„Gleich einem Luftgespinst der Wüste“

Wenn ich in den Gedichten von Theodor Storm blättere, bleibe ich immer wieder an denen hängen, die die Erfahrung der Liebe zum Ausdruck bringen.

Gedanken für den Tag 15.9.2017 zum Nachhören:

„So komme, was da kommen mag! / Solang du lebest, ist es Tag“ – so beginnt eines von ihnen. 12 Jahre nach seiner Entstehung stellte es Storm als schmerzlichen Kontrast dem Zyklus „Dunkle Schatten“ voran, den er auf den Tod seiner Frau Constanze hin geschrieben hat. Darin stellt er sich noch einmal vor, sie käme zurück, um wieder mit ihm zu leben. Eines jedoch kann er sich nicht vorstellen: ein Weiterleben nach dem Tod. Der dritte Teil des Zyklus beginnt mit der Strophe:

Gleich einem Luftgespinst der Wüste
Gaukelt vor mir
Der Unsterblichkeitsgedanke;
Und in den bleichen Nebel der Ferne
Täuscht er dein Bild.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Die Liebe überdauert den Tod

Die religiöse Vorstellung der Unsterblichkeit ist für Storm nichts anderes als eine Fata Morgana. An den von ihm verehrten Dichterfreund Eduard Mörike, der im Brotberuf protestantischer Pfarrer war, schrieb er: „Sie wissen ja, dass ich Ihren glücklichen Glauben nicht zu teilen vermag. Einsamkeit und das quälende Rätsel des Todes sind die beiden furchtbaren Dinge, mit denen ich jetzt den stillen Kampf aufgenommen habe.“

Storms einzige Hoffnung ist, dass „die alte ewige Nacht / Mich begräbt barmherzig, / Samt allen Träumen der Sehnsucht.“ Dieses tapfere Ins-Auge-Fassen des Lebensendes, die trotzige Verweigerung religiösen Trostes verdient tiefen Respekt. Und an einem hält Storm jedenfalls fest: an der Treue zu den Toten. Er hat ein Gedicht geschrieben, dessen erste und letzte Strophe lauten:

O bleibe treu den Toten,
Die lebend du betrügt;
O bleibe treu den Toten,
Die lebend dich geliebt!

Es gibt bei Theodor Storm eine Zuversicht, dass die Liebe über den Tod hinaus bleibt und trägt. Am Beginn eines Gedichtes hat er das so ausgedrückt: „Wer je gelebt in Liebesarmen, / Der kann im Leben nie verarmen“.

Literaturhinweise:

  • Theodor Storm, „Pole Poppenspäler“, Reclam Verlag 2002
  • Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Philipp Theison, Alfred Kröner Verlag 2016
  • Theodor Storm, „Zur Chronik von Grieshuus“, herausgegeben und mit einem Nachwort und einem Glossar von Jochen Missfeldt, C. H. Beck Verlag 2013
  • Theodor Storm, „Gedichte. Auswahl“, herausgegeben von Gunter Grimm, Reclam Verlag 2012
  • Theodor Storm, „Immensee und andere Novellen“, Reclam Verlag 2002
  • Jochen Missfeldt, „Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“, Carl Hanser Verlag, 3. Auflage 2013

Musik:

Justus Frantz (Klavier): „Capriccio op. 76 für Klavier in fis-moll - Un poco agitato“ von Johannes Brahms
Label: Teldec 843687