ZwischenrufSonntag, 05. 12. 2010, 6.55 Uhr - 7.00 Uhr Österreich 1
von Pfarrerin Gabriele Lang-Czedik (Wien)
Auch Evangelischen ist es erlaubt, sich zu freuen. Zur Zeit freue ich mich über die katholische Kirche in Österreich - z.B. über Peter Schipka, den neu gewählten Generalsekretär der Österreichischen Bischofskonferenz. Ich bin mit Peter per Du. - Er ist seit September dieses Jahres mein Nachbar-Pfarrer in Rodaun. Schon zweimal haben wir seither ökumenische Gottesdienste miteinander gefeiert – und einen weiteren haben wir heuer noch vor. Die Vorbereitungen dazu laufen offen, herzlich und auf Augenhöhe – und ich merke, dass das für ihn selbstverständlich ist. Denn seit seiner Jugend ist er mit der Evangelischen Kirche in guter Verbindung. Beim ökumenischen Abendgebet nach seiner Priesterweihe hat auch die evangelische Pfarrerin seines Heimatbezirks Floridsdorf gepredigt. Auch Evangelische können sich mitfreuen.
Peter ist nicht nur Priester, er ist auch Jurist und Wissenschaftler. Zur Zeit schreibt er seine Doktorarbeit über den „differenzierten Konsens zwischen evangelischer und katholischer Rechts-Ethik“. Die Suche nach den Spezifikas und dem Gemeinsamen zwischen den Konfessionen ist ihm ein Anliegen. Und er kann dabei auch die Unterschiede würdigen und stehen lassen. Das ist mir auch in den Gesprächen mit ihm sehr angenehm aufgefallen. Und so ein Mann sitzt bald als Generalsekretär in der Katholischen Bischofskonferenz Österreichs. – Auch Evangelischen ist es erlaubt, sich zu freuen.
Dazu kommt, dass seine Pfarre Rodaun eine ganz besondere ist. Und das hat er auch schon gewusst, als er im September dorthin gekommen ist. Rodaun ist eine Team-Pfarre. Schon Peters Vorgänger war hier auf eigenen Wunsch in den letzten Jahren nicht mehr Pfarrer, sondern als Priester nur mehr Moderator. Denn organisiert wird das katholische Pfarramt in Rodaun von einem Leitungsteam: Allen voran von einer starken Frau. Die hauptamtliche Pastoralassistentin checkt da alles Wesentliche und hält auch zahlreiche Begräbnisse. Der designierte Generalsekretär feiert die Messen und die übrigen Sakramente mit der Gemeinde. Daneben ist im Rodauner Leitungsteam noch ein Gemeinde-Assistent tätig, ein hoch engagierter „Laie“, sowie ein erst vor Kurzem geweihter Diakon, der neben seinem zivilen Beruf in der Pfarre mitwirkt.
Und ein starker Pfarrgemeinderat entscheidet die Richtlinien der Pfarre durchaus demokratisch mit. Zweite Vorsitzende neben dem Priester ist übrigens ebenfalls eine Frau: Eine kluge Biologin, die auch Wortgottesdienst-Leiterin ist.
Auch Evangelischen ist es erlaubt, sich darüber zu freuen. Denn schon seit Jahrzehnten ist die katholische Pfarre Rodaun mit unserer evangelischen Pfarrgemeinde in Liesing herzlich verbunden.
Nun soll Rodaun auch noch Modell für andere Pfarren werden. Der Wiener Erzbischof erzählte am 14. Oktober auf der 3. Diözesanversammlung im Stephansdom, wie er sich früher schwer getan habe mit der Einrichtung der Teampfarre Rodaun, dass er es nun aber als zukunftsträchtige Form der Gemeindeleitung ansieht – gerade in einer Zeit mit immer weniger Priester-Nachwuchs. Der Kardinal bezog sich neu auf das Zweite Vatikanische Konzil, das die Verantwortung aller Getauften in die Mitte rückt. Damit in Zusammenhang betonte der Wiener Erzbischof, dass getaufte und gefirmte Christinnen und Christen Gemeinden und Gemeinschaften leiten können. Die Pfarrgemeinden der Erzdiözese Wien brauchen laut dem Kardinal zwar auch weiterhin einen Priester mit Letztverantwortung – aber auch das sei in besonderer Form möglich, nämlich mit einem Leitungsteam vor Ort - und einem Priester, der nicht immer da ist.
In Rodaun wird das ab Frühling 2011mit dem Generalsekretär der Bischofskonferenz als Moderator genau so sein. Und die Gläubigen werden erleben: Unsere Pfarrgemeinde lebt weiter. Wir organisieren uns selbst. Und das erinnert mich schon sehr an das evangelische „Priestertum aller Gläubigen“, das sich Martin Luther für die ganze katholische Christenheit auf Erden gewünscht hat…
Auch Evangelischen ist es erlaubt sich zu freuen - die katholische Kirche in Wien gibt Anlass dazu…
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