Langzeitgedächtnis

Das Wissen, das uns jederzeit abrufbar zur Verfügung steht, übersteigt das Fassungsvermögen selbst des aufnahmefähigsten Gedächtnisses. Das ist nicht erst seit Einbruch des digitalen Zeitalters so.

Gedanken für den Tag 5.4.2017 zum Nachhören:

Aber es besteht ein Unterschied, ob ich ein Buch lese, mir Notizen mache und bereits bei der Lektüre ein Thema in meinem Gedächtnis mit anderen Informationen verknüpfe, oder ob ich einen Artikel im Internet überfliege, weil ich ihn ohnehin speichern und jederzeit aufrufen kann. Speichern heißt: für später aufbewahren. Doch wann ist später, wenn wir ohne Atempause zu immer neuen Informationen weitergetrieben werden?

Anna Mitgutsch
ist Schriftstellerin

Erinnerungen formen das Individuum

Warum sind wir so zuversichtlich, dass irgendwann die Zeit kommt, in der wir ohne Zeitdruck alles digital Gespeicherte in Ruhe aufrufen und gründlich lesen, so dass wir es als sicheres Wissen in unserem Langzeitgedächtnis behalten können? Es scheint, je mehr Informationen uns zugänglich sind, desto weniger Wissen schafft es, in unseren Besitz überzugehen. Solange es nicht in unserem Besitz ist, können wir nicht darüber verfügen. Wenn uns jedoch ausreichendes Hintergrundwissen fehlt, das wir jederzeit aus dem Gedächtnis abrufen und mit neuen Informationen kombinieren können, wie sollen wir uns eine Meinung bilden?

Unser Gedächtnis und damit die Fähigkeit Inhalte zu verknüpfen, baut ab, wenn die Verknüpfungen nicht schon vorher eingeübt wurden. Kultur, Sprache, Moral als verbindliche Werte basieren auf dem kollektiven Langzeitgedächtnis. Erst Erinnerungen formen ein authentisches Individuum und schärfen das Bewusstsein von Identität. Eine Kultur des Vergessens bedeutet nicht Modernisierung sondern Barbarei.

Musik:

Nikita Magaloff/Klavier: „Lied ohne Worte Nr. 40 op. 85 Nr. 4 : Andante sostenuto“ von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: Denon 73535