Nicht sehen und doch glauben

Er gehört zu den bekanntesten Figuren aus der Bibel: der ungläubige Thomas. Er wollte zuerst sehen – und erst dann glauben. Er steht heute im Mittelpunkt der Morgengedanken.

Morgengedanken 18.4.2017 zum Nachhören:

Anlässlich des Heimgangs unserer Mutter hat meine Schwester einen Brief an sie verfasst. Die folgende Passage zeigt mir, dass unsere Mutter einen wesentlichen Aspekt der christlichen Botschaft verstanden und gelebt hat:

Christian Öhler
ist römisch-katholischer Pfarrer von Bad Ischl und Geistlicher Assistent der Katholischen Aktion Oberösterreich

Selig, die nicht wegschauen

Du hast mich gelehrt, hinter die Oberfläche von Situationen zu blicken und nicht nach dem äußeren Schein zu urteilen. „Man sieht nicht hinein in einen Menschen…“, hast du gemeint, und dein Mitgefühl hat nicht Halt bei den Opfern gemacht – „mein Gott, mir erbarmt ja auch einer, der sowas Furchtbares macht“ war oftmals deine Aussage, wenn es um die Täter ging. Überhaupt warst du eine chronische „Mitfühlerin“ und es war wohl eine große Stärke und zugleich deutliche Belastung, dass du die Augen nicht verschließen konntest vor all dem Elend dieser Welt.

In den Ostererzählungen repräsentiert diese Haltung der Apostel Thomas. Er möchte die Wunden an den Händen, Füßen und an der Brust des Auferstandenen sehen und berühren, um glauben zu können. „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ wird ihm gesagt. Ich möchte hinzufügen: Selig, die nicht wegschauen, zuschauen, sondern genau hinschauen und glauben im Sinne von nicht resignieren. Die das ihnen mögliche tun, dass die Ursachen von Leid beseitigt werden. Und wo nichts zu machen ist, Leid mittragen, begleiten, „zualosen“ – wie man bei uns sagt.