Fakten und Mythen

Was ist Wahrheit? Dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat oder dass es einen Urknall gab und eine Evolution von Milliarden Jahren? Dass der Klimawandel durch Menschen verursacht ist mit all seinen dramatischen Folgen, die zuletzt die Hurrikans Harvey und Irma gezeigt haben, oder dass es ganz normale Schwankungen auf der Erde gibt zwischen Eiszeiten und warmen Zeiten?

Zwischenruf 17.9.2017 zum Nachhören:

Was ist Wahrheit: Dass die Schule unsere Kinder und Jugendlichen verbildet oder dass wir eigentlich ein recht gutes Schulsystem haben, das von einem Großteil der Schülerinnen und Schüler geschätzt wird? Dass Menschen aus anderen Ländern sich relativ gut in Österreich integrieren können oder dass volle Integration nie wirklich gelingen wird? Sprechen Wahlplakate die Wahrheit, wenn von Fairness, Gerechtigkeit, Veränderung gesprochen wird? Was ist Wahrheit?

Gisela Ebmer
ist evangelisch-reformierte Theologin und Religionslehrerin

Die Bibel ist kein Physikbuch

Das haben sich schon die Physiker des 17. und 18. Jahrhunderts gefragt: Kopernikus und Kepler und Galileo Galilei, alle waren sehr religiöse Menschen und mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht unbedingt zum dem passten, was man bis dahin aus der Bibel herausgelesen hatte. Aber: Es könne nicht zwei Wahrheiten geben, so haben sie damals festgestellt: Wenn Gott die Welt erschaffen hat, dann sei das das Werk Gottes. Und wenn Gott die Bibel geschrieben hat, dann sei sie das Wort Gottes. Gott könne sich doch nicht selber widersprechen, sodass er in seinem Wort was anderes sagt als in seinem Werk. Man habe also scheinbar das Wort Gottes bisher falsch verstanden. Man müsse es anders verstehen, sodass es zum Werk Gottes passe.

Die Bibel sei kein Physikbuch, das Auskunft gebe über die Entstehung der Welt. Die Bibel sei ein Glaubensbuch, das etwas darüber aussagt, wie Menschen sich in unserer Welt fühlen können. Nämlich sicher und geborgen, weil alles für uns wunderschön gemacht wurde. Das regt zum Staunen an und zum Genießen der Natur und zum Achten der Schöpfung. Germanische Mythen etwa ließen hingegen die Erde aus einem Kampf der Götter entstehen. Diese Mythen erzeugen wohl eher ein unsicheres Lebensgefühl. Immer ausgeliefert, immer in Angst, was die Götter als nächstes vorhaben.

Fakten vergleichen

Mythen und Fakten sind zwei Facetten von Wahrheit. Fakten sind jene Wahrheit, die man messen, berechnen, anschauen, beweisen kann. Mythen sind gefühlsmäßige Wahrheit, die etwas aussagt über den Sinn und die Bedeutung des Geschehenen. Mythen und Fakten gehören zusammen. Wir können nicht ohne unsere Sinne und ohne Wissenschaft leben, aber wir können auch nicht auf Gefühle und Deutungen verzichten. Je bewusster wir Fakten und Mythen reflektieren und voneinander unterscheiden desto eher nähern wir uns ein wenig einer eventuellen Wahrheit an. Die Gefühle der Mythen kann man nicht verallgemeinern. Sie treffen auf einige Menschen zu, aber nicht auf alle. Gefühle sind vielfältig, so wie es die Mythen sind. Manchen Leuten gelingt es wirklich, sich in Gottes Hand geborgen zu fühlen, für sie ist der biblische Schöpfungsmythos Wahrheit, andere fühlen sich ängstlich und verunsichert, sie empfinden die Bibel als bloßes Märchen.

Zwischenruf
Sonntag, 17.9.2017, 6.55 Uhr, Ö1

Welche Gefühle erzeugen die Mythen der Wahlplakate in uns? Oder geht es gar nicht um Mythen, um Gefühlsäußerungen? Geht es vielleicht tatsächlich um Fakten? Was aber sind Fakten in der heutigen Zeit? Fakten? Alternative Fakten? Fake News? Was kann ich noch glauben? Wer sagt heute die Wahrheit? Wen kann ich wählen? Die Partei, die mir das beste Gefühl gibt, weil sie die schönsten Mythen erzählt? Mythen, die meiner gefühlsmäßigen Wahrheit entsprechen, aber nicht jener von anderen Menschen?

Ich muss mir Zeit nehmen. Ich muss mir wirklich die Parteiprogramme durchlesen und nicht nur die verkürzten Plakate. Ich muss Fakten vergleichen mit anderen Quellen. Nicht gleich alles glauben, was eine Partei oder eine Gruppe von sich gibt. Recherchieren. Vielleicht gibt es andere Erkenntnisse, andere wissenschaftliche Ergebnisse. Denn ich möchte eine selbstständig denkende Bürgerin sein, eine gebildete Österreicherin, die eine gefühlsmäßig und faktisch durchdachte gute Wahl trifft.