Wandern in finsterer Schlucht

Vielleicht wird diese Quelle heutzutage nicht mehr oft genutzt – aber die Bibel enthält viele Worte des Trostes für schwierige Lebenssituationen. Das gilt besonders für das Buch der Psalmen im sogenannten Alten Testament.

Morgengedanken 6.9.2017 zum Nachhören:

Der Psalm 23 weiß um die dunklen, unheilschwangeren Seiten des Lebens, die in jeder menschlichen Biografie zu finden sind. Zugleich ist uns jedoch sicheres Geleit durch die schweren Zeiten des Lebens zugesagt, wenn es im Vers 4 heißt: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“

Annamaria Ferchl-Blum
ist Theologin und Fachinspektorin für katholischen Religionsunterricht in der Diözese Feldkirch in Vorarlberg

Ein Stück mitwandern

Nicht nur weil ich selber überzeugte Fußgängerin bin, spricht mich das Wort „wandern“ in diesem Vers besonders an. Diese Gehbewegung ist an sich tröstlich, schließt sich doch die Aussicht auf ein Weiterkommen und Ankommen im Licht mit ein. Der Psalmist denkt gar nicht an ein Ausharren-Müssen, Sitzenbleiben oder gar Einrichten im Leid. Es geht ums Durchwandern ohne Angst vor dem bodenlosen Unheil. In einem Gedicht von Hilde Domin, die die Schrecken der Nazizeit erlebte, heißt es: „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“. Um dieses Risiko und dieses Vertrauen geht es im Psalm.

Manchmal brauchen wir dazu Menschen, die ein Stück mitwandern und uns so zum Stock und Stab der Zuversicht werden. Vielleicht gehen Sie heute solidarisch mit einem Menschen ein Stück des Weges durch seine finstere Schlucht und halten mit ihm Ausschau nach dem Hellen, das auch am Ende dieses Weges steht.