„Allah und Abendland“: Frankreich

Koran und Marseillaise – Brennpunkt Islam in Frankreich

Zuerst Charlie Hebdo im Jänner 2015, dann Bataclan im November 2015 und schließlich Nizza im Juli 2016: Seit den erschütternden, terroristischen Attacken mit insgesamt mehr als 200 Todesopfern und hunderten Verletzten wird hauptsächlich ein Gesicht des Islam von Frankreich in die Welt transportiert: jenes des radikal-islamischen Dschihadismus. Staat und die Bevölkerung sind weiterhin in Alarmbereitschaft, die Angst vor dem Terror gehört mittlerweile zum französischen Alltag – für Nicht-Muslime wie Muslime.

Tao
Samstag, 1.7.2017, 19.05 Uhr, Ö1

Französischer Reform-Islam?

Das streng laizistische Frankreich will sich nun dem Islam auf neue Weise zuwenden: Die islamischen Institutionen im Land sollen neu aufgestellt werden, der weiteren Radikalisierung von Musliminnen und Muslimen müsse endlich vorgebeugt werden. „Wir brauchen einen Islam, der mit beiden Füßen in der Republik steht“, hieß es von Seiten der französischen Regierung. Es solle ein „französischer Islam“ entstehen: einer, der mit den Werten der Aufklärung der laizistischen Republik in Einklang stehe.

Darüber, wie viele Musliminnen und Muslime in Frankreich leben, gibt es nur Schätzungen; diese reichen von 3,5 bis 9 Millionen, da die Befragung nach der religiösen Zugehörigkeit aufgrund der Antidiskriminierungsgesetze unzulässig ist. Unumstritten ist die immer noch prekäre soziale Situation vieler Musliminnen und Muslime mit Migrationshintergrund. Vor allem jener, die ghettoisiert in den Vorstädten von Paris, Lyon oder Marseille leben – schlecht integriert, ohne Arbeit und Perspektiven. Diese sozialen Brennpunkte ziehen nicht erst seit Aufkommen der sogenannten „IS“ Hassprediger an. Gefühle der Benachteiligung und Diskriminierung sind auch durch weitgreifende, politische Entscheidungen verstärkt worden: Das Tragen des islamischen Kopftuchs ist an staatlichen Behörden, Schulen und Universitäten verboten. Seit 2011 ist auch eine Vollverschleierung in der Öffentlichkeit untersagt.

Das Zusammenleben in Frankreich zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen wird schwieriger. Immer öfter sind französische Musliminnen und Muslime auch Anfeindungen ausgesetzt. Die Zahl anti-muslimischer Übergriffe hat sich im Vergleich zum Vorjahr im Jahr 2015 verdreifacht. Unmut regt sich innerhalb der muslimischen Community zudem ob der erwähnten politischen Pläne für einen verordneten, französischen Reformislam – für viele haben diese Pläne einen kolonialistischen Beigeschmack. Mit dem Erbe der Kolonialzeit, den vielen Migrantinnen und Migranten aus Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunesien) sowie dem Spannungsfeld Laicité und Scharia hat Frankreich nämlich seine ganz eigene Geschichte – gerade auch in Zusammenhang mit der Religion der Musliminnen und Muslime.

Kerstin Tretina berichtet aus Frankreich zum Status Quo der heiklen Lage des dortigen Islam – als Schlussteil der fünfteiligen TAO-Reihe „Allah und Abendland – Islam in Europa“.

Gestaltung: Kerstin Tretina

Tao 1.7.2017 zum Nachhören: