News 30. 01. 2012

Europa: „Neue Herausforderungen für das Zeugnis der Kirchen“

Die christlichen Kirchen in Europa sehen ihr gemeinsames Zeugnis in einer Reihe von Bereichen neu herausgefordert. Das wurde nach einem Treffen des Gemeinsamen Ausschusses der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und des römisch-katholischen Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) in Genf erklärt.

Der europäische Kontinent stehe vor neuen geistlichen, demografischen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, hieß es am Montag zu den Beratungen der beiden internationalen Gremien vom 26. bis 28. Jänner. Die Kirchen bekundeten darüber hinaus ihre Solidarität mit Christen in anderen Teilen der Welt, die in Bedrängnis sind, vor allem in Ägypten, Syrien und zuletzt auch in Nigeria. CCEE und KEK begingen bei ihrem Treffen in Genf den 40. Jahrestag der Gründung des Gemeinsamen Ausschusses, der das höchste Organ für den Dialog zwischen den beiden europäischen kirchlichen Dachverbänden ist und jedes Jahr tagt.

Religionen unter „allgemeinem Verdacht“

Alister McGrath, Theologieprofessor am King's College London, wies bei der Tagung auf die jüngsten Entwicklungen der säkularen bzw. „atheistischen“ Position in Europa hin. Religion werde zunehmend als eine private Angelegenheit betrachtet, die sich nicht auf den öffentlichen Raum auswirken sollte. Gleichzeitig werde eine säkulare Position fälschlicherweise für eine neutrale Position gehalten. Religiöse Institutionen seien zudem einem allgemeinen Verdacht ausgesetzt, der auch gegen Regierungen, Banken und Konzerne gehegt werde: Man attestiere ihnen „Macht, mangelnde Transparenz, Eigeninteressen und finanzielle Rücksichtslosigkeit“. Wenngleich es ein weit verbreitetes Interesse an „Spiritualität“ gebe, werde dies als etwas Persönliches und Individuelles angesehen und nicht notwendigerweise mit Zugehörigkeit zu einer Institution in Verbindung gebracht, so McGrath.

„Stimmen der Mäßigung“

Darüber hinaus müssten die Kirchen auf die weit verbreitete Besorgnis reagieren, dass Religion Extremismus fördere. Sie müssten, wie McGrath sagte, Möglichkeiten finden, mit ihren Angeboten als Stimmen der Mäßigung gesehen zu werden, die in der Lage sind, „soziales Kapital zu schaffen, Toleranz und vor allem Denkweisen zu fördern, die Fanatismus vermeiden“. Der „neue Atheismus“ in einigen Teilen Europas habe allerdings, so der Theologe, auch ein ungeheures öffentliches Interesse an der Gottesfrage entstehen lassen. Hier hätten die Kirchen eine Gelegenheit, sich an der intellektuellen Debatte zu beteiligen und den christlichen Glauben als eine Kraft zum Guten in der Gesellschaft darzustellen.

Präsenz der Kirche im öffentlichen Raum

Der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich beschrieb, wie seine Diözese in einem weitgehend säkularen Umfeld versucht, die christliche Botschaft zu vermitteln. Dies erfordere eine „innere Evangelisierung“, um den Glauben der Christen innerhalb der Kirche zu stärken und sie zu rüsten für die „äußere Evangelisierung“ der umfassenderen Gesellschaft. Eine evangelisierende Kirche müsse sich öffnen und sich nicht davor fürchten, in den öffentlichen Raum zu gehen. Eine solche Präsenz könne nur erreicht werden „durch das Zeugnis von Christen und Christinnen in ihrem Arbeits- und Lebensumfeld sowie durch die Präsenz der Kirche im öffentlichen Raum“, unterstrich Heinrichs. Die Kirche sollte Gelegenheiten wie die Zusammenarbeit mit den säkularen Medien und die Präsenz im Bildungs- und Kulturbereich nützen. Sie müsse zudem Wege finden, den christlichen Glauben durch karitatives Handeln sichtbar zu machen.

Europa braucht nachhaltige Politik

Der Präsident der KEK, der orthodoxe Metropolit Emmanuel von Frankreich, sagte, die jetzige Wirtschaftskrise stelle die Fähigkeit Europas und der EU auf den Prüfstand, „eine nachhaltige Politik zu schaffen“. Eine solche Politik müsste gleichzeitig die Menschenwürde, die Umwelt und die kulturelle Vielfalt achten. Der Präsident des CCEE und Erzbischof von Budapest, Kardinal Peter Erdö, betonte, dass das Engagement für die Einheit der Kirchen Aufgabe aller Christinnen und Christen sei, nicht nur einiger weniger Experten. Arbeit für die Ökumene sei nicht nur ein menschliches Bemühen, sondern auch ein geistlicher Auftrag, der auf die Gebete aller Christen angewiesen sei. Die Neuevangelisierung, um die sich die katholische Kirche in Europa zuletzt verstärkt bemühe, könne nicht geschehen, ohne in eine ökumenische Dimension eingebunden zu sein.

(KAP)

 

 

 

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KEK und CCEE

Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK oder englisch CEC) ist ein ökumenischer Zusammenschluss der evangelischen, anglikanischen, altkatholischen und orthodoxen Kirchen Europas. Sie hat ihren Sitz in Genf. Die römisch-katholische Kirche ist kein Mitglied der KEK, arbeitet aber in der Form einer eigenen überregionalen Organisation, dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) eng mit dieser zusammen. Gemeinsames Ziel ist die Förderung der Einheit der Christen.