Die Vermessung des Weiten Landes

Religion und Kunst sind Begriffe, die zwei Phänomene des menschlichen Seins umschreiben. Ich glaube, ich hoffe, aber genauso zweifle ich und hinterfrage ich. Diese Auseinandersetzung mit meinem Inneren setzt genau dort an, wo ich mit dem Verstand alleine nicht hinkomme. Ich betrete die Sphäre des Glaubens.

Gedanken für den Tag 18.4.2017 zum Nachhören:

Kunstwerke aus 22.000 Jahren machen genau diese inneren Dinge sichtbar. Das beginnt bei den Malereien der Höhlen von Lascaux. Sie führen uns vor Augen, dass wir Menschen einen inneren Antrieb haben. Einen Antrieb, der tief in uns schlummert.

Religion und Kunst haben mit dem innersten Sein zu tun und beide Begriffe waren und sind bis heute hart umkämpft. Die unzähligen theoretischen Schriften und heftig geführten verbalen Auseinandersetzungen zeugen davon. Der Anspruch auf die alleinige Bedeutungshoheit der Begriffe führt gar zu Kriegen und Gewalttaten.

Elena Holzhausen
ist Diözesankonservatorin am Referat für Kunst und Denkmalpflege der Erzdiözese Wien

Gemeinsamkeit und Verschiedenheit

In der Auseinandersetzung mit Kunst heißt es schnell: „Darüber kann man nicht streiten“ oder „Kunst kann man nicht erklären“. Schnell ist ein Feigenblatt parat, etwa Schnitzlers Metapher des weiten Landes. Nur nicht genau hinschauen, nur nicht zu tief schürfen. Durch die Metapher Weites Land ist es ganz leicht, sich einem Gespräch zu entziehen. Man muss dann nicht über die Dinge sprechen, die im Innersten vergraben sind, die man sich nicht gerne ansieht.

Um den Begriff Religion wird unter Denkern und Fragern mindestens ebenso heftig gerungen wie um den Kunstbegriff. Dieser Auseinandersetzung geht man aus dem Wege, indem Religion in den Bereich des Privaten ausgelagert wird. Das Ergebnis ist das gleiche wie bei der Kunst. Man vermeidet so, über das Eingemachte zu sprechen.

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit Religion finde ich einen Gegenentwurf. Eine Möglichkeit, das weite Land zu vermessen. Dazu braucht es Willen, …und Mut. Es braucht Willen und Mut, sich auf die Begriffe und damit Lebenswelten der anderen einzulassen. Ich betrachte fremde oder fremd gewordene Kunstwerke. Ich lasse mich auf die Erfahrungswelten anderer ein, ohne mich gleich verteidigen zu müssen. Wenn ich dann den Dialog über das Erlebte wage, entdecke ich Gemeinsamkeit und erfahre Verschiedenheit als Bereicherung.

Musik:

Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi unter der Leitung von Giuseppe Grazioli: „Danzando nella nebbia - 1. Satz“ aus: Suite aus dem Film „Amarcord“ von Nino Rota
Label: Decca/Universal 4810394 (2 CD)