“, sagt Marianne. „Mit Musik kann ich Oswald treffen, ich spüre ihn hinter mir stehen und ich weiß, dass er sich freut. Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Regie: Tobias Dörr
Redaktion: Christoph Guggenberger