News 03. 02. 2012

Theologe Tück: Pfarrer-Initiative bleibt „zu defizitorientiert“

Der am Freitag veröffentlichte neuerliche Protestkatalog der Pfarrer-Initiative bleibt laut dem Wiener Dogmatikprofessor Jan-Heiner Tück „zu defizitorientiert“ und versäumt es, stärker auf potenzielle Ressourcen, etwa bei den Laien in der Kirche, hinzuweisen. Kardinal Schönborn äußerte sich positiv zu der Aussendung und sieht darin eine "Versachlichung der Auseinandersetzung".

Tück bemängelt am fünffachen Nein der Pfarrer-Initiative zum „gegenwärtigen Aushungern der Gemeinden und der Seelsorge unter dem Druck des Priestermangels und der Überalterung des Klerus“, dass sich das Zeugnis der Pfarrer-Initiative vor allem gegen Missstände richte und „nicht für konstruktive Maßnahmen zur Überwindung der Kirchenkrise wirbt“. In einer Stellungnahme gegenüber „Kathpress“ würdigte Tück zugleich, dass die „provokante Rhetorik des 'Ungehorsams'„ fallengelassen und ersetzt wurde durch einen „Protest für eine glaubwürdige Kirche“ - so der Titel der Presseaussendung der Pfarrer-Initiative.

Schönborn: Schreiben kann Versachlichung dienen

Auch Kardinal Christoph Schönborn meldete sich zur neuen Presseaussendung der Pfarrer-Initiative  gegenüber "Kathpress" zu Wort. Der Kardinal sieht in der "Konzentration auf die Arbeitsbedingungen der Pfarrer" einen Schritt in Richtung einer "Versachlichung der Auseinandersetzung". Und weiter: "Auch wenn wir uns nach wie vor in den Lösungs-ansätzen unterscheiden, sehe ich eine konstruktive Gesprächsbasis."

Zeugnis für eine Kirchenreform

Der Theologe Tück weist darauf hin, dass Protest in der Aussendung – „durchaus originell“ – von seinem lateinischen Wortursprung her als „Zeugnis ablegen für“ verstanden wird. Laut Pfarrer-Initiative werde ein „Zeugnis für“ eine Kirchen-reform, „für die Menschen, deren Seelsorger wir sein wollen, und für unsere Kirche“ angestrebt. Auffällig findet Tück allerdings, dass die tiefer liegende Krise des Glaubens nicht weiter ausgeleuchtet werde.

Allgemeiner Trend zur Individualisierung

Nicht nur die Kirche, auch andere Institutionen wie Parteien, Verbände und Vereine hätten heute rückläufige Mitglieder-zahlen. Zunehmende Individualisierung, Pluralisierung und Urbanisierung spiele dabei ebenso eine Rolle wie - im Fall der Kirche - der Trend zur Säkularisierung. Kirchen stünden „wie entlaubte Bäume in der postmodernen Landschaft“, zitierte Tück den deutschen „Vater der politischen Theologie“, Johann Baptist Metz. Das könne aber „nicht primär der Kirchenleitung und ihrer 'Verweigerungshaltung' angelastet werden“.

Unausgeschöpftes Potenzial der Laien

Statt nur auf Mängel im Umgang mit der Krise hinzuweisen wäre es laut Tück beispielsweise „hilfreich“ gewesen, hätte die Pfarrer-Initiative aufgezeigt, „wie gläubige Laien und Priester besser zusammenwirken können, um lebendige Keimzellen der Glaubensweitergabe zu schaffen“. Eine „Pastoral der Nähe“ habe schon der Wiener Theologe Heinrich Svoboda 1909 befürwortet und sei auch heute „sicher zu begrüßen“. Tück warnte jedoch vor dem Modell einer „klerikerzentrierten Versorgungspastoral“. Auch und gerade die Laien seien mit ihren Begabungen und Kompetenzen gefragt. „Hier liegt ein noch unausgeschöpftes Potenzial des II. Vatikanischen Konzils“, meinte der Theologe.

Auf Missstände hinweisen

Tück nannte es „das gute Recht“ der Pfarrer, auf Sorgen und Nöte in der Seelsorge hinzuweisen und vor einer „Dauer-Überforderung“ zu warnen. „Die Bischöfe sollten diesen Ruf nicht einfach übergehen“, riet er. Die „ars celebrandi“ (Kunst des Feierns) in der Liturgie, aber auch das persönliche Näheverhältnis in der Seelsorge seien zweifelsohne wichtige Anliegen.

 

(KAP)

 

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