News 25. 01. 2012

Katholische Kirche ruft zu Dialog in Nigeria auf

Angesichts der jüngsten Anschlagsserie in Nigeria haben die deutschen katholischen Bischöfe am Mittwoch zu einem „konstruktiven Dialog“ in dem afrikanischen Land aufgerufen.

Gemeinsam mit ihren nigerianischen Amtsbrüdern appellierten die deutschen Bischöfe an die Regierung in Abuja, auch Vertreter von Christentum und Islam in einen Dialogprozess mit einzubeziehen. Gleichzeitig warnte der in Würzburg tagende Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz vor einseitigen Urteilen. Die Eskalation der Gewalt sei „nicht allein“ auf Spannungen zwischen Christen und Muslimen zurückzuführen. Auslöser für die Unruhen seien in der Vergangenheit beispielsweise auch eine Erhöhung der Benzinpreise gewesen.

Reformen, nicht Militärgewalt gefragt

Die Bischöfe zeigten sich besorgt über die „Hilflosigkeit der Regierungsstellen im Umgang mit den wachsenden Sicherheitsproblemen“. Mit militärischer Gewalt allein seien die Konflikte allerdings nicht zu lösen. In einem Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebten, gelte es vor allem, die Sozial- und Bildungspolitik zu reformieren.

Anschläge „nicht in erster Linie religiös motiviert“

Politologen und auch nigerianische Bischöfe hatten zuletzt immer wieder verneint, dass die Angriffe der radikalislamistischen Gruppe Boko Haram, deren Name so viel bedeutet wie „Westliche Bildung ist Sünde“, in erster Linie religiös motiviert sind. „Es geht um die gerechte Verteilung von Macht, Land und Öl-Reichtum. Das Streben nach dem Gottesstaat ist nur ein religiös und gewalttätig aufgeladener Ruf nach Gerechtigkeit“, sagte etwa der Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama.

Große Unterschiede zwischen Norden und Süden

Nigeria ist mit rund 155 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Über die Hälfte der Einwohner bekennt sich zum Islam; vor allem der Norden ist fast ausschließlich islamisch geprägt. Der Anteil der Christen in Nigeria wird mit 40 bis knapp unter 50 Prozent angegeben. Das islamische Nordnigeria ist noch ärmer als der christliche Süden, wo das Öl fließt, zählt aber zwei Drittel der Bevölkerung. Schon in den 1980er-Jahren, lange vor den Auseinandersetzungen im zentralnigerianischen Jos (November 2008 und Frühjahr 2010), war es in mehreren Städten zu Gewaltakten gekommen.

Boko-Haram-Gründer 2009 erschossen

Seit den 1970er-Jahren entstanden mehrere radikal-islamistische Gemeinschaften um charismatische Persönlichkeiten, so die Maitatsine-Bewegung und Darul Islam um Amrul Bashir Abdullahi. Die nun weltweit für Schlagzeilen sorgende Gruppe Boko Haram wurde 2002 vom Prediger Mohammed Yusuf in der nordnigerianischen Stadt Maiduguri gegründet. Die Gruppe, deren charismatische Gründungsfigur 2009 erschossen wurde und die jetzt von einem Kommando-Rat geführt wird, sieht sich selbst als Vollstrecker sunnitischer Orthodoxie, also fest auf dem Boden des Koran. Das ist sichtbar auch an der Selbstbezeichnung als „Vereinigung der Sunniten für die Einladung zum Islam und den Dschihad“ und die postulierte Nähe zu den afghanischen Taliban.

Politologe: „Maximal 4.500 Mitglieder“

Der südafrikanische Politologe Hussein Solomon berichtete in dieser Woche von Schätzungen, wonach „Boko Haram“ derzeit maximal 4.500 offizielle Mitglieder habe, die allerdings sehr gut ausgebildet und diszipliniert agierten. „Viele davon sind junge, reiche Muslime. Wenn sie verhaftet werden, haben deren Eltern meistens Beziehungen zur Exekutive und können sie freikaufen. Viele davon dürften auch ehemalige Mitglieder des nigerianischen Militärs sein“, sagte Solomon in einem Interview mit „derStandard.at“. Die Gruppe habe Sympathisanten in Politik und Sicherheitsapparat, wachse und verfüge mittlerweile über großes militärisches Wissen, so der Politologe, der zudem auf Boko-Haram-Kontakte zur „El-Kaida im Maghreb“ und den somalischen Al-Shabaab-Milizen verwies.

Viele Unklarheiten

Reagiere die politische Führung Nigerias weiterhin so hilflos und töte Boko Haram weiterhin moderate muslimische Führer, werde es im Norden des Landes keine Alternative mehr geben, warnte der Politologe: „Die Führung müsste jetzt wirklich schnell reagieren und Boko Haram zerschlagen – ohne dabei aber die Bevölkerung anzufeinden. Persönlich glaube ich nicht, dass sie dazu in der Lage sind.“ Dementsprechend erwartet der Politologe auch eine Ausbreitung des Konflikts auf umliegende Staaten. „Ich fürchte, dass sich – sollte die Regierung sie nicht schnellstens zerschlagen – Boko Haram wie ein Lauffeuer auf die Nachbarstaaten ausbreiten wird.“

(KAP)

 

 

 

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