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News 22 05. 2006 |
Weiter Kritik an IntegrationsstudieDie Debatte um die umstrittene Integrationsstudie des Innenministeriums ging auch am Wochenende weiter. Ein vernichtendes Urteil stellte die Migrationsforscherin, Barbara Herzog-Punzenberger, der Studie aus. Studienautor Mathias Rohe verteidigte unter anderem die kritisierte Einteilung der Muslime in vier Typologien.Nach genauer Analyse der am Freitag veröffentlichten Texte äußerte sich Herzog-Punzenberger, Migrationsforscherin an der Akademie der Wissenschaften, im Gespräch mit der APA am Sonntag "erstaunt" über die Schlüsse, die darin über muslimische Mitbürger in Österreich gezogen werden. Sie verwies darauf, dass nur 26 der insgesamt bisher veröffentlichten 226 Seiten der Studie den Befragungsteil ausmachen, obwohl die Innenministerin daraus ihre "große Botschaft" - 45 Prozent der Muslime seien "integrationsunwillig" - abgeleitet hat. Völlig unklar sei, wie die Stichprobe für die Befragungen gezogen und was überhaupt gefragt wurde. Da erst ein "Zwischenergebnis" vorliegt, drängt Herzog-Punzenberger auf die baldige Offenlegung der Methode und der Instrumentarien der Studie. Kein Verständnis für "wertkonservative" seitens der ÖVP?Die Ableitung der "Integrationsunwilligkeit" von der Typologie her - 45 Prozent der Muslime in Österreich seien entweder "traditionell-konservativ" oder "religiös-konservativ" - kann die Experten nicht verstehen. Schließlich gebe es quer durch die österreichische Gesellschaft wertkonservative Menschen. "Gerade die ÖVP sollte dieser Gruppe nicht eine Distanz zum Staat nachsagen", so Herzog-Punzenberger. Auch das Attribut "religiös-konservativ" sei zu hinterfragen. Schließlich sei der Islam eine anerkannte Religionsgemeinschaft - "dann können die Gläubigen diese Religion auch ernst nehmen, ohne dass sie stigmatisiert werden", betont die Wissenschaftlerin. Auch bei den "katholisch-konservativen" Österreichern könne nicht von einem "großen Maß an Distanz zur Mehrheitsbevölkerung" gesprochen werden. Rohe ist kein Integrations-ExperteAls "unprofessionell" bezeichnete Herzog-Punzenberger auch die Beschränkung der Befragungen auf Muslime mit türkischen und bosnischen Wurzeln in Wien und Umgebung, wenn dann daraus eine Studie unter Muslimen in ganz Österreich gemacht werde. Sehr kritisch beurteilt Herzog-Punzenberger schließlich die Rolle des Studien-Autors Mathias Rohe von der Universität Erlangen in Deutschland. Rohe sei zwar anerkannter Islam-Experte. Als Integrations-Experte sei er bisher nicht in Erscheinung getreten. "Ich habe noch nie von ihm in Fachjournalen etwas zu Integrationsthemen gelesen. In diesem Forschungsfeld ist er ein Unbekannter", so Herzog-Punzenberger. Eine "nette Seminararbeit"Als wissenschaftliche Arbeit über "Perspektiven und Herausforderungen in der Integration muslimischer MitbürgerInnen in Österreich" würde die vorgelegte Studie nicht durchgehen, urteilt die Forscherin an der Akademie der Wissenschaften in Wien. Es fehle vor allem das Grund-Konzept und eine Begriffs-Klärung sowie jede Bezugnahme auf bestehende Forschungsergebnisse. "Ich kann nur den Kopf schütteln. Das ist eine nette Seminararbeit. Aber auch dafür ist eigentlich mehr notwendig", so Herzog-Punzenberger. Ministerium: "Neid"Der Pressesprecher von Innenministerin Liese Prokop, Johannes Rauch, wies die Kritik von Herzog-Punzenberger als "nicht nachvollziehbar" zurück und meinte gegenüber der APA, die Aussagen der Wissenschaftlerin seien wohl "nach dem Prinzip 'Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung' erfolgt". "Sehr viele" Experten würden die Qualität dieser Studie als "einzigartig" loben. Sie sei die erste dieser Form in Europa. "Verwundert" ist Rauch, dass Herzog-Punzenberger als Migrationsexpertin auftrete, "von ihr hat man noch nie etwas gelesen in diesem Bereich". Es sei "sehr einfach, Kritik zu üben und sich nicht mit der Materie zu