Im Namen der Ehre

Im Namen der Ehre werden Mädchen und Frauen geschlagen und misshandelt, zur Heirat gezwungen, getötet. Erst kürzlich wurde ein junges Mädchen in Wien von seinem Bruder ermordet. Sein Motiv: Die Ehre der Familie müsse gerettet werden.

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ORF

Sendungshinweis

FeierAbend, Mariä Empfängis, Fr., 8.12.2017, 19.52 Uhr, ORF 2

Christina Kraker-Kölbl kennt die Problematik rund um Gewalt im Namen der Ehre. Anders als bei häuslicher Gewalt, bei der es meist einen Einzeltäter gibt, der durch sein gewalttätiges Verhalten auch sozial geächtet wird, wird Gewalt im Namen der Ehre in den jeweiligen Communitys oft nicht negativ gesehen, im Gegenteil, erzählt sie:

„Den Männern wird dafür auch noch auf die Schulter geklopft, weil sie die Schande überwunden und die Ehre wieder hergestellt haben.“

Magª Christina Kraker-Kölbl (Leiterin Beratungsstelle DIVAN der Caritas Graz-Seckau).
ORF/Cinevision

Christina Kraker-Kölbl leitet die Beratungsstelle Divan der Caritas Graz-Seckau. Sie begleitet Mädchen und Frauen, wenn sie Schutz brauchen, weil sie Gewalt innerhalb der Familie ausgesetzt sind. Dass Mädchen und Frauen wieder auf eigenen Füßen stehen können und ihr Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen können, daran liegt Christina Kraker-Kölbl besonders.

Bara Shamari wurde im Irak geboren. Sie hat viel darüber zu erzählen: „Für mich bedeutet Ehre, jemanden unterstützen, jemandem helfen, ein Vorbild sein für eine Person. Aber in meinem Land bedeutet Ehre oft, jemanden zu unterdrücken und Gewalt auszuüben.“

Bara Shamari wurde im Alter von 13 Jahren von ihrer Mutter gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder in den Westen geschickt. Die Mutter wollte ihren Töchtern ersparen, worunter sie ihr Leben lang zu leiden hatte:

Faktische Rechtlosigkeit als Frau, mangelnde Bildung, Gewalt vonseiten männlicher Familienmitglieder. Zwei Jahre lang war Bara auf der Flucht, bevor sie in Graz landete und in einem Frauenhaus der Caritas Christina Kraker-Kölbl kennenlernte, die sich gemeinsam mit anderen Caritas-Mitarbeiterinnen der minderjährigen Irakerin und ihrer Schwester annahm.

Im Foyer des Grazer Marianums, in dem Christina als Mitarbeiterin der Caritas arbeitet, ist der biblische Text des Magnificats zu lesen, auch als „Loblied Mariens“ bekannt: „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“, heißt es dort. Christina Kraker-Kölbl setzt diesen alten Text in Beziehung zu den bedrohten Frauen, die sie betreut: „Vielen Frauen wird oft vermittelt, dass sie nicht so einen großen Wert haben wie Männer oder dass sie nur einen Wert haben, wenn sie unter dem Schutz eines Mannes stehen.

Das ist diese Niedrigkeit seiner Magd, dass man sich so klein fühlt, so unbedeutend - und dann passiert dieser Maria so etwas Wunderbares, Großes, diese Verheißung. Und dieses Ermächtigen, Stärken, dass man sich wieder auf Augenhöhe fühlt, das ist es, was mich berührt an diesem Text.“

Christina und Bara sind heute tatsächlich auf Augenhöhe, denn das ehemalige Flüchtlingskind betreut heute als Mitarbeiterin der Caritas - und als Kollegin von Christina Kraker-Kölbl - selbst Flüchtlinge in einem Flüchtlingshaus. Und Bara ist darüber, wie sie sagt: „ein bisschen stolz.“

Ein Film von Michael Cencig
Redaktion: Barbara Krenn