Die Architektur der Welt

„Wenn es jemand gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es gewiss Gott.“ Dieser ironische Aphorismus steht in dem Band „Syllogismen der Bitterkeit“ des französischen Denkers E. M. Cioran.

Gedanken für den Tag 29.3.2017 zum Nachhören:

Gott, der Bach alles verdankt – diese hellsichtige Blasphemie hat mich als Orgelspieler sofort angesprochen. Vielleicht, weil ich manchmal nicht weiß, ob ich religiös bin – besonders dann, wenn ich unter religiösen Menschen bin. Aber wenn ich Bach spiele oder höre, glaube ich es zu wissen. Denn dann ist mir, als würde ich die Architektur der Welt spüren. Dann bin ich in geradezu musikalischer Selbstverständlichkeit eingebettet in Zusammenhänge, die weit über mein individuelles Leben hinausgehen. Und solange Bachs Musik in mir ist, kann nicht alles verloren sein.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Einklang im Grundton F

Besonders gilt das für das Choralvorspiel „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ aus dem „Orgelbüchlein“ von Bach. Es ist ein Trio: Die rechte Hand spielt die Melodie des alten geistlichen Liedes mit einer herben Solostimme, die linke Hand eine Melodie, die die Solostimme mit einem zarten Flötenklang umspielt, und im Pedal erklingt eine Melodie mit auffällig vielen gleichen Tönen hintereinander; da sie voneinander abgesetzt werden müssen, entsteht ganz automatisch ein insistierend-pochender Rhythmus, der diese Komposition als Grundgestus trägt. Das Anklopfen, das Bitten ist musikalisch in Szene gesetzt.

Andrei Tarkowskis Film „Solaris“ wiederholt dieses Bachsche Choralvorspiel „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ immer wieder, und das steigert die Intensität dieser kurzen, aber genau kalkulierten Komposition ins Unermessliche. Wenn ich an den Film denke, denke ich immer nur an dieses Stück. Und solange ich in diesem Stück bleibe, gebe ich mich nicht auf und die Welt nicht auf, ich verharre im Gestus dieses widerständigen Pochens, das sich mit der Welt nicht abfindet. Und manchmal, in meinen schlechten Stunden, hat sich alles auf dieses Orgelstück reduziert, in das ich mich fallen lassen kann, weil sein insistierender Rhythmus mich aufnimmt und weitertreibt, hin zu einem Einklang im Grundton F – einem Einklang, der mir im frommen Gerede suspekt ist, aber diesem Stück von Bach glaube ich ihn.

Musik:

Wolfgang Rübsam/Orgel: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir“ - Choralvorspiel für Orgel BWV 745 von Johann Sebastian Bach
Label: Philips 4381782