Vergessenskultur

Wir leben in einer geradezu atemlosen Vergessenskultur, einer Besessenheit mit den Ereignissen des Augenblicks, die uns nur mehr selten Zeit für die Auseinandersetzung mit der Frage nach größeren Zusammenhängen lässt.

Gedanken für den Tag 4.4.2017 zum Nachhören:

Die schiere Masse täglich neu verfügbarer, ungeprüft ins Netz gestellter Informationen ist so überwältigend, dass es sich oft nicht mehr lohnt, sich mit Nachrichten auseinanderzusetzen, die eine Woche oder gar einen Monat alt sind. Sie sind abgelegte Vergangenheit und längst von den neuesten Nachrichten überholt. Lieber beschäftigen wir uns mit Spekulationen über die Zukunft ungesicherter Neuigkeiten, der sogenannten breaking news, um die es vielleicht schon morgen wieder still werden kann, worauf auch wir sie sofort vergessen dürfen. Die Frage, was hinter ihrem raschen Verschwinden steckt, erübrigt sich dann.

Anna Mitgutsch
ist Schriftstellerin

Mit der Zeit im Einklang

Um mit dem fortwährenden chatten, twittern und liken auf den verschiedenen Foren Schritt zu halten, bedarf es eines riesigen Ideenshredders, um alles, was älter ist als ein paar Wochen zu vernichten. Es ist, als säßen wir in einem Schnellzug, und was vorbeirast, ist nichts weniger als unser Leben.

Apropos Schnellzug: Dort hörte ich ein Gespräch zweier Studenten mit. Sie unterhielten sich über einen wissenschaftlichen Aufsatz und fanden ihn etwas schwerfällig und weltfremd, aber doch recht intelligent, meinte der eine, wenn man bedenkt, dass er aus den sechziger Jahren ist. Später, als sie sich über WhatsApp-Neuigkeiten austauschten, war von der überlegenen Distanz weniger zu spüren. Vielleicht braucht jeder Mensch einen Anhaltspunkt, von dem aus er die Welt betrachtet, und das ist Jean Améry zufolge, die Zeit, mit der man sich ganz und gar im Einklang fühlt.

Musik:

Artis Quartett Wien: „Capriccio für Streichquartett in e-moll op. 81 Nr. 3“ von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: Accord 200342