News 27. 01. 2012

Kirchenreform: Gemeinsame Sorgen, verschiedene Lösungsansätze

Die Kirche befindet sich in einem kritischen Zustand, Reformen sind dringend notwendig: Darin waren sich der Wiener Dogmatiker Prof. Jan Heiner Tück und der Obmann der Pfarrer-Initiative, Helmut Schüller, bei einer Diskussion im Stift Klosterneuburg einig. Zu konkreten Reformschritten gingen die Meinungen dann aber doch auseinander.

Prof. Jan Heiner Tück kritisierte, dass durch den "Aufruf zum Ungehorsam" der Pfarrerinitiative zumindest ein "Riss" durch die Kirche entstanden sei: "Das geht zu weit", so Tück wörtlich. Zugleich mahnte der Dogmatiker aber auch ein offenes Ohr der Bischöfe für die Anliegen der Kirchenbasis ein.

"Ungehorsams"-Begriff

Schüller konterte, dass sich die Pfarrerinitiative nach langen Überlegungen für den "Ungehorsams"-Begriff entschieden habe. Vieles geschehe bereits in der pastoralen Arbeit in großer Diskrepanz zur Kirchenordnung. Das wollte man aufzeigen und nicht weiterhin das Wirken in mehr oder weniger heimlichen pastoralen "Nischen" propagieren. Letzteres sei zudem sehr unsolidarisch, hänge es dann doch immer von der konkreten Pfarre und dem konkreten Pfarrer ab, wie die Seelsorge in der Praxis ausgeübt wird, so Schüller.

Schüller: Nicht weniger, sondern mehr Gemeinden

Die Kirchenleitungen müssten sich nach Ansicht des Obmanns der Pfarrerinitiative die Frage stellen, "wie sie die bestehenden Gemeinden unterstützten könnten anstatt zu überlegen, ob sie diese überhaupt noch braucht". Auch dort, wo die christliche Kerngemeinde kleiner wird, gebe es viele Menschen in einem weiteren konzentrischen Kreis um die Kirche herum, die angesprochen werden können und wollen, so Schüller: "Wir brauchen nicht weniger sondern noch viel mehr Gemeinden, um näher bei den Menschen zu sein."

Verwaltungsapparat

Dabei gehe es ihm aber nicht um die Etablierung eines großen Verwaltungsapparates. Diesen könne man sehr schlank halten, gerade auch durch Zusammenarbeit und Zusammenlegungen von Verwaltungseinheiten. Es brauche aber die Grundvollzüge der Kirche - Verkündigung, Liturgie und Diakonie - am Ort.

Zu wenig Zeugnis vom Glauben

Einen Anknüpfungspunkt für weitere Überlegungen sah Tück im "gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen", das vom Konzil in den Mittelpunkt gestellt wurde. Die Kirche sei vor allem deshalb in der Krise, weil eine große schweigende Mehrheit zu wenig Zeugnis von ihrem Glauben gebe, sagte der Theologe.

Fehlender theologischer Feinschliff

Zentrales Anliegen der Pfarrerinitiative sei die Eucharistiefeier am Ort in den Gemeinden, sagte Schüller. Es gehe nicht um eine "Kommunionversorgung" der Gläubigen, diese ließe sich auch anders bewerkstelligen. Die Eucharistie sei vielmehr die zentrale Feier, die die christliche Gemeinde immer wieder aufs Neue aufbaut, so der Pfarrer. Nun sei die Situation aber paradox: "Die Gemeinde ist da, aber der Vorsteher fehlt, den es zur Feier braucht."

Provokation

Zum vielfach kritisierten Begriff der "priesterlosen Eucharistie", den die Pfarrerinitiative in ihrem Forderungskatalog verwendet, räumte Schüller ein, dass dieser etwas "ungehobelt" und von "keinem theologischen Feinschliff" sei. Er sei durchaus provokant gemeint, von Anfang an aber auch immer unter Anführungszeichen gesetzt gewesen. Man wolle damit die große Ernsthaftigkeit des Problemes aufzeigen.

Vorsteher

Zur Erklärung der Pfarrerinitiative, sich dafür einsetzen, dass jede Pfarre einen eigenen Vorsteher hat, entgegnete Tück, dass sich diese dabei sicher nicht auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen könnten, wenn sie die bischöfliche Ordination umgehen wollten. Schüller replizierte, er erwarte sich entsprechende Konzepte von der Kirchenleitung.

Zölibat und "viri probati"

Zum Pflichtzölibat erinnerte Tück, dass dieser auf dem Zweiten Laterankonzil 1139 eingeführt worden sei: "Damals gab es gute Gründe dafür. Jetzt muss man nachdenken, ob es nicht auch gute Gründe für eine Änderung der Bestimmungen gibt." Anknüpfungspunkte könnte man bei der orthodoxen oder anglikanischen Kirche nehmen. Zu dieser Frage habe u.a. schon 1970 Joseph Ratzinger in einem Memorandum Anstöße gegeben. Selbiges gelte für die immer wieder gestellte Forderung nach der Zulassung von bewährten verheirateten Männern ("viri probati") zum Priesteramt.

Priestermangel bewusst verstärkt?

Zur Ankündigung der Pfarrerinitiative, Mehrfachzelebrationen an Sonn- und Feiertagen möglichst zu vermeiden, merkte Tück kritisch an, dass die Mitglieder der Initiative den Priestermangel damit noch bewusst verstärken würden. Schüller wies hingegen auf die Sorge um eine würdige Messfeier hin.

 

(Quelle: KAP)