News 26. 01. 2012

Neues Buch stellt Messe als „Gesamtkunstwerk“ dar

Anlässlich der Präsentation eines neuen Sammelbands unter dem Titel „Die Heilige Messe - kultisch, szenisch, sinnlich, mystisch" wurde in Wien die heilige Messe als "Gesamtkunstwerk" diskutiert.

Eine gelungen gefeierte Messe ist ein „Gesamtkunstwerk“, das alle Sinne anspricht und neben Gotteserfahrung auch Selbstfindung ermöglicht: Darin waren sich der Wiener Dompfarrer Toni Faber, der Religionswissenschaftler Adolf Holl und der Aktionskünstler Hermann Nitsch bei einem Podiumsgespräch am Mittwochabend in Wien einig. Das Gespräch war Teil einer Buchpräsentation der Wiener Herder-Buchhandlung in der Donaucitykirche. Nitsch und Holl haben für den vom Komponisten Peter Jan Marthé herausgegebenen Sammelband „Die Heilige Messe - kultisch, szenisch, sinnlich, mystisch“ Beiträge verfasst.

Nitsch: Eucharistie als „reales Geschehen“

Nitsch – wegen seiner „Orgien-Mysterien-Spiele“ in Kirchenkreisen immer wieder kritisiert – äußerte seine hohe Wertschätzung und „Bewunderung“ für die katholische Messfeier. Er wolle mit seinem Orgien-Mysterien-Theater auf künstlerischem Weg das erreichen, was die Eucharistie bei gläubigen Christen bewirken kann: den „heiligen Zustand“, ganz in Gott einzugehen. Eine Parallele zur Messe sieht Nitsch auch in seiner Ablehnung von „Symbolen“: Wenn bei seinen Events ein Schaf geschlachtet werde, sei das kein Symbol für das gekreuzigte „Lamm Gottes“, sondern „das, was es ist“. Auch für Gläubige sei das in jeder Eucharistiefeier vollzogene Opfer Christi ein „reales Geschehen“, „unblutig, aber real“. In einer Zeit, da die Religion „blass“ werde, halte er es für legitim, einen mystischen Zugang zum Sein und zur Schöpfung durch Kunst zu schaffen, so Nitsch.

Faber verteidigt „Ausloten von Grenzen“

Dompfarrer Faber sagte zum Schaffen Nitschs, dieser „lotet Grenzen aus“. Kunst öffne immer wieder Zugänge zur Mystik, hier könne „das Göttliche aufblitzen“. Als Beispiel nannte er Alfred Hrdlickas Relief der NS-Märtyrerin Sr. Restituta im Stephansdom. Faber hätte auch gerne „einen Nitsch“ im Dom, wie er sagte. Das sei zwar derzeit noch nicht möglich, „aber wart' ma no a bissl“. Die katholische Kirche im Ganzen habe sich nie von der Kunst abgewendet und sei dort erfolgreich gewesen, wo sie das, was vorhanden war, gesegnet habe. So seien viele Kirchen ohne Berührungsängste auf zuvor heidnischen Plätzen gebaut worden. Zur katholischen Messfeier gab der Dompfarrer dem Buch-Herausgeber Marthé recht, dass deren Eindruck manchmal „ein bisschen fad“ sei. Sein Anliegen sei es, Gottesdiensten „Gesicht und Gewicht zu verleihen“ und durch sie „Himmelsblicke“ zu ermöglichen.

Holl: Messe schlägt „nicht leicht zugängliche Akkorde“ an

Adolf Holl, suspendierter Priester und Buchautor, unterstrich, dass Menschen in der Eucharistie etwas bekommen müssten, was sie anderswo – im Beruf, bei Vereinen, in Musik, Kunst oder Sport – nicht bekommen. Offenbar würden durch religiöse Handlungen „sonst nicht leicht zugängliche Akkorde“ im Menschen angeschlagen. „Und diese Akkorde sind nicht nur artig“, meinte Holl. Deshalb gebe es einen oft „angestrengten“ Dialog zwischen Kunst und Kirche. Die Kunst nähere sich der Mystik „bedenkenlos“, die Theologie gerade nicht.

Hat die Messe Zukunft?

Der aus der Steiermark stammende Komponist und Dirigent Peter Jan Marthé gab mit der Anleitung zu einem von den Besuchern in der Donaucitykirche gesungenen Sanctus einen Eindruck davon, wie er sich eine lebendige Liturgie nach dem Modell der von ihm geschaffenen „erdwärtsmesse“ vorstellt. Nitsch ergänzte das musikalische Begleitprogramm mit einer Orgelimprovisation. Marthés Buch „Die Heilige Messe“ basiert auf einem Symposion der „Brixener Initiative Musik und Kirche“ zur Frage „Hat die Messe Zukunft?“.

Neben Nitsch und Holl kommen in dem Sammelband auch

Neben Nitsch und Holl kommen in dem Sammelband auch der ägyptische Mystiker Henri Boulad SJ, der Geraser Abt Michael Prohazka, der Pastoraltheologe Paul Zulehner, die Psychotherapeuten Arnold Mettnitzer und Theodor Itten sowie die deutsche Karmelitin Waltraud Herbstrith zu Wort. Herausgeber und Komponist Marthé schildert selbst in einem Beitrag seinen persönlichen spirituellen Werdegang, der schließlich in der „erdwärtsmesse“ mit ihren acht Räumen der Gottesbegegnung und Selbstfindung gipfelte. Ergänzt wird der Band durch einen Live-Mitschnitt des mit der „erdwärtsmesse“ musikalisch gestalteten Gottesdienstes, die begleitend zum Symposion im Brixner Dom gefeiert wurde.

(KAP)

 

 

 

Mehr Dazu

Der Band „Die Heilige Messe - kultisch, szenisch, sinnlich, mystisch“ ist im deutschen Echter Verlag erschienen, umfasst 215 Seiten und kostet 24 Euro.

 
 
TV-Tipp

Orientierung

Das ORF-Religionsmagazin "Orientierung" berichtet am kommenden Sonntag, 29. Jänner, über das Buch.