News 04. 08.
2004 |
Busek: Religion für Politik
und Gesellschaft unverzichtbar
Ex-Vizekanzler Erhard Busek unterstrich bei den "Salzburger Hochschulwochen" die Bedeutung der Kirchen für friedliches Zusammenleben in Europa. In Salzburg wird zurzeit über die "Chancen des Christlichen in einer ökonomisierten Welt" diskutiert.Bei
seinem Vortrag über „Christliche Politik“ meinte Erhard Busek,
"wenn Politik bedeutet, für das Zusammenleben von Menschen
verantwortlich zu sein, um es hoffentlich friedlich zu gestalten, dann ist
die Funktion der Religion eine Selbstverständlichkeit“. Jede politische
Entscheidung sei auch eine "Werteentscheidung", betonte der frühere
VP-Obmann und Vizekanzler. Religion und Nation
In
der Frage, was die Religion von der Politik wolle, scheine "die
Sicherheit in der Antwort der Kirche" in den vergangen Jahren verloren
gegangen zu sein, bedauerte Busek. Dabei wäre die Religion angesichts der
Bruchlinien in Europa für die Politik enorm wichtig, insbesondere wegen der
Konflikte, die "durch unterschiedliche Auffassung von Religion
entstanden sind und entstehen". Im Rahmen von
nationalpolitischen Konflikten würde Religion heute oft "zum
erstrangigen Kriterium für nationale Zugehörigkeit“, betonte Busek. Das
führe dazu, dass „nationalpolitische Konflikte zu Religionskriegen
werden“. "Säulen der Toleranz"Nötig wäre es heute nach Formen zu suchen, wie "das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen“ gestaltet werden kann. „Als erste Säule der Toleranz“ sehe er, so Busek, die Demokratie. Die zweite Säule sei ein Bildungssystem, "das den freien und verantwortlichen Bürger heranwachsen lässt.“ Die dritte Säule bilden nach Ansicht Buseks die Religionen, „die den Menschen an die Würde, den Geist und an ihr Gewissen erinnern, und damit an die ethische Verantwortung unseres gesellschaftlichen Handelns“. Religion
bleibt nie "privat"
Die Aussage "Religion ist Privatsache" hält Busek für ein „unbedachtes Schlagwort, das nicht stimmt“. Hier müsse die Theologie Antworten finden. Denn Religion stünde im Zeichen von persönlicher Autonomie und Freiheit, „aber sie bleibt nicht privat“. „Denn wer wirklich eine Glaubensüberzeugung hat, der sucht Menschen, die diese Überzeugung teilen.“ Jede gemeinsame Glaubensüberzeugung wolle „auch öffentlich werden“. „Und diese Öffentlichkeit liegt auch im Interesse eines religiös neutralen Staates, denn gefährlich sind immer Geheimreligionen und obskurantische Privat-Sakralien.“ Soziologe
Gross: Mehr Freiheit, aber weniger Festigkeit
Der
St. Gallener Soziologe Peter Gross wies bei seinem gestrigen Vortrag bei den
"Salzburger Hochschulwochen" besonders auf die Probleme des
heutigen Menschen mit seiner Freiheit hin. Die moderne Gesellschaft sei eine
"Multioptionsgesellschaft", so Gross. Unter den Bedingungen der
totalen Freiheit sei es aber schwieriger geworden, "Festigkeit" im
Leben zu finden. Vielmehr sei es zur "gigantischen Vervielfältigung
von Wahl- und Handlungsmöglichkeiten" gekommen. Das betreffe die
Menschen nicht nur als Konsumenten und Kunden. Auch "Theorien,
Weltanschauungen und Führungslehren" stünden heute in inflationärer
Weise zur Auswahl. Gross: "Während ich hier meine Lesart der modernen
Gesellschaft präsentiere, präsentieren zwanzig andere Soziologen oder
Philosophen anderswo ihre Lesarten". "Enttraditionalisierung"
Wenngleich
nicht alle Menschen die heutige Freiheit und Vielfalt nutzen könnten, gebe
es das "Prinzip der Wahlmöglichkeit". Darin unterscheide sich die
heutige Gesellschaft von früheren. Kennzeichen dieser Gesellschaft sei auch
die "Enttraditionalisierung". Als ein Beispiel nannte Gross den
Wegfall von Regeln bei den Feiern an Lebensübergängen, die früher bis ins
Detail festgelegt waren. Einzig die Kirche habe heute noch Erfolg mit dem
Argument: "Wir machen das, weil wir das immer so gemacht haben",
so Gross. Bischof Marx: Kirche und
Moderne
Den
Eröffnungsvortrag im Rahmen der "Hochschulwochen" hielt Reinhard
Marx, katholischer Bischof in Trier. Marx plädierte dabei für eine Kirche,
die mit der modernen Welt "auf Augenhöhe" ist. Zugleicht warnte
Marx vor einer ausschließlich negativen Sicht der Moderne. Die Wende zum
Subjekt habe zu immer größeren Freiheitspotenzialen bei gleichzeitigem
Verlust von politischen und sozialen Sicherheiten geführt. Was trägt den Staat?
Dass
sich der Staat immer mehr zurückgezogen habe und sich nicht mehr einmischen
wolle, sei ein weiteres Kennzeichen dieser Moderne. "Aber die Reduktion
des Staates auf einen großen Geschäftsführer und Spielleiter, der ein
paar grundlegende Regeln vorgibt, ist eine Entwicklung, die nicht zukunftsfähig
ist", so Bischof Marx. Es gelte nun nachzudenken, "was den Staat
trägt". Die Achillesferse des modernen neuzeitlichen Staates seien
Freiheitsentscheidungen, die nicht erzwungen werden können, wie etwa die
Entscheidung, eine Ehe zu schließen und Kinder zu zeugen und großzuziehen.
"Aber davon lebt der Staat", so Marx. Ethische Fragen nicht
ausklammern
Man
müsse sich daher in Europa fragen, "ob die Voraussetzung für
gelungenes Menschsein gegeben sind, ohne sie jemandem aufzuzwingen".
Die Diskussion über den Gottesbezug in der europäischen Verfassung zeige,
"dass die Sensibilität für diese Themen gewachsen ist". Auch die
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft dürften nicht im
luftleeren Raum diskutiert werden. Es brauche Rahmenbedingungen, in denen
auch die Tugendethik ihren Platz habe. Denn die Einstellung, dass alles
erlaubt sei, was Geld bringe, würde zur Zerstörung des Menschen führen,
betonte Marx. Christentum und Ökonomie
Die
"Salzburger Hochschulwochen" behandeln in der Zeit bis zum 8.
August die Chancen des Christlichen in einer ökonomisierten Welt. Die
Veranstaltung findet im Salzburger Kongresshaus statt. Zu den prominentesten
Referenten gehört neben Erhard Busek und Reinhard Marx die frühere Präsidentin
des deutschen Bundestags, Rita Süssmuth.
Link: - "Salzburger Hochschulwochen"
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