News 03. 02. 2012

Pfarrer-Initiative: „Fünffaches Nein“ zu Pfarrzusammenlegungen

Die Pfarrer-Initiative meldet sich erstmals seit dem „Aufruf zum Ungehorsam“ mit einem neuen Papier zu Wort. Unter dem Titel „Protest für eine glaubwürdige Kirche“ wollen die kritischen Priester dem „gegenwärtigen Aushungern der Gemeinden und der Seelsorge unter dem Druck des Priestermangels und der Überalterung des Klerus mehrfach ein entschiedenes NEIN“ entgegensetzen.

„Wir sagen NEIN, wenn wir zusätzlich immer weitere Pfarren übernehmen sollen, weil uns das zu reisenden Zelebranten und Sakramentenspendern macht, denen die eigentliche Seelsorge entgleitet“, heißt es am Beginn des neuen Papiers der Pfarrer-Initiative, das am Freitag auf deren Website veröffentlich wurde. In fünf Punkten, jeweils mit „Wir sagen NEIN“ beginnend, will die Kirchenreformorganisation rund um Obmann Helmut Schüller ihren Kollegen Mut machen, sich bei konkreten Plänen zu Pfarrzusammenlegungen und Pfarrverbänden zu wehren, wie Schüller im Interview mit religion.ORF.at erklärt. „Wir wollen den Priestern, aber auch den Gemeinden, die von Pfarrzusammenlegungen oder von geplanten Pfarrverbänden bedroht sind, Mut machen, Nein zu sagen“, so Schüller.

Reaktion unter anderem auf „Strukturreform“ in Wien

Erst Mitte Jänner hat die Erzdiözese Wien ihre geplante „Strukturreform“ vorgestellt, die zunächst im Wiener Bezirk Favoriten erprobt werden soll. Im Zuge dessen soll das Dekanat so umgeordnet werden, dass jede Pfarre künftig mindestens 4.000 Gläubige umfasst. Für Schüller ist dieses Projekt allerdings nur eines unter vielen. Überall im deutschsprachigen Raum würden Pfarren zusammengelegt und Pfarrverbände gebildet, die Seelsorge leide darunter. Auch er selbst habe sich schon vor Jahren erfolgreich dagegen gewehrt, weitere Pfarren zu übernehmen, erzählt Schüller im Interview. „Ich kenne andere, die das ebenfalls getan haben, aber leider auch viele, die den Mut dazu nicht aufbringen konnten.“ Oft sei der Druck der Diözesanleitungen so groß, dass man sich keine Widerrede zutraue. „Wir wollen diesen Priestern die nötige Rückendeckung geben und ihnen zeigen, dass sie nicht immer nur ‚Ja‘ sagen müssen, sondern auch einmal aus Verantwortung ‚Nein‘ sagen können. Immerhin sind auch wir nur Menschen und nicht bloß Maschinen, denen immer mehr Aufgaben angetragen werden können.“

„Unbiblische Kirchengesetze“

Ein „NEIN“ fordert die Pfarrer-Initiative in den weiteren Punkten des neuen Dokuments dementsprechend auch „zu immer mehr Eucharistiefeiern am Wochenenden, weil so die vielen Dienste und Predigten zu oberflächlichem Ritual und allzu routinierter Rede werden“, „zur Zusammenlegung oder Auflösung der Pfarren, wenn sich keine Pfarrer mehr finden“ und „zur Überforderung der Pfarrer, die man in einen mehrfachen Pflichterfüllungsstress drängt“.  Der Mangel an Priestern werde „zum Gesetzgeber erhoben, statt dem Mangel durch die Änderung unbiblischer Kirchengesetze abzuhelfen“, heißt es etwa in dem Dokument. „Das Gesetz ist für den Menschen da – und nicht umgekehrt. Gerade das Kirchengesetz hat den Menschen zu dienen.“

„Barmherzigkeit über Kirchenrecht“

Im fünften und letzten Punkt bezieht sich das „NEIN“ direkt auf das Kirchenrecht und erneuert jene Forderungen, die im Wesentlichen schon im „Aufruf zum Ungehorsam“ gestellt wurden: „Wir sagen NEIN, wenn das Kirchenrecht ein allzu hartes und unbarmherziges Urteil spricht“, heißt es dort. „Über Geschiedene, die eine neue Ehe wagen, über gleichgeschlechtlich Liebende, die in Partnerschaft leben, über Priester die am Zölibat scheitern und deshalb eine Beziehung eingehen.“ Die – angesichts der Haltung der römisch-katholischen Kirche zur Homosexualität bemerkenswerte – Erwähnung der „gleichgeschlechtlich Liebenden“ ist für Schüller keine besondere Sache. „Es geht uns einfach darum, dass nicht Äußerlichkeiten als Richtmaß für den Menschen angelegt werden, sondern das Innere. Solange gleichgeschlechtliche Partner bereit sind, füreinander einzustehen, soll unserer Meinung nach die Barmherzigkeit vor das Kirchenrecht gestellt werden“, erklärt er.

„Aufruf“ weiterhin aktuell

Das neue Papier will Schüller als „besondere Betonung eines Teilaspekts“ des „Aufrufs zum Ungehorsam“ verstanden wissen, der „natürlich weiter aktuell bleibt“. Zu diesem habe man seit der Veröffentlichung „von vielen Seiten aus dem In- und Ausland Zustimmung und Ermutigung – von bischöflicher Seite jedoch vorwiegend Zurückhaltung, bisweilen auch heftige Ablehnung“ bekommen, heißt es am Beginn des neuen Papiers. Weiter bestehen bleibt auch der Plan, die Initiative zu internationalisieren. „Das bedarf noch einiger Vorbereitung, aber wir kommen voran – schleppend aber doch“, so Schüller. „Wir merken, dass wir in Österreich einen gewissen Vorsprung haben, was Reformdiskussionen angeht. Gleichzeitig zeigen uns die Rückmeldungen aus aller Welt, dass unsere Anliegen überall geteilt werden und nicht nur, wie uns zu Beginn vorgehalten wurde, nur in Österreich gesehen werden.“ Über mögliche Reaktionen – sowohl seitens der Medien als auch seitens der Bischöfe – will Schüller nicht spekulieren. „Wir schreiben nicht in Erwartung irgendwelcher Reaktionen, sondern einfach das, was uns wichtig erscheint.“

 

Michael Weiß, religion.ORF.at

 

 

 

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