beschäftigten. Das scheint der Fall zu sein", sagte der Prokop-Sprecher. Rohe: Typologie ergab sich "relativ zwanglos"Studienautor Mathias Rohe verteidigte am Sonntag in der ORF-Sendung "Offen gesagt" die "Typologisierung" in der von ihm mitverfassten Studie über die Muslime in Österreich. Es sei "gewiss nicht das Anliegen" gewesen, "Menschen in Schubladen zu stecken", sondern "Problemkreise zu beschreiben". Die Typologie habe sich "relativ zwanglos" aus klaren Tendenzen in Antworten auf Fragen nach der Einschätzung der Lebensweise in Österreich, religiösen Fragen wie Zwangsehe oder der Einschätzung der Terroranschläge in London ergeben. Über diese Fragen habe man versucht, herauszubekommen, wo es "so große Distanzen gibt, dass es unter verschlechterten Rahmenbedingungen kippen könnte in eine Art Gegengesellschaft". Insgesamt glaubt Rohe, dass man die bisherigen Ergebnisse als "solides Zwischenergebnis hinaustragen kann". Sind "Konservative" nicht an Integration interessiert?In der vom Innenministerium in Auftrag gegeben Studie werden die Muslime in vier Typen eingeteilt - Religiös-Konservative (18 Prozent), Traditionell-Konservative (27), Moderat Liberale (31) und Säkularisierte (24). Innenministerin Liese Prokop (VP) fasste die beiden erst genannten Typen noch vor Veröffentlichung der Studie zu 45 Prozent zusammen, die "nicht an einer Integration interessiert sind". Mouddar Khouja: Schlussfolgerungen "nicht angebracht"Der persönliche Referent des Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Mouddar Khouja, nannte die Typologisierung und die Schlussfolgerung, "dass Religiös-Konservative oder Moscheegänger nicht integrationswillig sind", in "Offen gesagt" "nicht angebracht". Er selbst habe "mehrfache Identitäten" in sich " sei Moschee-Gänger, aber Moderater, bei den traditionellen Werten "ein bisschen konservativ". Münz: " Probleme erkennen und beseitigen"Durchaus als möglichen Ausgangspunkt für die nötige Diskussion über die Gründe für die Integrationsprobleme sieht der Migrationsexperte Rainer Münz die Studie: "Versuchen wir Schlüsse zu ziehen, die nicht die Distanz vergrößern - das scheint mir wichtig zu sein in dieser Debatte - sondern Probleme erkennen und beseitigen", so Münz in "Offen gesagt". Küberl: Integration ist "kein Honiglecken"Für neue Ansätze bei der Integration von Zuwanderern hat sich Caritas-Präsident Franz Küberl in einem Interview mit der "Kleinen Zeitung" ausgesprochen. Integration sei "kein Honiglecken", sondern "eine Strapaz für beide Seiten", erinnerte Küberl. Zugleich warnte er davor, Integration auf sicherheitspolitische Aspekte zu reduzieren. Es irritiere ihn, dass Zuwanderer heute "unter Generalverdacht" gestellt werden. Paul Lendvai oder Boris Nemsic seien auch einmal Zuwanderer gewesen; "solche Menschen machen unser Land reich". Integrationsbereitschaft erfordert ZukunftsperspektivenWas man von Zuwanderern erwarten könne, sei, dass sie Menschenrechte, Gewaltlosigkeit, Gleichheit von Mann und Frau als Kernelemente der Demokratie respektieren, betonte der Caritas-Präsident. Die Frage sei aber, ob den heutigen Zuwanderern das auch so gesagt worden sei. Die Integrationsbereitschaft auch der Zuwanderer mit muslimischem Background hänge davon ab, wie sie ihre Zukunftsperspektiven sehen, ob sie "eine Chance auf Bildung und Arbeit und ein Dach über dem Kopf" haben. Küberl: "Wir müssen darauf achten, dass Zuwanderer nicht zu reinen Kostenfaktoren degradiert werden. Es handelt sich um Menschen". Für eigenes StaatssekretariatDer Caritas-Präsident sprach sich abermals für die Einführung eines Integrations-Staatssekretariats in der Bundesregierung aus. Er erlebe jetzt die fünfte Innenministerin, das Spiel sei "immer das gleiche: Der Innenminister wird nach vorn geschickt und allein gelassen, obwohl Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftsminister die eigentlich Zuständigen wären", so Küberl.
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