Ecce Homo

Beim Betrachten und Nachempfinden des letzten Weges Jesu wird leicht vergessen, dass Jesus selbst sein Tun und Reden eine Provokation für religiöse und weltliche Eliten gewesen sein musste.

Gedanken für den Tag 14.4.2017 zum Nachhören:

Ecce Homo
Weniger als die Hoffnung auf ihn
das ist der Mensch
einarmig
immer
Nur der Gekreuzigte
beide Arme
weit offen
der Hier-bin-Ich

So lese ich bei der Lyrikerin Hilde Domin. Das Einzigartige und Unnachahmliche an Jesus war nicht sein Märtyrertod, war nicht der unvorstellbare Todeskampf, war auch nicht der Tod am Kreuz. Wahrscheinlich waren es nicht nur zwei andere sondern Hunderte, die gleichzeitig mit ihm gekreuzigt wurden. Die Römer haben bei Aufrührern und bei solchen, die dafür gehalten wurden, keinen langen Prozess gemacht. Das äußere Recht sollte gewahrt bleiben, aber das war es schon.

Thomas Hennefeld
ist Landessuperintendent der evangelisch-reformierten Kirche in Österreich

Er hat die Menschen ernst genommen

Was einzigartig war, das war sein Wesen im Leben und im Tod. Das haben auch seine Mörder erkannt. So rief Pilatus, der Prokurator des Römischen Reiches, nach dem Verhör die Worte aus: „Ecce homo!“ Was für ein Mensch! Menschen sind immer einarmig, begrenzt und behindert, geben sich oft mit Halbheiten zufrieden. In diesem Bild des Gekreuzigten von Hilde Domin wird nichts verklärt oder mystifiziert. Es ist ihr wohl bewusst, dass ein Gekreuzigter, dessen Hände von Nägeln durchbohrt sind, niemanden umarmen kann. Sie hat in diesem Bild eine tiefere Wahrheit angesprochen. Und sie hat darin eine Botschaft vermittelt, von der dieser verrückte Wanderprediger so durch und durch erfüllt war: kompromisslos zu leben, sich hinzugeben und die ganze Menschheit zu umarmen. Ganz bei dem anderen Menschen zu sein, ganz zu sein.

Er hat die Menschen wahr- und ernstgenommen in ihrem Schmerz und in ihrem Glück, in Krankheit und in ihrer Frömmigkeit. Hier bin ich. Ich bin dir ganz nahe. Ich bin bei dir. Auch in der Stunde des Todes. Ist das nicht auch eine Sehnsucht in jedem Menschen, die Sehnsucht, nicht irgendwie da zu sein, sondern ganz Mensch zu sein, hier und jetzt, als Ebenbild Gottes?

Buchhinweis:

Hilde Domin, „Gesammelte Gedichte“, S. Fischer Verlag

Musik:

Pieter Wispelwey/Violoncello: „Declamato: Largo - 1. Satz“ aus: Suite für Violoncello solo Nr. 2 op. 80 von Benjamin Britten
Label: Globe GLO 5074