Vergangenheit

Zukunft kann man gestalten, Gegenwart kann man verändern. Doch was ist mit der Vergangenheit? Unsere individuelle Vergangenheit gehört, von den aktenkundigen Fakten abgesehen, unserem Gedächtnis.

Gedanken für den Tag 8.4.2017 zum Nachhören:

Aber dem Gedächtnis ist nicht zu trauen. Es hält sich nicht an die Fakten, es wählt aus, vernachlässigt oft das Wichtigste, alles, wofür wir keine Sensoren haben, wird ausgeblendet, anderes wird zwar gespeichert aber ständig umgeformt, neu gedeutet und neu erzählt. Erinnerung ist keine Konstante, ebenso wenig wie Identität. Nur was unsere Gefühle berührt, hat eine Chance, ins Langzeitgedächtnis aufgenommen zu werden. Unser Gedächtnis ist der Fundus, der unserer Kreativität jederzeit zur Verfügung steht – auch unseren Illusionen, unserem Selbstbetrug und unseren Lügen. Unser Gedächtnis passt sich den emotionalen Bedürfnissen an, es hilft uns, Erfahrungen zu überleben, die bei einem präziseren Erinnerungsvermögen uns zerbrechen ließen.

Anna Mitgutsch
ist Schriftstellerin

Doch gerade, weil wir uns auf unser Gedächtnis nicht verlassen können, ist es wichtig, uns nicht auch noch der Geschichtsvergessenheit zu ergeben. Die Geschichte handelt mit Fakten, sie ist das Korrektiv zum Gedächtnis. Historisches Wissen, das lebendig-Halten der Kultur- und Ideengeschichte geben uns die Deutungsmuster für Gegenwart und Zukunft. Bisher haben es sich nur Diktatoren geleistet, verbürgte Fakten abzuschaffen. Postfaktisch ist ein gefährliches Mode-Unwort. Als Produkt einer neuen Form der Kommunikation bedeutet es, dass faktische Realität durch eine Mehrheit abgeschafft oder manipuliert werden kann. Es legitimiert kollektiven Gedächtnisverlust und überlässt die moralische Urteilsfähigkeit der Willkür von Mehrheiten.

Musik:

Claude Starck/Violoncello und Christoph Eschenbach/Klavier: „Adagio - 3. Satz“ aus: Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 2 in D-Dur op. 58 von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: Claves 508604