Der Tanz ums Goldene Kalb Auto

Glücklich darf sich schätzen, wer kein Diesel-Auto fährt. So jedenfalls scheint es, wenn man dieser Tage Nachrichten hört: Allerorten werden die Selbstzünder verteufelt. Hierzulande sind etliche davon betroffen, davon zeugt mein persönlicher Eindruck, den ich bei anfahrenden Autos an Ampeln etwa habe.

Zwischenruf 6.8.2017 zum Nachhören:

Aber auch die Statistik sagt: Österreich ist Dieselland, mehr als die Hälfte der zugelassenen Autos in der Alpenrepublik sind Selbstzünder. Und nun? Pech gehabt, den falschen Leuten vertraut, die seit Jahren vom „Sauberen Diesel“ reden und das Blaue vom Himmel versprechen? Als ob die Alternative viel besser wäre. Auch benzingetriebene Autos verschmutzen die Luft, auch Elektroautos erzeugen Feinstaub mit ihren Bremsen und der Strom muss ja auch irgendwoher kommen. Abgesehen von den Flotten der Schiffe, der LKW und so weiter, die alle mit Diesel oder Schweröl betrieben werden.

Marco Uschmann
ist evangelisch-lutherischer Pfarrer und Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Saat“

„Wahlkampfgetöse“

Eindeutig ist: Die Gesellschaft funktioniert nur mit Mobilität. Waren- und Personenverkehr müssen stattfinden, denn so ist das gemeinsame Leben organisiert. Nicht nur in Österreich oder im Nachbarland, das gerade vom sogenannten Dieselskandal geschüttelt wird. Die Wirtschaft steht auf dem Spiel, heißt es von dort. Das Gütesiegel „Made in Germany“ wackelt. Das Vertrauen sei missbraucht und zerstört. Dem stimme ich zu. Wenn deutsche Ingenieursleistung dazu missbraucht wird, Grenzwerte zu umgehen und Tests auszuhebeln, dann ist da etwas falsch gelaufen. Und zwar offensichtlich über Jahrzehnte.

Dazu kommt noch die emotionale Ebene: Der Tanz ums Goldene Kalb Auto liegt den Menschen offensichtlich im Blut, und das nicht nur in Deutschland, sondern auch hierzulande. Abgesehen von aller Notwendigkeit, dass Menschen mobil sein müssen, wollen sie am Leben teilhaben. Selbstverständlich gibt es etliche andere Mobilitätslösungen – der öffentliche Verkehr leistet hier Enormes, gerade in den Städten. Hier ist er sicherlich der richtige Weg – aber auf dem Land, und Österreich ist überwiegend ländlich strukturiert, ist der öffentliche Verkehr noch immer umständlich und - sagen wir es einmal so – durchaus ausbaufähig. Die Situation ist sehr komplex, viele Interessen spielen eine Rolle. Selbstverständlich muss sich etwas ändern, bei den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das beginnt bei Förderungen und schließt unter Umständen auch Fahrverbote mit ein. Über deren Sinn kann ich nicht urteilen, mir scheint nur manches von dem Gesagten derzeit auch unter die Rubrik „Wahlkampfgetöse“ zu fallen. Denn auch im Nachbarland wird ja im Herbst gewählt. Und Deutschland ist nun mal eines der führenden Automobilländer.

Welterschöpfungstag

Der wichtigste Hebel aber liegt bei den Menschen selbst. Denn sie sind ja Käufer und Käuferinnen, der Autos zum Beispiel. Aber auch der Waren, die sie täglich aus dem Supermarkt holen. Sie sind ja die Fahrgäste – in den Bussen und Zügen des öffentlichen Verkehrs etwa. Und sie sind diejenigen, die von A nach B wollen. Nun ist es immer mit Aufwand verbunden, eingefahrene Gleise zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Die Kirchen fordern dies seit Jahrzehnten und nennen das Schöpfungsverantwortung.

Dazu passt, dass in der vergangenen Woche der sogenannte Welterschöpfungstag war: Nach Angaben von Entwicklungs- und Umweltorganisationen war dies heuer der 2. August. An diesem Tag hat die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren und nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Für den Rest des Jahres lebt die Menschheit von den Reserven der Erde. Letztes Jahr reichten die Ressourcen noch bis zum 8. August. Es wird endlich Zeit zu handeln.

„Wirtschaften im Dienst des Lebens“

Zumindest für die evangelischen Kirchen kann ich sagen, dass dies durchaus Erfolg hat: Immer mehr Pfarrgemeinden sind etwa sogenannte Klimaaktiv-Partnerinnen, eine Initiative der Klimaschutzinitiative des österreichischen Umweltministeriums. Die evangelische Kirche als Ganze ist Klimaaktiv-Partnerin seit 2015. Beispiele dafür sind etwa das Gebäudemanagement oder eben das Einkaufsverhalten der Pfarrgemeinden. Die Initiative nennt sich „Wirtschaft im Dienst des Lebens“ und der Name ist Programm: So ist es Ziel, dass die Wirtschaft dem Leben dient und nicht das Leben gefährdet.

Es geht auch darum, wie wir selber – als Privatperson, Pfarrgemeinde, Kirche, Gesellschaft wirtschaften, deshalb heißt es auch manchmal „Wirtschaften im Dienst des Lebens“. Und es funktioniert: Am 30. September feiern die evangelischen Kirchen auf dem Wiener Rathausplatz ein großes Fest zum 500. Reformationsjubiläum. Erwartet werden über 10.000 Feiernde. Das ganze Fest ist als sogenanntes „Green Event“ angelegt. Es muss also zum Beispiel CO2-neutral gestaltet sein. Selbstverständlich werden nur Pfandbecher ausgegeben für die Getränke, die Anreise soll mit öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgen und so weiter. Das bedeutet einen erheblichen Mehraufwand – der sich aber lohnt.

Gesellschaftlicher Wandel

So wirken und bewirken einzelne Menschen einen gesellschaftlichen Wandel. Das kann funktionieren. Es ist zwar, zumindest anfangs, mühsam und manchmal auch lästig. Aber die Verantwortung gegenüber der Welt und der Umwelt lässt hier keine Alternative. Die Kirchen nennen das Bewahrung der Schöpfung. Dieser Auftrag kommt direkt von Gott und findet sich auf den ersten Seiten der Bibel, in der sogenannten Schöpfungsgeschichte. Das ist von bebauen und bewahren die Rede. Beides ist den Menschen aufgetragen und beides funktioniert miteinander. Es muss nur jeder und jede an seinem Platz dafür das Notwendige tun.