Hintergrund

Kardinal Hummes ein konservativer Theologe mit progressiver Sozialethik

Der Brasilianer Claudio Hummes könnte der erste Papst aus Lateinamerika werden. Von Stan Lehman/AP.

Vor 30 Jahren gab Claudio Hummes den Teilnehmern eines illegalen Metallarbeiterstreiks Zuflucht unter dem Dach der Kirche. Unter den Arbeitern war damals ein feuriger Gewerkschafter namens Luiz Inacio "Lula" da Silva. Der ist heute der Präsident von Brasilien. Und Hummes - immer wieder als "papabile" gehandelt - könnte vielleicht der erste Papst aus Lateinamerika werden. Natürlich wiegelt der Erzbischof von Sao Paulo solche Überlegungen ab. "Im Konklave werden alle diese Dinge sekundär sein", sagte Hummes, als das Schweigegebot vor dem Konklave noch nicht beschlossen war. "Es wird keine Rolle spielen, wo er herkommt, von welchem Kontinent er stammt. Es kommt nur darauf an, dass die Kardinäle unter Eid vor Gott stehen und dass sie den zu wählen haben, von dem sie denken, dass er der richtige Mann ist für diesen Augenblick in der Geschichte der Kirche und der Welt."

Kein Befreiungstheologe

Als Hummes in Sao Paulo zum Nachfolger des populären Erzbischofs Paulo Evaristo Arns geweiht wurde, begegneten ihm viele ausgesprochen reserviert. Der neue Oberhirte folgte im Unterschied zu Arns nicht der linksgerichteten Theologie der Befreiung. Seine Berufung galt als Schachzug des Vatikans, das größte Erzbistum Brasiliens zu spalten und zu entpolitisieren. Aber heute hat sich der 70-Jährige einigen Respekt erworben, da er die konservative Haltung in der theologischen Lehre verbindet mit fortschrittlichen Positionen in sozialen Fragen.

Konservative Positionen

"Wir leben in einer Zeit der Überhitzung", sagte Hummes, der im Jahr 2001 von Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt wurde. "Die Kirche steht vor der Herausforderung, Schritt zu halten mit dem laufenden Fortschritt, den wir erleben, damit sie Antworten auf die neuen entstehenden Probleme geben kann." Zu den größten Sorgen der Katholiken in Brasilien gehört das schnelle Wachstum protestantisch-evangelikaler Gruppen. Es komme darauf an, die Kirche den Menschen näher zu bringen und sie weniger elitär erscheinen zu lassen, sagt Diözesansprecher Dario Bevilacqua. Während Hummes sich engagiert, die Beziehungen unter Christen, Juden und Muslimen zu verbessern, nimmt er bisher eine strikte Haltung gegenüber kontroversen Themen wie Homosexualität, Abtreibung, Zölibat und Verhütung ein - lauter Fragen, die für die Katholiken in Brasilien eine große Rolle spielen. "Er ist immer auf einer Linie mit der amtlichen Position des Vatikans gewesen", versichert Bevilacqua.

Deutsche Vorfahren

Hummes ist der Urenkel eines deutschen Einwanderers, der im 19. Jahrhundert nach Brasilien kam und eine Brasilianerin deutscher Abstammung geheiratet hat. Geboren wurde er am 8. August 1934 in Montenegro, einer Kleinstadt im südlichen Staat Rio Grande do Sul. Hummes schloss sich dem Franziskaner-Orden an und wurde 1958 zum Priester geweiht. Vier Jahre später wurde er in Rom zum Doktor der Philosophie promoviert. Nach Fortsetzung seiner Studien in Genf kehrte er 1968 nach Brasilien zurück und lehrte als Universitätsdozent. 1975 wurde Hummes zum Bischof von Santo Andre geweiht, einem Industriegebiet am Rand von Sao Paulo. Seine Verteidigung der streikenden Metallarbeiter fand damals im ganzen Land Beachtung. Die Streiks waren illegal, und das damalige Militärregime betrachtete sie als Bedrohung der nationalen Sicherheit. 1996 wurde Hummes zum Erzbischof von Fortaleza ernannt - das ist die Hauptstadt des im Nordosten gelegenen Staates Ceara. Zwei Jahre später übernahm er dann die Erzdiözese Sao Paulo mit der Verantwortung für sechs Millionen Katholiken, und seit 2001 ist er Kardinal.

Globalisierungskritik

An seinem ersten Tag als Erzbischof von Sao Paulo kritisierte Hummes scharf die globalisierte Marktwirtschaft und machte sie für "Elend und Armut von Millionen in der ganzen Welt" verantwortlich. Es müsse ein dritter Weg gefunden werden, der wirtschaftliches Wachstum ermögliche, ohne "die Armen zu opfern und Arbeitslosigkeit zu verursachen". Zugleich aber machte Hummes deutlich, dass er an seiner konservativen Theologie festhalten werde: "Die fundamentale Mission der Kirche ist es, das Evangelium zu verbreiten und die Menschen in engeren Kontakt mit Jesus Christus zu bringen. Und durch diesen Kontakt können wir dann anfangen, soziale Ungerechtigkeiten zu korrigieren."

 

 

 

 

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